Ein Gaustadter Urgestein wirft einen Stein ins Wasser - und die Wellen schwappen bis zur Oberen Pfarre. Es ist Andreas Stenglein, der Klarheit in Sachen "Sebastian" einfordert. Auf seiner Website orakelt der Gaustadter Altbürgermeister von "Schlamassel und "Räuberpistole", sogar von einer "unredlichen Angelegenheit". Und es ist schließlich Matthias Bambynek, Pfarrer der Oberen Pfarre, der ein abschließendes Machtwort spricht: "Gaustadt hat das Original, die Obere Pfarre die Kopie!"

Tatsächlich munkeln bis zum heutigen Tag Gaustadter, dass sie nur mit einem Duplikat ihres hoch verehrten Sebastians abgespeist wurden. Von diesen Gerüchten weiß auch Michael Göppner zu berichten, Mesner der St. Josefs-Kirche und der Sebastiani-Kapelle zu Gaustadt. Er bereitet den Namenstag des Pest- und Seuchenheiligen Sebastian am heutigen Mittwoch schon einmal rein optisch vor: Aus der Nebensakristei der Kirche holt der Mesner die Figur des Heiligen, die den Gedenkgottesdienst zu seinen Ehren um 18.30 Uhr zieren soll. "Das ist sonst unser Fronleichnams-Sebastian", macht Göppner darauf aufmerksam, dass es sich bei dieser Statue nicht um die umstrittene in der Sebastiani-Kapelle handelt. An Fronleichnam werde Sebastian Nummer zwei blumengeschmückt in Prozession durch Gaustadt getragen. Woher diese Figur stamme, wie alt sie sei, könne er nicht sagen, bedauert der Mesner.

Blick in Inventarband

In dem Inventarband "Die Kunstdenkmäler von Bayern - Stadt Bamberg 4 - Bürgerliche Bergstadt" ist zumindest Sebastian Nummer eins verzeichnet: "Prozessionsfigur des hl. Sebastian, Laubholz, gefasst, etwa 1,52 hoch, vielleicht von Joseph Heußler. 1684 von der Pfarrgemeinde Gaustadt für Prozessionen zur Oberen Pfarre angeschafft ...", so beginnt der Eintrag im Inventarband.

Was nicht darin steht, weiß Heiner Kemmer zu erzählen. Der dienstälteste Kirchenrat der Oberen Pfarre erzählt vom Ursprung der Gaustadter Prozession zum Liebfrauenmünster: Um 1630 herrschte im Lande die Pest, die auf Fürsprache des Märtyrers Sebastian in Gaustadt zum Erliegen gekommen sein soll. Aus Dankbarkeit zog die Gemeinde am Sebastianitag 1631 zu ihrer Pfarrkirche, die Obere Pfarre, in Bamberg. Die Wallfahrt wurde zur Institution: 1684 ließen die Gaustadter eine Figur des Heiligen anfertigen, die mitgetragen wurde. Allerdings sei es in einem Jahr bei der Feier so feucht-fröhlich zugegangen, dass die Gaustadter ihren Sebastian in der Oberen Pfarre vergaßen, schmunzelt Heiner Kemmer. Die Figur blieb dort - bis die Gaustadter "die Obere Pfarre bekniet haben, sie wieder herauszugeben". Der Kirchenrat erinnert sich noch gut an die Verhandlungen in den 1980er Jahren, just als die Sebastiani-Kapelle saniert wurde.

Ein gentleman agreement

"Es kann zu einem gentleman agreement", vervollständigt Pfarrer Bambynek diese Geschichte, nachdem er auf Anfrage unserer Zeitung die damaligen Akten studiert hatte. Der Bamberger Bildhauer Hermann Leitherer fertigte eine Kopie des vergessenen Sebastians an, der mittlerweile in den Besitz der Oberen Pfarre eingegangen war. Die Kopie, für die die Gaustadter (!) Geld gesammelt hatten, blieb als Leihgabe der Pfarrkirchenstiftung Gaustadt in der Oberen Pfarre. Der Original Sebastian kam 1990 als Dauerleihgabe der Oberen Pfarre zurück auf den angestammten Platz in seiner Kapelle.

Auch wenn die Kopie nun im Depot schlummert, ist die Verehrung des gerade auch in Franken so beliebten Heiligen gesichert. Im Chorumgang der Oberen Pfarre befindet sich ein "Sebastiani-Altar". Dieser erinnert daran, dass sich im Jahre 1713 eine Bruderschaft unter dem Patrozinium des heiligen Sebastian in der Oberen Pfarrkirche konstituierte. Andachtsbücher des 19. Jahrhunderts lassen erkennen, dass die Sebastiani-Verehrung dort auch nach Erlöschen der Bruderschaft weitere Fortsetzung fand, wie Werner Scharrer in einem Berichtsband des Historischen Vereins Bamberg dargelegt. Demnach ist die Verehrung ebenso für die Inselstadt und verstärkt noch für das Gebiet der Ackerbürger östlich der Regnitz nachweisbar. Dort hatte bereits 1740 Papst Benedikt XIV. durch die Gewährung eines vollständigen Ablasses für den Besuch der Sebastiani-Kapelle in der Hallstadter Straße am Patroziniumstag die Grundlage zum Entstehen der Sebastiani-Prozession gelegt. Die ging einem Bericht von 1770 zufolge nach dem Festgottesdienst zur damaligen Pfarrkirche Alt-St.-Martin.

Vor dem Abbruch gerettet

Dank der Initiative vor allem der in diesem Gebiet sesshaften Gärtner gelang es nicht nur, die 1803 vom Abbruch bedrohte Kapelle zu retten: 1813 erwirkten sie von der Königlichen Regierung, "ihre" Prozession erneut abhalten zu dürfen, was von 1814 an alljährlich um den 20. Januar wieder geschieht. Eine Tradition, die im Corona-Jahr 2021 aussetzen muss.

Der "Untere Gärtnerverein" erwählte sich 1887/88 den heiligen Sebastian als neuen Zunftpatron. Die "Unteren" Gärtner haben ihren "Bassdl" fest ins Herz geschlossen, den sie bei ihren Prozessionen von der St.-Otto-Kirche nach St. Gangolf mittragen.

Doch auch wenn der Pilgerweg jetzt coronabedingt unterbrochen ist, bleibt die Sebastiani-Oktav aufrecht: Acht Tage lang - von Mittwoch bis zum 27. Januar - wird in St. Otto jeden Morgen um 9 Uhr die Eucharistie gefeiert und nachmittags um 15 Uhr Betstunde gehalten. Ausnahme ist Sonntag, 24. Januar: Dann beginnt die Betstunde bereits um 14 Uhr, in der Gärtnerpatron Sebastian zumindest durch die Kirche getragen wird.

Sebastian

Über das Leben des hl. Sebastian gibt es nur sehr wenige historische Nachrichten. Gesichert ist nur, dass Sebastian - wahrscheinlich ein gebürtiger Mailänder - ein römischer Soldat und Märtyrer war, der an einem 20. Januar, wohl des Jahres 288, starb.

Wohl im 5. Jahrhundert bildete sich folgende Heiligenlegende: Sebastian war ein Soldat der römischen Elitetruppe der Prätorianer, die dem Kaiser als Leibgarde diente. Während der Regentschaft von Kaiser Diokletian (284 bis 305) wurden viele Christen ermordet. Sebastian verheimlichte seinen christlichen Glauben am Hof und nutzte seine hohe Stellung als Hauptmann der Prätorianergarde, um Christen in den Gefängnissen Roms zu besuchen, sie im Glauben zu stärken und für die Bestattung der Märtyrer zu sorgen. Als Diokletian erfuhr, dass der von ihm geschätzte Soldat ein Christ war und Glaubensgenossen half, verurteilte er ihn zum Tode. Der Kaiser ließ Sebastian an einen Pfahl oder Baum binden und - je nach Legende - von den Prätorianern oder von numidischen Bogenschützen erschießen. Als die fromme Witwe Irene seine vermeintliche Leiche vom Pfahl holen und christlich bestatten wollte, entdeckte sie, dass Sebastian überlebt hatte, und pflegte seine Wunden. Kaum erholt, trat der tot Geglaubte dem Kaiser entgegen, um ihm die grausame Sinnlosigkeit seines Tuns vorzuhalten und ihn öffentlich wegen seines Vorgehens gegen die Christen anzuklagen. Daraufhin ließ ihn Diokletian vor seinen Augen am Circus Maximus erschlagen und seinen Leichnam in den Abflussgraben Cloaca Maxima werfen.