Sie sind schon eine seltsame Spezies, die Angestellten. Das erkannte bereits Siegfried Kracauer in seiner bahnbrechenden Studie von 1930. Die ist verblüffend aktuell. Taktieren bis in die Körpersprache hinein, eine eigene Angestelltenkultur: Das gab es also schon am Vorabend des Dritten Reichs lange vor dem Boom der Karriere-Ratgeber, die eigentlich nur zwei Botschaften haben: 1. Du darfst ein Charakterschwein sein, die anderen sind's auch, 2. Lerne leiden, ohne zu klagen. Halt, zweieinhalb: Suche Ursachen für Schmerz, Angst und Versagen immer in dir selbst, niemals im "System".

Dies sind ideale Voraussetzungen, um Verbiegungen, Brechungen, mehr oder minder subtile Quälereien auf die Bühne zu bringen. Die doch nur ein Abklatsch der Realität sein kann, wie jeder weiß, der länger in einem gut geführten Unternehmen gearbeitet hat. Denn das wird von Prinzipien wie Hass, Intrige, Neid, Verrat, Täuschung regiert. Eigentlich.
Dieses Eigentliche herausarbeiten und ins Groteske übersteigern will die viel gespielte Dramatikerin Ingrid Lausund mit ihrem 2002 uraufgeführten "Bandscheibenvorfall. Ein Abend für Leute mit Haltungsschäden".

Im Studio des E.T.A.-Hoffmann-Theaters hat man die seltene Gelegenheit, den Zuschauern ins Auge zu blicken. Der Hälfte zumindest, denn das Publikum wird exakt geteilt durch die Bühne, eine Art langer Bank oder Theke, auf deren einer Seite der Chef in seinem verschlossenen Zimmer residiert, und auf deren anderer das Off droht (Ausstattung Sabine Manteuffel). Vor dem Allerheiligsten antichambrieren fünf Angestellte, drei Männer und zwei Frauen. Klar, dass sie als Charaktermasken figurieren. Da ist die hübsche Schmitt (Aline Joers), schnippisch und immer auf den eigenen Vorteil bedacht. Ihre Kollegin Kristensen (Verena Ehrmann) laboriert an Selbstzweifeln bei der Selbstoptimierung. Von Zweifeln geplagt ist der sadistische Erfolgstyp Hufschmidt (Volker J. Ringe) nicht, der vornehmlich den verhuschten Kruse (Patrick L. Schmitz) schikaniert, während Kretzky (Gerald Leiß) sich durchzukaspern sucht.

Immer mal wieder lässt ein fieser Ton die sich belauernden Kollegen erstarren, und eine rote Glühbirne gibt das Signal, dass der Chef - der bis zum Schluss unsichtbar bleibt, dann auftaucht: eine wunderbare Pointe, die hier nicht verraten werden soll - zum Rapport ruft. Einer kommt mit dem Narrenhütchen heraus, einer ist das Gesicht, die Individualität, abhanden gekommen, eine hat gar ein Messer im Rücken stecken, obwohl sie doch ein gutes Gefühl hatte. Dazwischen duellieren sich unsere Angestellten auf der langen Bühne, die zunehmend eine Art Planche wie beim Fechten wird. Am schönsten führen dies Schmitt und Hufschmidt vor, die beim Kollegen-Gespräch den gedachten Subtext gleich mitsprechen und einen Sumpf von Gemeinheit und Vulgarität offenbaren.

Lausens Stück ist eine Farce, und Regisseur Walter Weyers zieht alle Register des Genres, wenn die gedemütigten Angestellten, Täter und Opfer zugleich, wie in einem Totentango (Choreographie Daniela Rüger) über die Bühne gleiten oder zu Mariachi-Trompeten sich sinnloser Hektik hingeben. Dass der Obermacho zum von herrischen Eltern zugerichteten Bübchen im Matrosenanzug regrediert, erschließt sich nicht gleich, ebenso wie knurrende und fiepende Menschenhunde eine Zumutung für so manchen Zuschauer sein dürften. Die Schauspieler agieren allesamt hervorragend; Aline Joers zeigt, dass sie auch Ernstes kann, und Patrick L. Schmitz als geprügelte Kreatur ist bis in die Körperhaltung geduckt. Das Team erntete auch freundlichen Applaus. Man verlässt den Saal jedoch mit Zweifeln. Verschwindet ein wichtiges, hoch aktuelles Thema unter Klamauk? Die Autorin konnte sich wohl nicht so recht zu eindeutiger Kapitalismuskritik entschließen. Wer ist nun Opfer, wer Täter? Da sind die melancholischen Helden Wilhelm Genazinos bei aller Resignation doch heimliche Rebellen und einem lieber als das " Bandscheiben"-Quintett.


Weitere Vorstellungen am 7.-10., 15.-17., 21.-24. Februar. Karten unter 0951/873030 oder kasse.theater@stadt.bamberg.de.