Die Quoten beim Franken-Tatort "Am Ende geht man nackt" waren gut: Fast jeder vierte Fernsehzuschauer schaltete Sonntagabend ein. Am Tag danach wurde eifrig diskutiert: Zum einen über den Inhalt und das Fränkische, zum anderen darüber, wie denn die Flüchtlingsthematik transportiert wurde. Spielte der Fernsehkrimi doch zu großen Teilen in Bamberg, wo es neben Gemeinschaftsunterkünften mit der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken (AEO) auch eine große Unterkunft für Asylsuchende gibt. Dort arbeitet Markus Ziebarth in der Asylsozialberatung, den wir zum "Tatort" interviewt haben.

Herr Ziebarth, haben Sie den "Tatort" als Fachmann mit anderen Augen angesehen?
Markus Ziebarth: Man blickt schon anders drauf, wenn man den fachlichen Hintergrund hat. Das offene Ende und die Tatsache, dass nicht alle Fragen geklärt wurden, machen deutlich: Das ist eine komplizierte und vielschichtige Thematik, die in den seltensten Fällen mit einfachen Antworten oder Zahlen zu erklären ist.

Was fanden Sie gut umgesetzt?
Positiv fand ich, dass das Thema "Flüchtlinge" überhaupt aufgegriffen wurde - vor allem in Bamberg, da es die Menschen hier beschäftigt. Der Film versucht, die verschiedenen Aspekte und Sichtweisen herauszuarbeiten - da sind die Asylsuchenden sowie die Menschen, die kriminell werden. Dann gibt es die Einheimischen, die sich sozial engagieren, genauso welche mit rechtsextremen Ansichten. Es ist gut, dass keine einseitige Sichtweise transportiert wird.

Was bemängeln Sie am Film?
Mir sind ein paar Dinge aufgefallen, die offenbar schlecht recherchiert wurden und das Bild verzerren. Die Aufnahmeeinrichtung Oberfranken unterscheidet sich zum Beispiel deutlich von Gemeinschaftsunterkünften. In einer solchen spielt der Film, doch so wie auf dem Gelände der Lagarde-Kaserne sieht eine Gemeinschaftsunterkunft nicht aus. Das ist meistens ein normales Haus.
Außerdem entsprechen die gezeigten Feldbettenlager nicht mehr der Realität. Das war vielleicht 2015 so, als eine große Zahl Asylsuchender nach Deutschland kam. Außerdem werden im "Tatort" die Behörden untereinander vermischt: Asylanträge werden vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) entschieden, nicht im Rathaus. Sehr auffällig fand ich, dass im Film die Asylbewerber außerordentlich gut Deutsch gesprochen haben. Dabei ist die Sprachbarriere nach wie vor erst mal da.

Apropos Sprache: Wissen Sie, ob sich auch Flüchtlinge den Fernsehkrimi angeschaut haben?
Wenn, dann kann ich mir vorstellen, dass vielleicht in einer Gemeinschaftsunterkunft einzelne Personen - die schon länger hier leben und die Sprache verstehen - den Tatort gesehen haben. Im Fall der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken bin ich mir ziemlich sicher, dass niemand den Film geschaut hat.

Warum?
In der AEO bleiben die Menschen im Durchschnitt drei Monate, das ist keine großartige Integrationszeit. Sprachkurse werden vom BAMF erst nach einem positiven Asylbescheid bezahlt und sind dann auch Pflicht. Flüchtlinge mit Bleiberecht werden dann auf Gemeinschaftsunterkünfte verteilt. Bei uns in der AEO gibt es gar keine Fernseher.

Die Fragen stellte
Anna Lienhardt.