"Am schlimmsten waren die Nächte, die eisigen Nächte, in denen ich durch die Straßen auf der Suche nach einer Schlafmöglichkeit lief", berichtet Toni Weiß (Name von der Redaktion geändert). Zuweilen kam der Bamberger bei Bekannten unter - für kurze Zeit. Zuweilen blieben ihm alle Türen aber auch verschlossen. Quälend langsam verstrich dann die Zeit ab Mitternacht, nachdem die Passanten verschwanden - irgendwann auch letzte Nachtschwärmer. "Ich lief und lief durch die Kälte, mehr schlafend als wach, bis mich die Kräfte verließen." Dann nickte Toni in einem Hauseingang ein oder einer öffentlichen Toilette. "Ich lehnte an einer Wand und schloss die Augen, bis ich mich wieder aufraffte."

Abgestürzt
Toni W.: Einserschüler, Abiturient, Pädagogikstudent, Angestellter im öffentlichen Dienst, dann nach einer Krebserkrankung arbeits- und einige Zeit später obdachlos. "Alles wurde mir zu viel. Ich hab's nicht mehr gepackt, die Dinge schleifen lassen", sagt der 50-Jährige. Alkohol half, zu verdrängen, für einige Momente, verschlimmerte Tonis Probleme aber nur weiter. "So stürzte ich ab", sagt der Bamberger. Fast ein Jahr hatte er keine feste Bleibe, nutzte die Wärmestube von "Menschen in Not", um zu duschen, zu essen und mit anderen zu sprechen, während er sonst schwieg, am liebsten alleine blieb. Schließlich wusste Toni, dass nun auch er zu denen gehörte, die etliche Wohlstandsbürger übersehen.

Bis zu 25 000 Menschen
Im Freistaat schätzt man die Zahl der Wohnungslosen derzeit auf zwischen 20.000 und 25.000 Menschen. Sie fallen durchs Raster, leben im Schatten der Gesellschaft. Das verbindet die Männer, Frauen und Kinder. Jede Geschichte dahinter aber ist einzigartig - wie bei Toni, der sich von anderen Obdachlosen fern hielt, die unter Brücken schlafen, einem am ZOB oder Bahnhof mit 'ner Flasche billigem Fusel in der Hand begegnen: Teilnahmslos der Ausdruck vieler, die nichts mehr mit dem Alltagstreiben um sie herum verbindet. Welche Schicksalsschläge brachten die Menschen auf die Straße, die zuweilen verächtliche, zuweilen auch bange Seitenblicke von Passanten streifen? Viele begreifen nicht, warum Obdachlose durchs soziale Netz fallen. Was wollen sie noch angesichts der Grundsicherung, die jedem zusteht? Angesichts von Notunterkünften, die in Bamberg derzeit rund 25 Männer (Theresienstraße), sieben Frauen und Kinder (Kapellenstraße) und ebenso Durchreisende nutzen, die in der Sutte 17 ein Nachtquartier finden?

Vom Vater übernommen
Waldi Bauer gehört nicht zu denen, die über Notleidende leichtfertig urteilen. "Von meinem Vater habe ich gelernt, ein offenes Herz für Menschen zu haben, denen nichts von all dem blieb, was für die meisten Wohlstand und Besitz bedeutet", meint der Erlanger Universitätsprofessor für Organische Chemie, den etliche Bamberger als Bandmitglied von Schweinsohr Selection und Brand Old kennen.



Zu seinem 60. Geburtstag möchte der Franke den Blick auf alle lenken, die auf der Straße leben und bei Einrichtungen wie "Menschen in Not" Hilfe suchen. Ein Benefizkonzert veranstaltet Bauer mit seinem Brand-Old-Kollegen Uwe Gaasch und lädt darüber hinaus am 15. März zu einer "Stadtführung der besonderen Art” ein: Als Leiter der "Wärmestube" führt Peter Klein an diesem Tag durch das Bamberg all derer, die "Platte machen".

Über 100 in Bamberg
"Ich gehe von mindestens 100 Menschen aus, die in Bamberg obdach- oder wohnungslos sind", sagt Klein. Wer die Nähe anderer in Notunterkünften fürchte, bei Freunden oder Bekannten aber keine Bleibe fände, lande mitunter auf der Straße. "Wobei die Dunkelziffer sicher höher liegt", so der Sozialpädagoge. "Platte zu machen" zeichne Menschen. "Alt wird man nicht unter solchen Bedingungen", meint Peter Klein. "Irgendwann verliere ich den einen oder anderen aus den Augen und erfahre später von Gästen der Wärmestube, dass er gestorben oder in einem Pflegeheim ist." Gleich im ersten Jahr, nachdem der Sozialpädagoge den Treffpunkt 2008 übernahm, habe dieses Schicksal zehn Besucher ereilt. "Auffallend jung waren einige von ihnen, 40 oder nicht viel älter."

"Fünf vor 12"
Toni schaffte den Absprung, bevor es zu spät war, wenn er derzeit auch noch vom betreuten Wohnbereich der Wärmestube aus nach einer längerfristigen Bleibe sucht. Ebenso wie Paul F. (Name geändert), der fünf Jahre lang auf der Straße lebte. Die Trennung von seiner Frau warf den heute 60-Jährigen aus der Bahn. "Ich trank, verlor meinen Job und konnte die Miete nicht mehr zahlen", berichtet der gelernte Maler. Anfangs übernachtete Paul noch bei Bekannten. Irgendwann aber besorgte er sich einen Schlafsack und zog sich unter die Rampe einer Tiefgarage zurück, wo der eisige Wind dem Obdachlosen nicht allzu sehr zusetzte. "Pappe als Unterlage, damit man nicht erfriert und natürlich Alkohol.

Nein, ohne Alkohol erträgst du dieses Leben nicht", sagt der Bamberger, der von der Flasche erst loskam, als es "fünf vor 12" war, wie er sich erinnert. "Ein Arzt teilte mir mit, dass ich ohne Entzug innerhalb kürzester Zeit sterben würde." Und dieser Entzug gelang Paul ohne fremde Hilfe. Wie sieht der 60-Jährige im Nachhinein die Zeit auf der Straße, in der er vom Schnorren lebte und in Parkhäusern schlief? "Das alles wird Normalität. Du denkst nicht darüber nach, wie's weitergeht, bemitleidest dich auch nicht groß selbst. Schließlich hat man sich's nicht anders rausgesucht."

Wie vielen gelingt es, eine neue Existenz aufzubauen? Den wenigsten. "Du brauchst einen Halt wie für mich letztendlich meine Liebe zum Leben und die Angst vor dem nahenden Tod", meint Paul. Dann erwarten Menschen noch viele Hürden - wie die Wohnungs- und Jobsuche in einer Ellenbogengesellschaft, in der jeder in erster Linie an sich selbst denkt.

Glücklicherweise gibt es Menschen, die mit Paul, Toni und anderen fühlen, denen das Schicksal übel mitspielte. "Angefeindet wurde ich in meiner Zeit auf der Straße nicht", berichtet Paul. Verständnis zeigen auch viele Ordnungshüter mit den Obdachlosen, wie Polizeihauptkommissar Gerald Storath als Pressesprecher betonte. "Wir vertreiben keinen bei minus 20 Grad aus einer Tiefgarage, selbst wenn er keine städtische Notunterkunft nutzen möchte." Ein Problem seien aggressive Bettlerbanden, die mit dem Elend anderer Geschäfte machen. Davon mal abgesehen, begreift Storath den Unmut vieler Menschen nicht, denen Obdachlose ein Dorn im Auge sind. "Was ist denn so schlimm daran, wenn einer den Hut aufhält und um einige Groschen bittet?"

Das Konzert von Brand Old für Obdachlose steigt übrigens am 15. März ab 21 Uhr im Jazzkeller. Zur "Stadtführung der besonderen Art" am gleichen Tag ab 17 Uhr sollten sich Interessenten bei Peter Klein unter 2084926 anmelden.