40 Prozent Wachstumsrate - das schaffen nicht mal die Chinesen. Aber die Schallplatte hat das geschafft. Seit 2007 verzeichnet die deutsche Musikindustrie bei den Vinylverkäufen rasanten Zuwachs. Selbst für große Mainstream-Bands gehört es heute wieder zum guten Ton, ihre Musik neben CD und Download-Code auch wieder auf Schallplatte herauszubringen. Die Musikindustrie freut sich: Brachten Platten 2007 noch acht Millionen Euro ein, waren es im vergangenen Jahr schon 19 Millionen. Eine lächerliche Summe im Vergleich zu der Milliarde, die mit CDs verdient wurde.

Aber immerhin: "Die Vinylplatte erlebt eine Renaissance, es findet gerade eine Rückbesinnung auf eine wertige Darreichungsform von Musik statt", sagt Jan Köpke.
Er ist Gründer und Geschäftsführer von Popup Records, Musiklabel und Promotion-Agentur aus Hamburg, und koordiniert in Deutschland den Record Store Day (RSD), der am heutigen Samstag zum vierten Mal in Deutschland und zum siebten Mal weltweit gefeiert wird: "Der Record Store Day ist der internationale Tag der kleinen, unabhängigen Schallplattenläden. Es gibt an diesem Tag spezielle Plattenveröffentlichungen in sehr limitierter Auflage von bekannten Künstlern." David Bowie unterstützt die Aktion mit zwei Sonder-EPs, Motörhead, Wire und viele andere machen ebenfalls mit.

Diese Sonderveröffentlichungen haben eine Auflage von 500 bis 2000 Stück, werden nur für diesen speziellen Tag produziert und dürfen nur am Record Store Day in den teilnehmenden Plattenläden verkauft werden. "Die Idee des Ganzen ist es, die kleinen, unabhängigen Plattenläden ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken, weil sich der Musikhandel in den letzten Jahren stark in Richtung der großen Ketten wie Amazon beziehungsweise iTunes oder Spotify verlagert hat", erklärt der 43-Jährige.

Die klassischen Plattenläden hatten daran schwer zu knapsen. Etliche mussten aufgeben, wie das Rex Melodica in Bamberg, das 2009 zumachte. Daniel Becker alias Rex Danny, selbst Vinylliebhaber, jobbte dort früher als Plattenverkäufer. Mittlerweile geht er häufig ins Musicland, das einzige Schallplattengeschäft, das es in der Stadt noch gibt. Den Record Store Day findet er unterstützenswert, meint aber, "für echte Schallplatten freunde sollte jeder Tag Record Store Day sein".

Dieser Meinung ist auch Jan Köpke: "Letztendlich sind Plattenläden doch ein entscheidender Teil der Musikkultur - neben Konzerten und Musikmagazinen sind sie ein wichtiger Bereich, um Musikwissen zu vermitteln." Das sehen die Franzosen ähnlich: Während in Deutschland der Einzelhandel hinter dem Record Store Day steht, "wird er in Frankreich mit Mitteln der staatlichen Kulturförderung unterstützt".

"Nicht nur was für Nerds"

Die Plattenläden in Deutschland helfen sich einfach selbst und haben sich für den Aktionstag am Samstag einiges einfallen lassen, um die Leute anzusprechen: Neben den Sonderveröffentlichungen haben sie Konzerte, Grillfeste oder Autogrammstunden mit Künstlern angeboten. "Der Plattenladen wird dadurch zu mehr als nur dem Ort, wo die Nerds und Plattenchecker ihre Ware beziehen", resümiert Köpke.

Bei aller Begeisterung für die Aktion gibt es auch kritische Stimmen: In Foren beschweren sich Plattenfreunde über Spekulanten, die sich die raren Veröffentlichungen am Record Store Day unter den Nagel reißen, die Platten eingeschweißt lassen und ein paar Jahre abwarten, bis sie sie dann für horrendes Geld bei Ebay verkaufen. Jan Köpke kennt das Problem natürlich auch: "Klar, die Platten sollen nicht bei Ebay landen. Der Record Store Day ist für Fans und nicht für Spekulanten. Verhindern kann man das allerdings nicht." Aber darum geht es bei der Aktion ja nur am Rande.


Die Plattenspielerin

Bamberg — Schallplatten zuhause im Regal zu haben, findet Zeppo Bemsch schön und auch gut. Sie in einer Bar oder einem Club für andere aufzulegen, macht der Bamberger DJane allerdings viel mehr Spaß: "Die Musik, finde ich, hört sich ganz anders an, wenn man sie auflegt. Und ich freue mich tierisch, wenn jemand zu mir kommt und mich fragt, was da gerade läuft!"
Zeppo (45) legt seit zwölf Jahren Schallplatten auf, "mittlerweile zwei-, dreimal im Monat", hauptsächlich im Morph Club, im La Comida und in der Scheinbar in Bamberg. Soul, aber auch Punkrock, Metal und Rock. "Für einen Abend nehme ich etwa 50 Schallplatten mit", erzählt Zeppo, die hauptberuflich als Textildesignerin in einer Breitengüßbacher Stickerei arbeitet. "Das liegt daran, dass ich mich nie entscheiden kann und natürlich nur zwei Drittel davon spielen werde", sagt sie und lacht. Schallplatten begleiten sie schon ihr ganzes Leben lang: "Ich sammle, seit ich zwölf bin. Ich glaube, damit fängt man früh an. Man merkt als Jugendlicher, dass einem Platten gefallen."

"Sie klingen besser als CDs"

Über die Jahre ist eine ordentliche Sammlung zusammengekommen. "Hm, aber was sie mir bedeuten?", Zeppo überlegt... "Ich finde, sie machen was her, wenn sie so im Regal stehen und sie klingen einfach besser als CDs. Für mich ist es wichtig, das, was mir gefällt, auf Platte zu bekommen, alles andere macht mich nicht glücklich. Wenn ich was nur auf CD hab', fühlt sich's echt nicht richtig an." Für Zeppo zählt nicht, möglichst viele Platten zuhause zu haben, "sondern, dass man immer wieder nach Neuem sucht, sich permanent mit Musik beschäftigt". Ein Freund hat bei einem Brand alle Platten verloren, erzählt sie. "Der ist daran fast verzweifelt." Sie lacht wieder: "Ich glaube, für mich wäre das nicht so schlimm - ich würd' mir einfach neue Platten kaufen!"
Die findet sie vor allem im Internet. "Der Plattenladen Rex Melodica in Bamberg musste ja leider schließen. Und da ich nur Neuerscheinungen kaufe, bin ich aufs Internet angewiesen." Riesen wie Amazon sind allerdings nicht Zeppos erste Adresse: "Ich bestelle meist bei Flight 13 oder Hip Hop Vinyl. Oder ich spare mein Geld, fahre nach Hamburg und gehe da in die Plattenläden."


Fall2: Der Plattenjäger und -sammler

Bad Neustadt — Michael May aus Bad Neustadt hat seiner Plattensammlung bereits einen beträchtlichen Teil seines Wohnzimmers überlassen. Und sie wächst und wächst: "So vier bis fünf Platten im Monat gönne ich mir", sagt der 39-jährige Großhandelskaufmann und erklärt, warum er nur noch Vinyl will: "Auf Platte klingt Musik einfach viel besser als auf CD. Außerdem hört man Musik ganz anders, wenn man eine Platte auflegt."
Für May ist es eine Art Ritual: "Ich lege eine Platte auf und weiß, jetzt höre ich eine Stunde lang Musik." Nicht einzelne Tracks, "sondern erst die eine Seite, dann die andere. Die Bands denken sich ja was dabei, wenn sie ein Album konzipieren". Platten-Nachschub besorgt er sich über Mailorders oder direkt bei kleinen Musiklabels wie Sulatron, Nasoni oder Elektrohasch-Records. "Ich liebe Plattenläden. Aber seit zehn Jahren gibt's hier weit und breit keinen mehr", sagt May. Das Konzept des Record Store Day findet er gut, "aber ich finde es total blöd, wenn die raren Sonderveröffentlichungen, die es an dem Tag gibt, von Spekulanten teuer bei Ebay verkauft werden".


Im Plattenparadies

Stöbern, Anhören, Fachsimpeln: Ein Plattenladen ist für Musikliebhaber ein wichtiger Lebensraum. Hier findet Musiksozialisation statt; Stammgäste werden mit "ich hab' da was für dich, das könnte dir gefallen" begrüßt. Auch in Franken gibt es trotz Internet und MP3-Industrie noch Läden, in denen diese Form der Musikkultur gelebt wird.
Erlangen/Coburg/Bamberg — Es gibt ihn noch, den klassischen Plattenladen, in dem sich Singles und LPs stapeln, immer Musik läuft und die Leute hinter der Theke ihre Stammkunden mit "du, ich hab' da was für dich, das könnte dir gefallen" begrüßen. Auch Bernhard Sauer alias Der Schallplattenmann aus Erlangen kennt den Geschmack derjenigen, die in seinem Laden immer auf der Suche nach Neuem sind. "Die Plattenladen-Kultur ist etwas Besonderes, es ist anders, als wenn man im Netz bestellt. Im Laden bekommt man die Fachkompetenz und Erfahrung des Händlers."

Zentrale Austauschbörse

Konsum sei oft zweitrangig: "Im Laden wird viel über Musik geredet. Man tauscht sich aus, redet über Bands, Konzerte. Es gibt viele Nebeneffekte, die lebensbereichernd sind." Sauer hat mitgemacht beim Record Store Day. "Ich finde es gut, dass die Künstler sich zum Fachhandel und zu Vinyl bekennen, indem sie speziell für diesen Tag besondere Platten herausbringen."
Seine Stammkunden hat er vorab auf die Liste der Sonderveröffentlichungen aufmerksam gemacht. Aus den 390 extrem limitierten Titeln suchten sie sich besondere Wiederveröffentlichungen von Alben der Rolling Stones, Mad Season, Bob Dylan und Paul McCartney aus. Sauer gab die Wünsche weiter an Record-Store-Day-Koordinator Jan Köpke und sein Team. "Das ist ein bisschen wie Lotto spielen", sagt Michael Russek, dem der Plattenladen Toxic Toast in Coburg gehört. Auch er hat seine Kunden persönlich und über Facebook auf die Sondertitel hingewiesen und die Bestellungen weitergegeben. "Wenn zum Beispiel eine Platte insgesamt in einer 1000er-Auflage herausgegeben wird und 80 Exemplare davon nach Deutschland gehen, ist es Glückssache, ob man eins davon bekommt." Letztes Jahr lief alles rund, "bis auf zwei Platten habe ich alle bekommen". Wie Sauer hält auch Russek den Record Store Day in Zei ten von Internet-Riesen wie Amazon für ein wirksames Bekenntnis zum Einzelhandel: "Das ist eine super Idee, hat sich mittlerweile etabliert und wird gut angenommen."

Auch das Bamberger Plattengeschäft Rex Melodica war beim Record Store Day dabei. Bis 2009, als die Inhaber aufgeben mussten. Heute gibt es in der 70 000-Einwohner- und Studentenstadt nur noch ein Vinylgeschäft, das Musicland. Carlo Herrmann verkauft darin hauptsächlich gebrauchte Platten, "aber wir fangen auch wieder mit Neuware an" - dank der gestiegenen Nachfrage nach Schallplatten. Herrmann hat vor 25 Jahren "das Hobby zum Beruf gemacht" und mit einem Freund das Musicland eröffnet. Seine nüchterne Bilanz: "Es ging mal. Heute würde ich niemandem mehr empfehlen, einen Laden aufzumachen. Wenn, dann nur als Nebenjob."
Doch wer weiß, vielleicht steigt der Schallplatten-Absatz weiter so rasant, und am Ende bewahrheitet sich der Insiderwitz "Vinyl kills the MP3-Industry" (etwa: "Vinyl macht der MP3-Industrie den Garaus", eine ironische Anspielung auf "Home Taping is killing Music", eine Kampagne der britischen Musikindustrie in den 80er-Jahren gegen Musikfreunde, die Schallplatten mittels Kassetten kopiert und die Musik dann weitergegeben haben).