Wer erinnert sich noch an Weihnachten in fernen Kindertagen? Häufig hatte sich damals ein dichter Schneeteppich über die Dächer der Stadt gesenkt - und klirrender Frost sorgte für Schlittschuhfreuden auf Seen und Flüssen.

Doch waren Schnee und Eiseskälte zum Fest wirklich so häufig, wie es uns die Erinnerung vorgaukelt? Der Bamberger Klimaforscher Thomas Foken hat sich die Mühe gemacht und die Aufzeichnungen der Bamberger Wetterwarte bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts ausgewertet. Foken wollte ein wahrheitsgetreues Abbild des Phänomens weiße Weihnachten im fränkischen Flachland erhalten. Und natürlich ging es ihm auch darum zu erfahren, welche Auswirkungen der Klimawandel auf die Wetterereignisse um die Feiertage hat.

Dazu muss man wissen, dass Meteorologen dem jeweiligen Fest bereits dann den Status "weiße Weihnachten" erteilen, wenn am Heiligen Abend und an den beiden darauffolgenden Feiertagen eine Schneedecke von mindestens einem Zentimeter liegt. In der Statistik gelten also auch solche Feiertage als weiß, bei denen die Mini-Schneedecke von einem Zentimeter weder großartige Schlittenfahrten zuließ noch ein besonders winterliches Ambiente verbreiten konnten.

60-jährige Klimarecherche

Doch Foken, emeritierter Professor für Mikrometeorologie an der Universität Bayreuth, ging noch einen Schritt weiter. Um ja keinen Hauch von Winter in der Vergangenheit zu übersehen, listete er in seiner Weihnachtsstatistik auch solche Jahre auf, in denen die weiße Pracht nur an einem oder an zwei Tagen lag. Das Ergebnis der Klimarecherche, die immerhin 60 Jahre in die Geschichte zurückreicht, ist aus Sicht von hartnäckigen Weihnachtsromantikern ernüchternd. Weiße Weihnachten sind zumindest im Bamberger Tiefland ein Phantom, das offenbar umso auffälliger durch die Erzählungen der Menschen geistert, je seltener es auftritt. Viel häufiger als die weiße ist die graue Weihnacht.

Alle acht Jahre sind "weiß"

So gab es in den zurückliegenden 80 Jahren überhaupt nur 18 Mal Schnee an einem der drei Festtage. An allen drei Weihnachtsfeiertagen ging es in Bamberg in 80 Jahren nur zehn Mal winterlich zu, was einer Trefferquote von gerade mal 12,5 Prozent entspricht. Glaubt man der Statistik, finden weiße Weihnachten in der strengen meteorologischen Definition in Bamberg nur alle acht Jahre statt.

Immerhin zeigt die Modellrechnung auch: Die Chancen, dass Bamberg im Corona-Winter wenigstens ein bisschen winterlichen Glanz erhalten könnte, sind in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen. Denn noch nie hat sich das Phantom so lange nicht mehr blicken lassen wie zuletzt - neun Jahre lang.

Wer erinnert sich noch an den letzten nennenswerten Showdown des Nordens in Bamberg? Es war der Dezember 2010, als eine anhaltende feucht-kalte Großwetterlage über vier Wochen hinweg eine Bescherung der besonderen Art bereitete. Praktisch täglich mussten Hausbesitzer zur Schaufel greifen, um die Wege vom Polster der Nacht zu befreien. Jeder kleinste Hang konnte seine Eignung als Schlittenberg unter Beweis stellen, und im Steigerwald verdickte sich der eisige Belag zum Ende des Monats auf eine Mächtigkeit von über 50 Zentimetern.

Freilich: Die meteorologische Punktlandung, die Bamberg am Heiligen Abend 2010 zehn Zentimeter frischen Pulver brachte, muss die Nachwelt büßen: Denn Schnee und Weihnachten scheinen seither konsequent getrennte Wege zu gehen. Klimaexperten verwundert es auch nicht sonderlich, dass winterliche Großereignisse in Bamberg immer seltener werden. So ist es mittlerweile wissenschaftlicher Konsens, dass die Erwärmung des Nordatlantiks Schneefall auch in Franken seltener macht - einfach deshalb, weil weite Teile zwischen Ostgrönland und Spitzbergen auch im Dezember noch eisfrei sind. "Die maritime Polarluft, die über diese Gebiete zu uns gelangt, ist heute deutlich wärmer als vor 30 bis 50 Jahren. Und die Null-Grad-Grenze hat sich im Schnitt um 300 Meter nach oben verschoben", erklärt Thomas Foken diesen Effekt.

Ein Missverhältnis tut sich auf: Während die Erinnerung an weiße Weihnachten aus den Erfahrungen des 19. Jahrhunderts mit dem Ende der kleinen Eiszeit resultiert, haben sich die Realitäten längst geändert. So ist in Bamberg das Weihnachtstauwetter weitaus häufiger als Schnee zum Fest. Weiße Weihnachten - das könnte zu einem seltenen Erlebnis werden, von dem die Alten bei der Weihnachtsgans erzählen.

Doch niemand weiß, ob die Prognosen auch eintreffen. Selbst bei der Frage, ob Weihnachten 2020 tatsächlich wieder grau wird oder ausnahmsweise weiß, tappen die Meteorologen noch im Dezember-Dunkel. Immerhin redet Dominik Jung (wetter.net) davon, dass die winterlichen Eskapaden der vergangenen zwei Wochen zu Ende gehen sollen. Spätestens am Montag soll "wieder die Stunde der Warmluftdüse schlagen", sagt der Meteorologe. Aus Westen werde es deutlich wärmer und der gefallene Schnee schmelze auch in den Mittelgebirgsregionen wieder weg.

Das Russenhoch entscheidet

Ob das bereits das vorgezogene Weihnachtstauwetter darstellt, wie Jung mutmaßt, ist allerdings fraglich. Hört man den Wetterexperten, hängt alles vom russischen Winterhoch Xavier ab, dem großen Unsicherheitsfaktor dieses Dezembers. Derzeit produziert dieser gigantische Haufen Luft Temperaturen bis zu minus 52 Grad. Die spannende Frage der nächsten Tage lautet also: Was macht das Hoch? Rutscht es näher an Deutschland, und wie weit setzt sich wieder eine milde Westwinddrift durch? Einige Modelle sehen das Szenario, dass Xavier an Weihnachten nach Westen vordringt. "Das würde uns zu Weihnachten kalte Luft bringen", sagt Jung. Schnee wäre aber auch dann kaum drin, denn kontinentale Luftmassen sind meist trocken.

Doch es gibt eine Chance, dass es zum Fest 2020 nach zehn Jahren Schneeabstinenz wieder einmal funkt. Dazu braucht es zwei Bestandteile: Über bodennahe Kälte aus dem Osten muss sich feucht-warme Luft aus dem Mittelmeerraum schieben. Vermischen sich beide Luftmassen über Mitteleuropa, sind auch in Bamberg ergiebige Schneefälle drin. Der Traum vom weißen Corona-Weihnachten wäre dann kein Wunschtraum mehr.