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Bamberg
Bamberger Symphoniker

Blomstedt in der Konzerthalle: Die weise Genügsamkeit des Alters

Live im Bayerischen Rundfunk und live in der Konzerthalle feierte Herbert Blomstedt seinen 93. Geburtstag musikalisch mit den Bamberger Symphonikern.
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100 Zuhörer erlebten einen denkwürdigen Abend mit dem 93-jährigen Herbert Blomstedt und den Bamberger Symphonikern. Fotos: Marian Lenhard
100 Zuhörer erlebten einen denkwürdigen Abend mit dem 93-jährigen Herbert Blomstedt und den Bamberger Symphonikern. Fotos: Marian Lenhard
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Wer in der zurückliegenden Woche gleich zweimal zu jener Hundertschaft gehörte, die dem vorsichtigen symphonischen Wiederbeginn in Bambergs Konzerthalle beiwohnen durfte, hat ermessen können, wie unterschiedlich ein Dirigentenleben in seinen diversen Phasen sein kann.

Zunächst das Finale der "Mahler Competition" mit dem blutjungen Nachwuchs, dann das Dirigat eines "Oldtimers" mit der schönen Last von über 70 Jahren Erfahrung. Welcher Unterschied in der Art, ein Orchester zu leiten! Die Jungen können es gar nicht genau genug nehmen mit ihrer ausgefeilten Gestik, der alte Maestro verzichtet auf den Taktstock und scheint allein mit dem rechten Zeigefinger ein Übermaß an Inspiration zu übermitteln - die weise Genügsamkeit des Alters.

Die Bamberger Symphoniker können sehr stolz darauf sein, dass ihr Ehrendirigent Herbert Blomstedt seinen 93. Geburtstag mit ihnen musizierend feiern wollte. Ab jetzt ist jeder Geburtstag dieses ebenso begnadeten wie sympathischen Maestros ein runder, denn an jedem 11. Juli wird man sich darüber freuen dürfen, dass der weltweit geschätzte Dirigent immer noch mit unvermindertem Tatendrang und geistiger Frische ans Pult tritt. Das sieht auch der Bayerische Rundfunk so, der live dabei war und zuvor schon mit der CD-Aufnahme von Gustav Mahlers 9. Symphonie, die den Bamberger Symphonikern Elogen einbrachte, ein markantes Zeichen setzen konnte.

Herbert Blomstedt hatte sich Arthur Honeggers dritte Symphonie mit dem Beinamen "liturgique" und die Vierte von Johannes Brahms auf das Geburtstagspult gelegt. Was einem so oft klischeehaft als "tief empfunden" nahegelegt wird, bekommt bei ihm eine spürbare Wahrhaftigkeit und Triftigkeit, wenn er, der dem Glauben so unverbrüchlich verbunden ist, einen Satz wie das Andante moderato aus der Vierten geradezu zelebriert oder eine sakral orientierte Symphonie wie die "Liturgique" interpretiert.

Kerniger Fluss der Musik

Bei Letzterer vertraute er ganz auf den intensiven, von den Blechbläsern kernig getragenen Fluss der Musik, die geradezu besessen das Innehalten vermeidet. Blomstedt beflügelte sie noch in ihrem Vorwärtsdrang und verdichtete sie zum aufregenden Mahlstrom.

Der Klangeindruck des wegen der Abstandsregeln weit gefächert aufgestellten Orchesters ist weniger kompakt, dafür transparenter, und will daher um so behutsamer moderiert werden. Das kommt Brahms 4. Symphonie durchaus zugute, vor allem in den beiden ersten Sätzen mit ihrem verhaltenen Duktus. Der Passacaglia des Schlussallegros gönnt er zunächst Gemächlichkeit und Breite, zumal in der mittleren Variation mit ihrem satten Bläserchoral, doch dann stürmen die Violinen geradezu herein und mahnen die finale symphonische Zuspitzung an.

Noch manches Detail von Herbert Blomstedts Altersstil ließe sich musikkritisch dankbar beschreiben. Begnügen wir uns hier damit, ihm summarisch Abgeklärtheit und Generosität zu attestieren.

Stehende Ovationen

Am Ende ein seltenes Schauspiel: stehende Ovationen von genau hundert Menschen, die es schaffen, das Fehlen von 1300 weiteren Zuhörern locker zu kompensieren. Der Maestro, immer noch flinken Schrittes, geht ein Dutzend Male hinaus und kommt wieder herein, ruft die einzelnen Instrumentengruppen zum Sonderapplaus auf und bekennt zum Schluss seine Rührung. Der Intendant hat ihm mittlerweile einen üppigen Blumenstrauß überreicht, während die Orchestermitglieder sich zum musikalischen Geburtstagsgruß anschicken. Wie es sich für einen humorvollen und bisweilen sogar zum Schabernack neigenden Dirigenten wie Herbert Blomstedt gehört, fällt das Ständchen alles andere als einfältig aus. Zwar lässt sich die Melodie von "Viel Glück und viel Segen" zweifelsfrei heraushören, doch allerlei gewagte Töne und schräge Klänge würzen diese Hommage an einen Dirigenten, dem vor Zeitgenössischem noch nie bange war. Ein denkwürdiger Abend!

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