Wechselunterricht, Homeschooling, Sport mit Maske, digitale Nachhilfe: Im Corona-Jahr sind Schüler, Lehrer, Schulleiter und Eltern häufig wechselnden Bedingungen unterworfen, um die Ansteckungsgefahr zu minimieren und dabei trotzdem die Lernziele so gut wie möglich zu erreichen. Wie wirkt sich das auf die Betroffenen aus? Wir haben in der Region nachgefragt.

Studie: Schüler lernen weniger

Zudem gibt es inzwischen auch Studien, die Bildung während Corona-Zeiten untersuchen. Das Nationale Bildungspanel (NEPS) hat etwa während der Schulschließungen im ersten Lockdown rund 1500 Eltern von Achtklässlern befragt, die Ergebnisse sind nun vorgestellt worden (alle Ergebnisse und Erläuterungen hier). Eine alarmierende Erkenntnis: Unabhängig von der Schulform verbringen Schüler ohne die gewohnten Bedingungen deutlich weniger Zeit mit Lernen - was die Elftklässlerin Anna Konerding (rechts) auch auf zusätzliche mentale Belastungen während der Pandemie zurückführt.

So berichten die in der Studie befragten Eltern, dass ihre Kinder während des Homeschoolings durchschnittlich 16 Stunden pro Woche zu Hause gelernt hätten. Ein Fünftel der Kinder kam nur auf acht Stunden Lernzeit in der Woche, ein weiteres Fünftel kam aber auch auf über 20 Stunden. Vor der Pandemie waren es rund 30 Stunden pro Woche.

Eltern sind wichtiger Faktor

Außerdem zeigt die Studie: Ein wichtiger Faktor für den Erfolg in der Zeit des Distanzlernens sind die Eltern. Diese erlebten die Herausforderungen im Frühjahr als besser bewältigbar, wenn sie sich selbst dazu in der Lage sahen, ihre Kinder beim Lernen zu Hause gut unterstützen zu können. Allerdings schätzte ungefähr ein Viertel der Eltern ihre Fähigkeiten zur inhaltlichen Unterstützung als (eher) unzureichend ein. Hier sollten die Schulen laut des Bamberger Leibnitz-Instituts für Bildungsverläufe, das die Befragung auswertete, mit Hilfsangeboten für die Eltern ansetzen.

Technik meist vorhanden

Auch nach der technischen Ausstattung für Online-Unterricht wurde gefragt. 87 Prozent der Eltern berichtet, dass die Technik bei ihnen Zuhause für die Umstellung auf digitale Lernformen voll und ganz ausreichend (61 Prozent) oder eher ausreichend (26 Prozent) war. Andererseits bedeutet dies auch, dass 13 Prozent der Schüler für das Lernen zuhause eher unzureichend oder gar nicht technisch ausgestattet waren. Leihgeräte - wie sie etwa die Realschule Scheßlitz angeschafft hat - könnten hier helfen.

Professorin Cordula Artelt, Direktorin des Leibniz-Instituts, fordert aufgrund der Studie: "Um für die Verbindung von Präsenz- und Distanzlernen gerüstet zu sein, müssen verstärkt Elemente der Lernförderung - Feedback, altersgerechte Motivierung und Unterstützung - in den virtuellen Unterricht einfließen. Gerade die Förderung von leistungsschwachen Kindern sollte oberste Priorität haben."

Die wichtige Rolle der Schule werde unter anderem auch darin sichtbar, dass nur 28 Prozent der Eltern angaben, dass ihre Kinder während der Schulschließungen vergleichbar viel oder mehr als in der regulären Schulsituation gelernt haben. Wie sich die Pandemie-Bedingungen auf die Leistung der Schüler auswirken, ist Gegenstand einer noch laufenden Studie des Instituts.

Nachfolgend Stimmen aus der Region Bamberg zum Unterricht während der Pandemie.

Anna Konerding, Elftklässlerin: Mentale Belastung

"Ziemlich chaotisch" laufe der Schulaltag von Anna Konerding mit Wechselunterricht und verschobenen Prüfungen. So seien etwa die Gruppen am Nachmittag teils so klein, dass sie kurzfristig ausfielen. Die Schülerin sieht sich im Dilemma: Einerseits sorgt sie sich um ihre Gesundheit und die ihrer Mitschüler. Andererseits sei das Maskentragen vom frühen Morgen bis teils späten Nachmittag eine enorme Belastung für Schüler wie Lehrer, unter der die Konzentration leide. "Es ist auch eine zusätzliche mentale Belastung, wenn ich immer darüber nachdenken muss, wie ich mich schützen kann." Denn die Enge der Gänge mache die Einhaltung der Abstandsregeln beim Stundenwechsel selbst bei Wechselunterricht unmöglich - "da helfen auch keine Pfeile am Boden". So sei Homeschooling für die Sicherheit wichtig. Andererseits brauchten viele Mitschüler die Interaktion, um effektiv zu lernen. "Die perfekte Lösung dafür gibt es wohl nicht." Die 17-Jährige "würde gerne sagen, dass ich unter diesen Bedingungen genauso viel lerne wie sonst. Aber ehrlichgesagt: Nein."

Alexander Dippolt, Elternbeiratsvorsitzender: Hilfe angeboten

Die Tochter (7. Klasse) geht weiter in die Schule und schreibt Prüfungen, der Sohn in der Oberstufe hat Wechselunterricht und ausgesetzte Prüfungen. Dippolt wünscht sich hier eine klarere Strategie. Den Wechsel zwischen Präsenz- und Heimunterricht hätte er gerne täglich statt wöchentlich - "damit kein Urlaubsfeeling aufkommt". Denn es sei schwierig genug, denselben Stoff in der Hälfte der Zeit zu schaffen. "Meine Tochter muss zum Beispiel noch Mathe vom vergangenen Schuljahr nachholen." Damit die Kinder zu Hause etwas lernen, sei Unterstützung durch die Eltern wichtig. "Aber für Alleinerziehende wird das zu viel". Deshalb hat der Elektroingenieur, der auch Fortbildungen gibt, Hilfe angeboten - "auch wenn ich einen Lehrer nicht ersetzen kann". Einen Laptop für jedes Kind können sich wohl auch nicht alle Eltern leisten. Zwar habe die Schule Leihgeräte bestellt, aber die Lieferung verzögert sich. Immerhin: Seine Tochter habe durch die Pandemie viele Fortschritte beim Umgang mit Technik gemacht.

Volkmar Zapf, Sport- und Englisch-Lehrer: Dankbar für Sport

Sport mit Maske - laut Zapf kein großes Problem, wenn Lehrer ihre Inhalte anpassen. So setzt der ehemalige Deutsche Basketball-Meister mit Bamberg etwa auf individuelle Ballübungen statt ein schweißtreibendes Spiel. Mehr Krankmeldungen gibt es auch nicht - "eher im Gegenteil: Weil Sport in der Freizeit kaum möglich ist, sind die Schüler richtig dankbar". Das Unangenehmste sei das stundenlange Maskentragen. Und auch die erschwerte Interpretation der Gesichtszüge - "zum Beispiel wenn man mal einen Witz macht". Geteilte Gruppen seien sinnvoll, "machen aber die doppelte Arbeit". Im Englisch-Homeschooling setzt Zapf oft auf Video- oder Audiodateien. Vom Live-Stream hält er bei Sprachen allerdings nichts: "Drei Konferenzen am Tag mit vielen Menschen - da kann sich keiner konzentrieren". Dass es nun notgedrungen Lernplattformen gibt, auf denen auch nach der Pandemie Schüler, die krank waren, Stoff nachholen können, findet er gut. "Aber das gemeinsame Lernen, Lachen und Spaß haben ist auch mit der besten Technik nicht zu ersetzen".

Pankraz Männlein, Landesvorsitzender Berufsschulen: Zusätzliche Fachleute

Berufsschulen haben laut Pankraz Männlein ganz andere organisatorische Herausforderungen - weil die Anzahl der Schüler deutlich höher ist, die teils auch die selben Räume wie Labore oder Werkstätten nutzten. Bamberg hat insgesamt rund 4500 Berufsschüler aus ganz Oberfranken, im Vergleich zu vielen anderen Regionen in Bayern aber "sehr günstige Bedingungen für den virtuellen Unterricht", freut sich Männlein, der auch die BS 3 leitet. Der Zweckverband aus Stadt und Landkreis habe sich dafür "mächtig ins Zeug gelegt", die technische Ausstattung sei "geradezu vorbildlich". Und während oft Lehrer nebenbei die EDV einrichten, bekommen die drei hiesigen Berufsschulen nun zwei zusätzliche Fachleute. Zudem laufe die Zusammenarbeit mit den Betrieben gut: Wenn Schüler aus dem Landkreis zu Hause schlechte Internetverbindungen haben, bekämen sie oft Räume von den Firmen zur Verfügung gestellt. Das sei auch wichtig, denn: "Wenn die Schüler heuer nicht regulär abschließen, fehlen morgen die Fachkräfte."

Matthias Welsch, Leiter der Realschule Scheßlitz: Ein Riesenschub

"Auf dieses Szenario haben wir uns schon im Sommer vorbereitet", sagt Matthias Welsch. Deshalb gibt es nun eine schnelle Breitbandverbindung, praktisch alle Klassenräume seien digital und es wurden 170 iPads angeschafft. So könnten auch Eltern, die selbst nicht jedem Kind einen eigenes Gerät zur Verfügung stellen können, eines leihen. Zudem wurde die Technik getestet und in rund einem Dutzend Fortbildungen gelehrt. Ein großes Lob verteilt Welsch an die Lehrer, die sich in kurzer Zeit mit der Technik vertraut machten - "selbst Kollegen, die kurz vor der Pension stehen". Trotz aller Probleme habe Corona technisch "einen Riesenschub gebracht. Das werden wir auch weiternutzen, wenn die Pandemie einmal vorbei ist." Bei der Planung des Wechselunterrichts für die 710 Schüler habe Welsch versucht, auch auf Eltern mit mehreren Kindern oder besonderen beruflichen Bedingungen Rücksicht zu nehmen. Weil die Informationen aus dem Kultusministerium oft kurzfristig ankamen, sei der Organisationsaufwand für Schulleiter, Lehrer wie Eltern allerdings enorm.

Erwin Sternadl, Nachhilfelehrer: Alle Sinne ansprechen

"Sobald die Ferien vorgezogen und die Prüfungen verschoben wurden, ist das Interesse weg", sagt Erwin Sternadl, der seit über 30 Jahren hauptsächlich Latein-Nachhilfe gibt. Selbst ehrgeizige Schüler hätten zuletzt ihre Termine abgesagt. Schon so manchen Schüler habe er von einem Sechser zum Einser geführt. Dafür sei aber wichtig, dass "jeden Tag ein bisschen was gemacht wird - vor allem bei Sprachen". Deshalb ist er wie Dippolt für einen täglichen statt wöchentlichen Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht. Auch seien Prüfungen äußerst wichtig. Zum einen zeigten diese, auf welchem Stand die Schüler sind. Zum anderen "müssen Eltern auch mal Sechser sehen, damit sie reagieren". Sternadl gibt auch Schülern aus anderen Regionen Nachhilfe und ist so mit Fernunterricht vertraut. Zwar hat er auch schon Video-Unterricht über WhatsApp gegeben, "aber das ist wieder eingeschlafen". Er setzt auf das Telefon. "Hören, Reden, Schreiben, Lesen - wenn alle Sinne angesprochen werden, ist man auch konzentriert."