Zu Hause bleiben, Hände waschen, Sozialkontakte vermeiden und Vorräte anschaffen - das ist für jeden möglich, wenn er eine Wohnung und genügend Geld hat. Doch wie kommen Obdachlose und Bedürftige durch die Coronakrise?

Der Bamberger Paul Lehmann hat diese Frage für sich selbst beantwortet und eine Hilfsaktion gestartet. Er hat die Kettenbrücke kurzerhand zur "Spendenbrücke" umfunktioniert. Sein Erklärvideo zu der Aktion auf Facebook wurde inzwischen über 10 000 Mal aufgerufen und wurde über 1000 Mal geteilt - und offenbar auch verstanden, denn die Bamberger beteiligen sich. Aus gutem Grund, denn Obdachlose sind aktuell besonders gefährdet, weil ihr Körper durch das Leben auf der Straße geschwächt ist und sie sich nur schlecht isolieren können.

Es geht um jeden Tag

Lehmann, der als Gewerkschaftssekretär bei Verdi arbeitet und unlängst unter anderem für die Stadtratsliste der "Bamberger Linken" (BaLi) kandidiert hat, findet, dass die Hilfe trotz Wärmestube nötig ist: "Bei Armut spielt Scham eine große Rolle. Die Menschen möchten vielleicht solche Räumlichkeiten nicht aufsuchen, sondern brauchen schnelle Hilfe zum Überbrücken der schwierigen Zeit." Er bittet darum, an die Brücke Beutel mit Lebensmitteln zu hängen und hat dazu Wäscheklammer bereitgestellt - "bitte keine leicht verderbliche Ware und schreibt drauf, was sich in der Tüte/Beutel befindet". Die Aktion soll nicht nur Obdachlosen, sondern auch anderen Bedürftigen zum Beispiel Hartz-4-Empfängern oder Alleinerziehen den zugutekommen.

Stichwort Wärmestube: Eine solche bietet der Treffpunkt "Menschen in Not" nach wie vor an. Dort können sich die Bedürftige tagsüber aufhalten, erhalten Essen und können sich duschen. Die Bamberger Wärmestube, die bis zu 18 000 Besucher im Jahr zählt und pro Wochentag 50 bis 70 Personen bewirtet, bleibt geöffnet, während ähnliche Einrichtungen in vielen Städten Deutschlands schon geschlossen sind.

Leiter Peter Klein erklärt: "Wir bleiben offen, bis wir durch einen Corona-Fall gezwungen sind zu schließen. Jeden Tag, den wir gewinnen, ist gut, denn im Sommer sind die Obdachlosen nicht so sehr auf eine Wärmestube angewiesen." Doch von den gut 20 Mitarbeitern ist nur noch im kleineres Team vor Ort, Ehrenamtliche über 60 hat Klein gebeten, zu ihrem Schutz zu Hause zu bleiben.

Um das Risiko der Schließung einzuschränken arbeiten die Mitarbeiter in zwei getrennten Gruppen. Falls jemand aus der ersten Gruppe erkrankt, kann die zweite Gruppe die Wärmestube weiter offenhalten. Bei den Besuchern der Wärmestube achten sie auf Abstand, jeder sitzt nun allein an einem Tisch.

Auch die Notunterkünfte der Stadt sind weiterhin geöffnet. Die Einweisung wurde laut Stadtsprecherin Ulrike Siebenhaar entbürokratisiert. Die Menschen schlafen dort nun meist in Einzelzimmern und Besucher sind verboten. Da es drei getrennte Notunterkünfte gibt, können die Obdachlosen auch in einem Coronafall noch einen warmen Schlafplatz bekommen.

Sinnvolle Ergänzung

Seine Initiative sieht Lehmann als Ergänzung zur Wärmestube. Und auch zur Bamberger Tafel, die qualitativ einwandfreie Lebensmittel sammelt und gegen einen symbolischen Betrag oder kostenlos an Bedürftige weitergibt. Seit ein paar Tagen hat diese geschlossen. "Die Menschen sind von sich aus weggeblieben", berichtet Wilhelm Dorsch, Vorsitzender der Bamberger Tafel. "Letzten Samstag waren noch über Hundert Menschen hier, in den letzten Tagen war es nur noch ein Viertel davon."

Allerdings hat die Tafel einen Notdienst eingerichtet: Wenn jemand anruft, bringen Mitarbeiter Lebensmittel direkt zum Anrufer. Genug Lebensmittel hätten sie, sagt Dorsch, denn die geschlossenen Wirtschaften beliefern sie mit Essen. Er unterstützt die Idee der Spendenbrücke: "Alles was hilft, ist gut. Ob sich das bewährt, wird sich zeigen."

Sehr hohe Zustimmung

Lehmann freut sich schon über "sehr hohe Zustimmung" zu seinem Aufruf bei den Bürgern: "Ich habe selbst gesehen, wie Personen Beutel hingehängt haben und nicht einmal eine Minute später wurde die Spendentüte von einer Bedürftigen mitgenommen." Er hofft, dass das so weitergeht. Ulrike Siebenhaar sieht allerdings die mangelnde Kontrolle als Problem. Sie fordert Bürger dazu auf, Lebensmittelspenden lieber an die Tafel oder "Menschen in Not" zu geben. Auch Peter Klein hat Bedenken bezüglich der Hygiene: "Die hohen Hygieneregeln, die auch bei uns gelten, kann man bei der Kettenbrücke schwer gewährleisten." Wichtiger ist ihm ein Appell an alle Bürger, in dieser Zeit besonders auf Bedürftige zu achten: "Man sollte gucken: Geht es der Person gut, bewegt sie sich noch? Falls nicht, dann muss man die Polizei oder den Notarzt rufen."

Auch etwas Positives

Lehmann hingegen sieht bei seiner Hilfsaktion kein Risiko, solange man nur geschlossene und haltbare Lebensmittel in die Beutel steckt. Und Missbrauch befürchtet er auch nicht: "Ich denke nicht, dass Wohlhabende die Spenden mitnehmen, weil die Scham, erwischt zu werden, zu groß ist." Wilhelm Dorsch von der Bamberger Tafel hat ebenfalls keine Bedenken: "Ist doch nicht schlimm, wenn sich jemand vielleicht auch zu viel nimmt." Wer etwas braucht, nehme es sich. Wenn das klappt, freut sich Dorsch: "Dann hat die Krise auch etwas Positives und die Menschen achten mehr auf den Nächsten."