Jedes Jahr besucht der Heilige Nikolaus die Kinder in Franken - oder er sendet zumindest seine treuen Helfer aus. Heuer sind Hausbesuche Corona-bedingt nur sehr eingeschränkt möglich. Zwei langjährige Vertreter des legendären Bischofs von Myra machen sich trotzdem auf den Weg - etwas anders als gewöhnlich. Lieber Nikolaus, viele Kinder warten sehnsüchtig auf Dich. Aber auch Du musst wegen dieser ansteckenden Krankheit Abstand halten. Wie findest Du das? Nikolaus Bernhard: Normalerweise gebe ich jedem Kind die Hand. Und auch in den Seniorenheimen gehe ich möglichst individuell auf die Menschen ein. Das ist heuer leider unmöglich. Nikolaus Tobias: Es ist eine große Herausforderung, gerade, wenn man ein "Freund des Volkes" ist - das bedeutet der Name Nikolaus aus dem Griechischen übersetzt. Aber die Gesundheit geht vor! Man kann den Tag aber auch mit Abstand schön gestalten.

Du wirst also nur wenigen oder gar keinen Kindern direkt begegnen können?

Nikolaus Tobias: Direkte Kontakte wird es heuer nicht geben, das haben wir im Aufseesianum vereinbart. Die Menschen sollen sich schließlich freuen, wenn der Nikolaus kommt, und nicht krank werden. Nikolaus Bernhard: In normalen Jahren habe ich bis zu 20 Nikolauseinsätze, heuer sind es nur drei - und die finden mit speziellen Sicherheitsvorkehrungen statt. So laufe ich beispielsweise nur um den Kindergarten in Obernbreit herum und gehe nicht hinein. Und im Oberickelsheimer Gottesdienst stehe ich im Altarraum - meterweit weg von den Menschen.

Tut Dir ein Jahr Pause vielleicht mal ganz gut, um die alten Knochen zu schonen? Was hast Du Dir für den 5. und 6. Dezember vorgenommen?

Nikolaus Tobias: Ich werde trotzdem unterwegs sein - nachts, denn nicht umsonst gibt es ja die Legende mit den Stiefeln vor der Tür, die der Nikolaus bis zum Morgengrauen füllt. Das ist eine wunderbare Möglichkeit, Kindern und Erwachsenen ohne direkten Kontakt eine Freude zu machen. Mal sehen, wie weit ich rumkomme... Nikolaus Bernhard: Also wenn ich meinen schweren Sack mal ein Jahr nicht tragen muss, ist das schon okay. Aber trotzdem bin ich ein bisschen traurig. Ich hätte die Menschen gerne besucht, denn da entstehen oft ganz wunderbare Momente.

Welche zum Beispiel?

Nikolaus Bernhard: Ein vierjähriges Mädchen mit dunklerer Haut als seine Kindergartenfreunde ist mir besonders in Erinnerung. Als ich zum Abschied das irische Segenslied gesungen habe, hat es mit eingestimmt. Ich habe die Kleine auf den Arm genommen und wir haben das Stück zusammen zu Ende gesungen. Später habe ich erfahren, dass das Mädchen das Segenslied kürzlich von seinen Adoptiveltern gelernt hatte. Heute ist das Kind von damals eine junge Frau, die selbst kürzlich Mama geworden ist. Immer, wenn wir uns sehen, freuen wir uns beide sehr. Nikolaus Tobias: Einmal habe ich eine zweite Klasse besucht, in der evangelische und katholische Christen sowie Muslime waren. Auf die Frage, woher ich komme, habe ich von meinem Heimatort Myra erzählt, der in der heutigen Türkei liegt. Auf einmal war die Begeisterung nicht nur bei den Christen, sondern gerade bei den Muslimen groß: Der Nikolaus als einer von ihnen, ein türkischer Bischof, der hier in Deutschland Geschenke verteilt! Die ganze Klasse war auf einmal richtig interessiert bei der Sache.

Wenn man im dritten Jahrhundert nach Christus in der heutigen Türkei geboren wurde, hat man vieles erlebt, unter anderem die Christenverfolgung. Wie geht es Dir, wenn Du siehst, dass heute wieder viele Menschen auf der Flucht sind?

Nikolaus Tobias: Dass die gleichen Thematiken immer wieder für Leid und Elend auf der Welt sorgen, ist traurig. Nichtsdestotrotz: So wie es menschengemachtes Schlechtes gibt, gibt es auch menschengemachtes Gutes. Es gibt Mitmenschen, die ein offenes Herz und ein offenes Ohr haben für andere, die in Not sind. Auch wenn eine Situation sehr schwierig ist, gibt es Hoffnungszeichen, auf die man setzen und vertrauen kann. Ich werde als Nikolaus nicht aufhören, solch ein Hoffnungszeichen zu sein. Nikolaus Bernhard: Mich empört es, dass auch heute noch Menschen verfolgt werden, zum Beispiel wegen ihrer Religion. Als Nikolaus weiß ich, dass Nächstenliebe, Freude und Miteinander im Kleinen anfangen: daheim, in der Familie, im Kindergarten, im Seniorenheim, eben bei den Menschen, denen man so begegnet. Jeder trägt für sein Verhalten Verantwortung.

Viele Menschen sind wegen Corona ziemlich einsam, manche auch sehr unglücklich. Was ist Deine Botschaft an sie?

Nikolaus Bernhard: Bleibt besonnen und geduldig und geht gut miteinander um. Das wird wieder! Nikolaus Tobias: Auch während Corona kann man Menschen eine Freude machen, die gerade keine haben. Kontaktbeschränkungen und Masken machen uns unnahbar. Aber wir können uns etwas einfallen lassen, um gegenzusteuern. Macht aus dem Negativen etwas Positives! So wie ich im 3. und 4. Jahrhundert die goldenen Äpfel in die Schuhe armer Kinder gesteckt habe. Oder wie ich Ruprecht aus seiner Einsamkeit geholt habe...

Wie hast Du das noch mal gemacht?

Nikolaus Tobias: Ruprecht war ein Holzfäller. Bevor ich ihn kennenlernte, war er als komischer Eigenbrötler verschrien. Es hieß, er gucke immer so grimmig. Eines Tages bin ich auf dem Weg zu den Kindern im kniehohen Schnee durch den Wald gestapft und habe gefroren bis auf die Knochen. Da sah ich ein Haus, in dem Licht brannte. Ich ging hin, klopfte an, Ruprecht machte auf. Er kochte Tee, wir aßen Plätzchen und er war gar nicht seltsam und böse, sondern froh, dass er mal Gesellschaft hatte. Nachdem ich aufgewärmt war, stiefelte ich weiter Richtung Stadt. Aber ich riss am Gestrüpp wohl ein Loch in meinen Sack - jedenfalls war er leer, als ich ankam. Ich machte mir Vorwürfe: Die Kinder würden traurig sein! Aber da kam ein dunkel gekleideter Mann, beide Arme voll beladen mit Geschenken. Ruprecht hatte sie im Wald aufgelesen! Seither ist er mein treuer Begleiter. Die Menschen hatten ihm Unrecht getan.

Hat Dich schon mal jemand mit dem Weihnachtsmann verwechselt?

Nikolaus Tobias: Seit Coca-Cola den Weihnachtsmann "erfunden" hat, passiert das immer wieder. Ich lasse die Kinder in solchen Fällen immer vergleichen: Bischofsmütze gegen Zipfelmütze! Nikolaus Bernhard: Bei uns auf dem Land verwechselt uns so gut wie niemand. Hier kommt nur der Nikolaus.

Was erhoffst Du Dir von Kindern und Erwachsenen für die nächste Zeit?

Nikolaus Tobias: Meine Hoffnung ist, dass die Idee vom Nikolaus und von Weihnachten als dem Fest der Liebe allen Menschen Hoffnung gibt. Aktuell sind etliche Menschen einsam, aber es gibt auch viele, die wegen Home-Office quasi aufeinanderhocken, was zu Spannungen führt. Meine Botschaft: Passt aufeinander auf, unterstützt Euch und schaut, dass es dem anderen gut geht. Das färbt dann auf Euch ab. Nikolaus Bernhard: Den Kindern gebe ich den Rat: Macht Euren Wunschzettel nicht allzu lang, denn das Christkind soll sich ja nicht überanstrengen, oder? Nikolaushilfe: Wer die Spendenaktion des Internats/ Studienkollegs Aufseesianum Bamberg unterstützen möchte, kann an die Liga Bank, DE38 750 903000009007733, spenden (Stichwort: Nikolausaktion). "Wir geben das Geld persönlich an die Mallersdorfer Schwestern in Oradea weiter", verspricht Stiftungsdirektorin Ulrike Linz. Die Schwestern führen ein Kinderheim und helfen mittellosen Menschen in der Umgebung mit Care-Paketen und Brennholz.

INFO:

Tobias Bienert: Der 36-jährige Diplom-Theologe wurde in Lauf an der Pegnitz geboren und kam nach dem Abitur nach Bamberg. Fünf Jahre lang arbeitete er als Pastoralreferent in Coburg, mittlerweile ist er in Bamberg für die Ministrantenarbeit der Erzdiözese zuständig. Seit 2003 ist der Katholik an der Nikolausaktion des Aufseesianums Bamberg beteiligt. Bernhard Scherer: Der 71-jährige Müllermeister wohnt in Obernbreit (Kreis Kitzingen) und ist seit 30 Jahren leidenschaftlicher Vertreter des Bischofs von Myra. Der evangelische Christ sagt: "Nikolaus sein zu dürfen, ist der schönste Job, den man haben kann."