Bettina Braun wohnt rund 400 Meter vom Flugplatz entfernt im Memmelsdorfer Stadtteil Lichteneiche. Mit dem Lärm der meisten Propellermaschinen, die in Bamberg starten, hat sich ihre Familie mehr oder weniger arrangiert. Von dem neuen Brose-Jet Cessna Citation kann man das nicht gerade behaupten. Wenn der Flieger der 5,7-Tonnen-Klasse durchstartet, dann ist das in ihrem Haus unüberhörbar: "Wir erschrecken, selbst wenn die Fenster geschlossen sind."

Lautstarke Düsenflieger am Horizont des beschaulichen Bamberger Flugplatzes? Um das Thema Fluglärm war es in Bamberg zuletzt ziemlich ruhig geworden. Auch der geplante Bau eines Brose-Kompetenzzentrums mit zunächst 500, ab 2017 möglicherweise 1200 Arbeitsplätzen an der Breitenau änderte daran zunächst wenig. Sowohl die Stadt Bamberg als auch die Gemeinden Gundelsheim und Memmelsdorf haben der Umwandlung des bislang unter amerikanischer Oberhoheit stehenden Flugplatzes in einen Sonderlandeplatz zugestimmt - mit allen Veränderungen, die sich etwa durch die Verbreiterung der Landebahn auf 23,5 Metern, den Bau eines Towers und eines Betriebsgebäudes ergeben.

Doch glaubt man Bettina Braun, die sich mit vier anderen Anwohnern zu einer Bürgerinitiative zusammengetan hat, hätten die Bewohner der Region guten Grund genauer hinzuschauen. Für sie gilt es als ausgemacht, dass der Bamberger Flugplatz nach der Brose-Ansiedlung nicht mehr das sein wird, was er in den letzten Jahren war - eine Landebahn, an der man immer noch gut wohnen und schlafen kann.

500 Unterschriften haben die Anlieger nach eigenen Angaben rings um den Flugplatz gesammelt. Ihre Befürchtung: Das Versprechen von Stadt und Aeroclub, dass der Flugverkehr nur moderat wachsen werde, sei eine Beruhigungspille. "Hier sollen Fakten unter den Teppich gekehrt werden", schimpft Franz Herold. Dabei geht es ihm keineswegs darum, die Brose-Ansiedelung auszubremsen. "Wir wollen aber zuverlässige Informationen über den zu erwartenden Fluglärm."

Doch genau die gibt es bereits. Sagt Thomas Siewert vom Aeroclub Bamberg. "Wir haben sogar Testflüge gemacht, um die Belastung in den umliegenden Gemeinden zu ermitteln." Zumindest der Aeroclub gibt Entwarnung: An nur ganz wenigen Stellen habe der gemessene Lärm überhaupt den Schwellenwert erreicht. Auch die Zahl der Flugbewegungen soll in den nächsten zehn Jahren nur um 14 Prozent steigen. Laut Siewert sind 2012 gerade einmal 2000 Motorflugzeuge in Bamberg gestartet - ein Negativrekord.

Kein Grund zur Sorge also? Die Bürgerinitiative misstraut diesen Werten, weil sie aus ihrer Sicht nicht auf realistischen Annahmen beruhen. Und weil Flugbewegung nicht gleich Flugbewegung ist: "Ein Motorsegler macht wenig Lärm. Die großen Geschäftsflieger sind um ein Vielfaches lauter."

Neue Nahrung haben die Befürchtungen der Fluglärmgegner bei einem Gespräch bekommen, an dem auch der Leiter des Brose-Flugservice, Christian Vohl, teilgenommen hat: Dieser habe eine Steigerung von 70 auf maximal 450 Brose-Flügen ab 2014 prognostiziert, wenn das Kompetenzzentrum seinen Betrieb aufnehmen soll. Doch eine Versechsfachung des Geschäftsflugverkehrs will die Initiative nicht hinnehmen. Sie fordert deshalb eine Begrenzung auf maximal 200 Flüge und ein Nachtflugverbot zwischen 22 und sechs Uhr.

Fragt man bei Brose nach, ist das Ganze nur ein Sturm im Wasserglas. Von einer Versechsfachung der Geschäftsflüge in Bamberg könne keine Rede sein, sagt Sprecher Jens Korn. Selbst dann, wenn das Kompetenzzentrum 2017 seine zweite Ausbaustufe erreicht. Er vermutet, dass ein Missverständnis hinter der Aufregung steckt: "Wir haben in ganz Oberfranken ein Potenzial von 450 Flügen. Etwa 70 davon starteten in den vergangenen Jahren in Bamberg, der Großteil in Coburg, wo es übrigens keine Beschwerden wegen des Fluglärms gab." Angaben über die Entwicklung des künftigen Werksverkehrs will Brose nicht machen. "Das hängt von zu vielen Unbekannten ab."

Im Bamberger Rathaus ist man überzeugt, dass Sorgen wegen des Fluglärms unbegründet sind. "Selbst wenn es eine leichte Zunahme gibt, so bleibt es doch ein Werksflugverkehr", sagt Bambergs Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD). Man dürfe den Status eines Sonderlandeplatzes nicht mit dem eines Regionalflughafens verwechseln. Starke bittet um Verständnis für die Entscheidung, die der Stadtrat getroffen hat: "In der Abwägung ging es um das Gemeinwohl für die ganze Stadt."

Doch eben dieses Gemeinwohl sehen andere in Gefahr. Der Bund Naturschutz beispielsweise hat keine Zustimmung zum zivilrechtlichen Genehmigungsverfahren erteilt, weil er wesentliche Voraussetzung für die Genehmigung eines Sonderlandeplatzes vermisst. Dazu zählt der Verband nicht nur eine fehlende artenschutzrechtliche Untersuchung, sondern auch ein aussagekräftiges Lärmgutachten: "Das vorhandene ist veraltet. Erst nach seiner Fertigstellung zog der Brose-Jet dauerhaft nach Bamberg", kritisiert Heinz Jung.

Von einem Nachtflugverbot hält Thomas Siewert vom Aeroclub wenig, ebenso von einer Beschränkung des Geschäftsflugverkehrs. Beides würde den Nutzen des Flugplatzes erheblich schmälern. "Es ist ja gerade der Sinn dieser Flüge, Reisewünsche nach Bedarf zu erfüllen. Dazu gehört auch, dass die Maschinen spätabends zurückkehren." Dennoch sieht Siewert nicht, dass Bamberg künftig Starts und Landungen im Fünf-Minuten-Takt drohen, wie im Memmelsdorfer Gemeinderat formuliert worden war. "Das ist völlig überzogen. Ein bis zwei Werksflüge am Tag, das ist aus meiner Sicht locker zumutbar."