Der Bamberger Autor Jürgen Gräßer hat ein einfaches Rezept gegen die Winterdepression: Er isst Äpfel, lernt Gedichte auswendig und trainiert für den Weltkulturerbelauf. Im Jahr 2012/2013 könnte sein Hausmittel erstmals versagen. Man kann gar nicht so viele Äpfel essen, Gedichte auswendig lernen und Jogging-Kilometer absolvieren, wie nötig wären, um den Winterblues zu besiegen. Vielen Bambergern geht es so: Nach Monaten unter einer meist konturlos grauen Wolkendecke sind sie derart ausgehungert nach Helligkeit, dass jeder neue trübe Tag den Lebensmut ein wenig mehr schmälert. Ein Weltuntergang auf Raten.

Der Blick in die Statistik zeigt, dass die Dauer-Dämmerung keine Einbildung verwöhnter Mitteleuropäer ist, die gerne in den sonnigen Süden flüchten, wenn es hierzulande garstig wird. Nur 48 Stunden lang hat sich unser Zentralgestirn an 62 Tagen im zurückliegenden Dezember und Januar in Bamberg blicken lassen. Nicht wesentlich besser schlägt sich bislang der Februar. Eine Woche vor dem 28. bringt er es gerade mal auf 22 Stunden. Nur der Winter 2009/2010 hatte eine ähnliche negative Bilanz.

Mittlerweile hat sich das Dilemma herumgesprochen. "Der Winter 2012/2013 wird mit großer Wahrscheinlichkeit deutschlandweit als der trübste seit Beginn der Messaufzeichnungen 1951 abschneiden, prophezeit der Wetterexperte Dominik Jung aus Wiesbaden. Kurz vor dem Ende des meteorologischen Winters liegt die Sonne laut Jung gerade mal bei 54 Prozent ihres normalen Pensums.

Durchschnittlich 40 Stunden im Dezember

Und auch das ist bekanntlich nicht üppig. Nach den Daten der an der Bamberger Galgenfuhr gelegenen Station des Deutschen Wetterdienstes, muss man sich im Dezember in Bamberg mit durchschnittlich 40 Stunden Sonne begnügen, mit 53 Stunden im Januar und mit 77 Stunden im Februar. Zum Vergleich: Im sonnigen Madrid bringt es allein der Januar auf über 160 Stunden.

Doch wie erklärt es sich, dass die Franken heuer noch mehr als sonst auf Lichtdiät gesetzt wurden? Wie lange müssen wir noch unter einer undurchdringlichen Wolkendecke ausharren?

Es ist eine Verkettung von ungünstigen Umständen, die dazu führte, dass das Schmuddelwetter seit Monaten in einer Endlosschleife über Mitteleuropa zieht. Da ist das russische Hoch, das es anders als im kalten und sonnenscheinreichen Februar 2012 nicht bis zu uns schaffte. Und da ist das eher schmalbrüstige Azorenhoch, das seine von warmen Südwestwinden begleiteten Ausläufer meist nur bis Spanien schickte. Vor allem aber: Die Westwetterlagen, sonst häufig für stürmische und milde Tage verantwortlich, machen sich bereits seit fünf Jahren rar. Folge: Den Prognosen des Klimawandels zum Trotz ist es in Franken im Winter nicht wärmer und trockener, sondern kälter, feuchter und damit auch trüber geworden. Was heuer zu beweisen war: Selbst wenn gelegentlich schwacher Hochdruckeinfluss herrschte, schaffte es die niedrig stehende Sonne nicht, die über Mitteleuropa wabernde Feuchtigkeit aufzulösen. Franken erlebte einen Winter ohne Sonne.

Depressionen fluten die psychiatrische Klinik

Wie sehr dieses Phänomen unser aller Leben beeinflusst, weiß niemand besser als Göran Hajak, Leiter der psychatrischen Klinik der Sozialstiftung Bamberg. "Die saisonale Depression flutet derzeit unser Haus" sagt der Chefarzt und Psychiater. Nach seinen Angaben nahm die Zahl der an seelischer Verstimmung erkrankten Patienten um ein Drittel zu. Sie leiden so stark an Antriebsschwäche, dass sie sich in Behandlung begeben haben. Weil sie nicht mehr arbeitsfähig sind und bis hin zum Burnout mit schweren gesundheitlichen Folgen des Lichtmangels kämpfen.

Doch das ist nur die Spitze des Eisbergs. Unter dem heuer besonders starken Sonnendefizit, das die Bildung des Glückshormons Serotonin auf einen gefährlich niedrigen Stand absacken lässt, leiden laut Hajak alle Menschen in Nord- und Mitteleuropa. Umso mehr, je weiter nördlich und je naturferner sie leben. "In einem Winter wie diesem sind es rund 20 Prozent, die der saisonalen Depression verfallen." Wichtigstes Symptom, wenn sich das Schmuddelwetter auf die Seele legt: "Man spürt keine Lebensfreude mehr. "

Ausgleichen lässt sich das Fehlen von Helligkeit nur durch möglichst viel Bewegung bei Tageslicht. In manchen Fällen werden depressive Menschen im Klinikum mit weißem Licht behandelt oder mit Vitaminen. Auch durch eine Fahrt in den Süden können genetisch gefährdete Menschen dem Sonnenstreik die Schärfe nehmen "Schon eine Woche Urlaub im Süden genügt, um den Serotoninspiegel für viele Wochen zu stabilisieren", rät Hajak.
Nicht alle können sich diesen Luxus leisten. Besonders, wenn sie beruflich an die heimatliche Scholle gebunden sind wie etwa Carmen Dechant, die in der Heiliggrabstraße die Hofstadt-Gärtnerei betreibt. Auch ihr drückt das düstere Wetter auf die Seele, weshalb sie den Winterblues mit Duft, Kerzenlicht und leuchtenden Farben bekämpft. Freilich lässt sich Gemüse auch durch gutes Zureden nicht aus dem Boden locken: "Für uns als Gärtner ist der Sonnenmangel eine echte Katastrophe."

Mager ist die Ausbeute auch bei jenen, die in den letzten Jahren auf die Sonne gesetzt haben. Sparkassenchef Konrad Gottschall, sonst nicht gerade als Schwerenöter bekannt, schlägt das "langweilige Grau in Grau" deshalb doppelt aufs Gemüt: "Meine erst neu installierten Photovoltaikzellen schauen recht traurig vom Dach."