Die Bamberger Symphoniker reisen gerne in das "Land der aufgehenden Sonne": Nach Deutschland, Österreich und der Schweiz spielte das Orchester in Japan bislang die meisten Konzerte. Und über die Jahre sind enge fränkisch-japanische Freundschaften entstanden. Acht Musiker nutzen deshalb am heutigen Montag ihren einzigen Pausentag, um für die Tsunami-Opfer in der zerstörten Küstenstadt Onagawa Mozart, Dvorák und Weber zu spielen. In einer Turnhalle. Auf eigene Faust. Vor dem Abflug nach Japan haben sich Martin Timphus (Bratsche), Christian Dibbern (Geige) und der Hornist Wolfgang Braun noch einmal getroffen, um ihren Plan zu besprechen.

Die Idee zu diesem besonderen Konzert hatte Martin Timphus. Er ist seit 30 Jahren mit Yuichi Sugiyama aus Japan befreundet. Die beiden Musiker haben vor 30 Jahren gemeinsam studiert. "Und jedes Mal, wenn wir Konzerte in Japan spielen, sehen wir uns", erzählt Timphus. Und Yuichi Sugiyama war vor einigen Monaten mit seiner Familie zu Besuch in Bamberg.


Auftritte für Opfer des Tsunamis


Als letztes Jahr am 11. März die Erde in Japan bebte und ein riesiger Tsunami über die Küstenstädte hereinbrach und Menschen, Häuser und Tiere mit sich riss, war die Solidarität auf der ganzen Welt groß. Auch die Bamberger Symphoniker sammelten mit einem Benefizkonzert Geld für die Betroffenen. Heute, eineinhalb Jahre später, sind die Menschen in Japan und ihre Schicksale aus der Berichterstattung der Medien verschwunden.

Als jetzt die Japan-Tournee der Bamberger Symphoniker anstand, brachte Martin Timphus das auf eine Idee: "Ich überlegte, ob man nicht diese Tournee nutzen kann, um auch in die Katastrophengebiete zu fahren - einfach um den Leuten zu zeigen, dass man sie nicht vergessen hat."

Timphus unterbreitete seinen Orchesterkollegen den Plan. Christian Dibbern (Geige), Wolfgang Braun (Horn), Aki Sunahara (Geige), Christian Hellwich (Kontrabass), Nikola Jovanovic (Violoncello), Christoph Eß (Horn) und Klarinettist Benjamin Hummel schlossen sich begeistert an. "Wir fragten uns, was wir für die Menschen machen können", sagt Christian Dibbern. "Viele von uns sind mit Menschen in Japan befreundet. Und möglicherweise zeigt sich Freundschaft dann am stärksten, wenn's am schwierigsten ist. Da wir Musiker sind, war klar, dass wir den Menschen Musik schenken wollen."

Martin Timphus verständigte seinen Freund Yuichi Sugiyama, und der organisierte vor Ort ein Konzert in der zerstörten Küstenstadt Onagawa. "Wir haben zwar keinen direkten Bezug zu dieser Stadt", erklärt Dibbern, "aber Onagawa ist eine Stadt, in der sich der Tsunami absolut verheerend ausgewirkt hat."

Eine abenteuerliche Reise

Heute, an diesem Montag, ist es soweit: "In der Früh werden wir von Tokio mit dem Zug nach Sendai fahren, das geht noch schnell", erklärt Hornist Wolfgang Braun. "Dort holt uns Herr Sugiyama mit einem Kleinbus ab, und es geht weiter nach Onagawa." Am frühen Nachmittag wollen sie das Konzert spielen. "In einer Schulturnhalle", erläutert Wolfgang Braun. "Jeder, der zuhören möchte, kann kommen." Die Musiker spielen Werke von Mozart, Dvorák und Weber, danach wollen sie mit den Menschen ins Gespräch kommen. Abends müssen sie zurück, morgen geht die Tournee weiter.

Die Musiker fahren auf eigene Faust und auf eigene Kosten. Und schon wieder hilft ihnen eine Freundschaft weiter: die von Wolfgang Braun und Rolf-Peter Hoenen, Mitglied der "Freunde der Bamberger Symphoniker". Hoenen fand die Idee klasse und kam für die Reisekosten auf.

Aber brauchen Menschen, die alles verloren haben, Kammermusik? "Tja, was kann denn mitbringen?" Christian Dibbern stellt eine Gegenfrage. "Was bringen Musiker mit? Musik! Wenn es gelingt, schenken wir den Menschen, die vom Schicksal so gebeutelt sind, eineinhalb Stunden ein Eintauchen in eine andere Welt."