Traum oder Alptraum? Lust oder Last? Baron Hermann von Rotenhan sagt: "Ein Schloss zu erben, ist beides." Malerisch - "wie gamooln", sagen sie in den Haßbergen - liegt das Sandstein-Ensemble des Eyrichshofs im Wiesengrund bei Ebern. Die Herbstsonne lässt Erker und Türme golden glänzen und den Tau im Garten glitzern wie tausend Diamanten. Der 52-jährige Schlossherr steht im Kaminzimmer und legt Holzscheite nach. Das offene Feuer gibt dem Saal, der als historische Filmkulisse dienen könnte, warme Behaglichkeit. Auf dem Tisch liegt ein hellblaues Buch. Rotenhan, der als junger Mann ein Praktikum beim "Coburger Tageblatt" absolvierte, weil Journalismus damals eine Berufsoption war, ist nun, über Umwege, zum Autor geworden. Er erzählt vom "Steinernen Erbe". "Für Marquard" steht als Widmung ganz vorne im Buch... von Rotenhan: Mein Bruder Marquard war nur wenig jünger als ich. Wir hatten eine freie, wunderbare Kindheit. Er war immer der Unbekümmerte, ein kreativer Bastler.

Warum "war"?

Er ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Es war mir ein Bedürfnis, ihm dieses Buch zu widmen.

Sie haben Jura studiert, ehe sie zurück nach Ebern gekommen sind, um Eyrichs-hof zu übernehmen. War das eine moralische Verpflichtung als ältestes Kind?

Nein, meine Eltern wussten, dass es nichts bringt, ein Kind zu zwingen, sondern dass es Zweierlei braucht, um solch ein Erbe zu übernehmen: Lust auf die Aufgabe und die Eignung dazu.

Beginnen wir mit der Lust: Wollten Sie schon als Kind Ihrem Vater nachfolgen?

Nein. Es gab Phasen, in denen ich gern Müller geheißen und einen Vater gehabt hätte, der bei Kugelfischer arbeitet. Wenn ich nach dem Beruf meines Vaters gefragt wurde, wusste ich gar nicht recht, was ich sagen sollte: Er kümmert sich um Felder, Wälder und das Schloss?

Wollten Sie gern sein wie alle anderen?

Ja, weil man als "Schlosskind" irgendwie doch immer ein Außenseiter war. Auch dadurch, dass wir daheim Hochdeutsch und nicht Fränkisch sprachen... Nach meiner Zeit im Internat in Salem zog es mich dann in die Welt. Der Wunsch, nach Eyrichshof zurückzukehren, entstand erst später.

Was gab den Ausschlag?

Das 700 Jahre alte Haus hat seinen eigenen Zauber. Der Geist unserer Vorfahren steckt in den Mauern, im Holz, in allem. Vor allem die Handschrift meiner Ur-Urgroßmutter ist unverkennbar. Irgendwann in meinem Studium, noch bevor meine Eltern sich ein Schlösschen bei Eisenach kauften, um dort zu leben, wusste ich: Ich will und kann das Erbe übernehmen.

Welche Eigenschaften braucht man als Schlossherr unbedingt?

Vor allem muss man mit Schulden leben und schlafen können! Und es ist gut, wenn man sich traut - mit Augenmaß -, etwas Neues auszuprobieren und für den Betrieb neue Einnahmequellen schafft.

Weil der Forst nicht genug abwirft?

Der Klimawandel setzt dem Wald derzeit schwer zu. Mit den "klassischen" Einnahmequellen Forst und Vermietung ist ein solcher Familienbesitz nicht zu halten.

Deshalb sind Sie zum "Veranstaltungs-Baron" geworden.

Genau. 2004 begann ich, Gartenausstellungen anzubieten. Wir haben Stallungen zu stilvollen, modernen Räumlichkeiten für Feste umgebaut. Und es kamen große Konzerte dazu, mit Künstlern wie Anastacia, Silbermond, Sportfreunde Stiller, Nena, Wolfgang Ambros, Konstantin Wecker...

Dann kam Corona - und damit ein Jahr quasi ohne Einnahmen aus Veranstaltungen. Wie haben Sie das überstanden?

Zum Glück ist meine Frau Ana die erste "Herrin zu Eyrichshof", die einen freien Beruf ausübt und im buchstäblichen Sinn mit eigener Hände Arbeit Geld verdient: als Kinderzahnärztin in ihrer Münchner Praxis. Das ist gut, denn von meiner Seite kam heuer nicht viel in die Haushaltskasse.

Wo lebt Ihre Familie vorwiegend? In München oder in Eyrichshof?

Wir pendeln. Wochentags sind Ana, unsere drei schulpflichtigen Kinder und ich momentan vor allem in München, am Wochenende in Eyrichshof.

Wohnen Sie am Wochenende dann zu fünft in diesem riesigen Schloss?

Es gibt im Schloss noch zwei Mieter und die Nebengebäude sind auch bewohnt. Aber ja: Im Vergleich zu früher ist das Haus ziemlich leer.

Haben Ihre beiden Kinder aus erster Ehe einen Bezug zu Eyrichshof?

Ja, sie waren oft und regelmäßig hier, leben aber in Wien. Falls Sie wegen eines möglichen Nachfolgers fragen: Jedes Kind soll sich so entwickeln, dass es glücklich wird. Natürlich hoffe ich, dass eines meiner Kinder einmal Eyrichshof weiterführt. Ich bin optimistisch, dass dies auch geschehen wird.

In anderen Adelshäusern gilt die Devise: lieber abschotten als öffnen. Sie dagegen schreiben in Ihrem Buch "Steinernes Erbe" sehr offen über einen großen Teil Ihrer Familiengeschichte.

Wir sind eine Familie wie jede andere, nur, dass wir eben in einem Schloss wohnen und dass Geschichte und Tradition vielleicht einen etwas höheren Stellenwert haben. Das Thema des Buchs brachte es mit sich, "meine Welt" - und mich - zu öffnen. Nur so kann aus meiner Sicht Authentizität entstehen und ein lesenswertes Buch. Ich halte das Sich-Öffnen grundsätzlich für gut. Im Vergleich zu früher hat sich viel positiv gewandelt, alte Berührungsängste sind verschwunden. Was soll daran schlecht sein?

Was wünschen Sie sich - für sich selbst und für Eyrichshof?

Fast zwei Jahre, nachdem ich mein erstes Buch begonnen habe, weiß ich, dass neben der Kreativität und der Freude am Schreiben auch viel Anstrengung in jedem Buch steckt. Trotzdem würde ich gerne ein zweites schreiben - irgendwann auch einen Roman oder Kurzgeschichten. Allerdings wäre es gut, wenn bald die Veranstaltungen - mit oder nach Corona - und der Forstbetrieb wieder anlaufen, um Geld für die anstehenden Aufgaben zu verdienen: ein neues Dach, Schuldendienst, die eigene Familie...

Im Buch schreiben Sie ganz trocken, Sie bemühten sich, dass zu den familieneigenen Ruinen - Ruine Rotenhan und Ruine Raueneck - keine dritte dazukommt...

Ganz genau. Ich will ja nicht der Loser sein, der das "Steinerne Erbe" versemmelt! INFO:

"Steinernes Erbe":erzählendes, persönliches Sachbuch von Hermann von Rotenhan, 188 Seiten, Farbfotos, Allitera-Verlag, ISBN 978-3-96233-246-4, 19,90 Euro