Ihren Namen will die junge Frau nicht in der Zeitung lesen. Zu stark noch steht sie unter dem Eindruck des Anrufs und der darin artikulierten Drohungen. Sie stammt aus Afghanistan, lebt aber als Flüchtling inzwischen im Landkreis Bamberg. Dort auch hat sie ihren ursprünglich muslimischen gegen den christlichen Glauben getauscht. "Das müssen andere Muslime mitbekommen haben. Einer von ihnen hat mich angerufen und gedroht, mich umzubringen", sagt sie.

Was die junge Frau erlebt hat, erfüllt in den Augen von Ado Greve nichts Geringeres als den Tatbestand der Christenverfolgung. Greve ist Öffentlichkeitsreferent des überkonfessionellen Hilfswerkes Open Doors, das sich in über 60 Ländern der Welt für Christen einsetzt, die aufgrund ihres Glaubens diskriminiert oder verfolgt werden.

Es fühlt sich intuitiv falsch an, wenn die beiden Worte "Deutschland" und "Christenverfolgung" in einen sachlichen Zusammenhang gestellt werden. Greve weiß um diese Irritation und bemüht sich deshalb, die Dinge beim Namen zu nennen: Wenn Open Doors das Wort von der "Christenverfolgung" in den Mund nehme, dann mit Blick auf die Zustände in den deutschen Flüchtlingsunterkünften.

Viel zu oft müssten christliche Flüchtlinge hier Diskriminierungserfahrungen machen, die jenen in ihren Herkunftsländern glichen. "Sie werden beschimpft, bedroht, geschlagen und bei der Ausübung ihres Glaubens gestört", sagt Greve. Auch aus bayerischen Unterkünften seien Open Doors vergleichbare Vorfälle bekannt. Sagen, wo genau sie sich zugetragen haben, will Greve indes nicht: "Wir wollen die Opfer nicht in Gefahr bringen."

Vielleicht ist Greve für die Fragen religiöser Diskriminierung auch deshalb so sensibel, weil er selbst ein Konvertit ist. Zur Welt gekommen ist er 1961 in Bamberg, wo er bis zu seinem 20. Lebensjahr auch lebte.

Katholisch getauft, konvertierte er als junger Erwachsener zum Baptismus: "Die Begegnung mit einer Frau hat mein Leben entsprechend umgekrempelt." Greve absolvierte eine theologische Ausbildung und leitete später als Pastor eine Gemeinde im Schwäbischen.


200 Millionen Verfolgte

Seit sechs Jahren investiert Greve unter dem Dach von Open Doors seine Kraft in das Ziel, verfolgten Christen in aller Welt beizustehen. "Vor allem in Nordkorea, Somalia und Afghanistan ist es für Christen lebensgefährlich, sich zu ihrem Glauben zu bekennen", sagt Greve.

Diese Länder führt Open Doors in seinem jüngst veröffentlichten Weltverfolgungsindex konsequenterweise auch auf den ersten drei Plätzen. Die Gesamtzahl der weltweit verfolgten und bedrohten Christen beziffert Open Doors mit 200 Millionen. Sie alle könnten ihren Glauben nicht frei praktizieren, seien sozialen und wirtschaftlichen Nachteilen sowie Druck oder Schikanen und offener Gewalt ausgesetzt.

"Das ist ein Alarmzeichen. Die Freiheit von Christen, aber auch von Angehörigen anderer Religionen, ist und bleibt in akuter Gefahr. Wir sind darüber in tiefer Sorge", kommentiert Volker Kauder den aktuellen Weltverfolgungsindex. Mit dem Vorsitzenden der CDU/CSU-Fraktion im Bundestag sitzt ein Unterstützer von Open Doors im politischen Machtzentrum der Bundesrepublik.

Enno Haaks, Generalsekretär des evangelischen Hilfswerks Gustav-Adolfs-Werk, bescheinigt Open Doors seinerseits zwar, "den Finger in die Wunde zu legen", wirft der Organisation im selben Atemzug aber einen unscharfen Umgang mit den Kriterien vor. Haaks bezweifelt deshalb, dass die von Open Doors dokumentierten Fälle tatsächlich ausnahmslos auf den christlichen Glauben der Benachteiligten zurückzuführen sind. Beinahe identische Einwände formulieren Kritiker auch gegen die von Open Doors veröffentlichte Studie "Mangelnder Schutz religiöser Minderheiten in Deutschland".

753 christliche und jesidische Flüchtlinge haben ehrenamtliche Helfer im vergangenen Jahr zu deren religiös motivierten Gewalterfahrungen in deutschen Unterkünften befragt. Die Helfer protokollierten Körperverletzungen, Todesdrohungen, Beleidigungen und Diskriminierungen. In neun von zehn Fällen waren die Täter Flüchtlinge muslimischen Glaubens. 48 der Betroffenen lebten zum Zeitpunkt ihrer Befragung in Bayern.


Heikler Einwand

Wie wahrheitsgetreu Open Doors die Zustände in Flüchtlingsheimen aber widerspiegelt, ist umstritten. So nennt die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern die Veröffentlichungen von Open Doors "oft interessengeleitet und nicht ausreichend recherchiert".

Ein fraglos heikler Einwand ist, dass die Helfer lediglich mit den Opfern, nicht aber mit den mutmaßlichen Tätern gesprochen haben. "Meinen Sie, die Täter würden ihre Taten zugeben?", verteidigt sich Greve.

So aber bleiben Zweifel darüber, ob mancher Konflikt zwischen Flüchtlingen sich in Wahrheit weniger an religiösen als an ganz weltlichen Gründen entzündet haben könnte. "Denkbar sind Alltagskonflikte, die im Zusammenleben von Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Ländern entstehen", sagt Johannes Minkus, Pressesprecher der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern. Diese Einschätzung teilt Alexander Thal vom Bayerischen Flüchtlingsrat: "Das Hauptproblem ist eher, dass in den Unterkünften zu viele Menschen auf zu engem Raum leben." Tatsächlich ist eine unabhängige Bestätigung für die von Open Doors erhobenen Fallzahlen nur schwer zu bekommen. Dem Bamberger Verein "Freund statt fremd" zum Beispiel, dessen Mitglieder sich in der Flüchtlingsarbeit engagieren, sind laut Pressesprecher Enno Jochen Zerbes "bis dato keinerlei Vorfälle dieser Art bekannt".

Das bayerische Innenministerium geht seinerseits "von Einzelfällen" aus.


Unterstützung vom Erzbistum

Dagegen kennt das Erzbistum Bamberg "glaubwürdige Berichte von Übergriffen auf christliche Flüchtlinge durch muslimische Flüchtlinge". "Wir begrüßen deshalb auch grundsätzlich den Einsatz von Open Doors für verfolgte Christen", sagt Harry Luck. Der Pressesprecher des Erzbistums bestätigt "vereinzelte Kontakte, aber keine konkrete Zusammenarbeit" mit Open Doors.

Den Staat nimmt Luck in die Pflicht, die grundgesetzlich garantierte Religionsfreiheit auch in Flüchtlingsunterkünften zu gewährleisten. "Das ist die Bundesrepublik den Flüchtlingen, aber auch sich selber schuldig." Das bayerische Innenministerium dagegen ist überzeugt, dass die zuständigen Regierungen und Behörden schon jetzt "bei der Unterbringung von Asylbewerbern Rücksicht auf Herkunft, Ethnien und Religion Rücksicht nehmen".

Greve sieht das anders: "Es darf nicht sein, dass christliche Flüchtlinge in Flüchtlingsunterkünften nicht wagen, ihren Glauben offen zu leben."