Später Nachmittag im technischen Rathaus in der Unteren Sandstraße: Michael Ilk lehnt locker am Schreibtisch. Was er gerade erfahren hat, könnte die Debatte um ein Großprojekt, das Bamberg seit über einem Jahr in Atem hält, in eine neue Richtung lenken. "Das klingt schon verführerisch", lautet der spontane Kommentar des Baureferenten.

Es war Reiner Gubitz, der für den Ausbau der Bahnstrecke in Bamberg zuständiger Planer, der die Botschaft überbrachte: ."Eine Hürde ist genommen", sagt Gubitz - eine ganz entscheidende, muss man hinzufügen: Der Ostumfahrung Bambergs entlang der Autobahn, bislang eher als unrealistische Möglichkeit betrachtet, steht aus "bahnbetriebstechnischen Gründen" nichts im Wege.

Zwei Monate lang haben Experten untersucht, ob die vielfältigen Funktionen des Bahnhofs Bamberg auch dann aufrecht erhalten werden können, wenn es eine Neubaustrecke gibt, die Bamberg im Osten umfährt. Das Ergebnis hat Gubitz nach eigener Aussage selbst überrascht. Es geht.

Dies bedeutet nicht, dass die künftig viergleisige Strecke tatsächlich geteilt geführt wird. Es heißt nur: Die komplexen Beziehungen von 250 Güterzügen und mehreren Dutzend Personenzügen, die durch die Region fahren, sind nicht zwingend an einen viergleisigen Streckenausbau durch die Innenstadt von Bamberg gebunden. Und auch dies ist heute Fakt: Ohne den Abzug der Amerikaner wäre über eine Alternativstrecke für den Bahn-Ausbau nicht nachzudenken.

Als Folge dieser Erkenntnis wird die Bahn in den nächsten Monaten eine so genannten Raumwiderstandsstudie in Auftrag geben. Damit will man prüfen, auf welche Hindernisse eine Ostumfahrung stoßen könnte. Es könnten, so viel kann man jetzt schon sagen, eine Menge sein. Hier geht es nicht nur um die technische Machbarkeit und die Kosten. Es sind vor allem die Zwangspunkte, die bei der Ostumfahrung eine entscheidende Rolle spielen werden: Die Frage etwa, wie mit dem Bannwald umzugehen ist oder dem Nadelöhr zwischen Kramersfeld und Lichteneiche und damit auch dem Flugplatz Bamberg.

Auf den ersten Blick scheint die Ost-Umfahrung manchen Vorteil zu bieten: Sie würde Bamberg vor einem Ausbau bewahren, den manche schon als Anfang vom Ende des Welterbetitels bezeichnet haben. Vor allem die Bedrohung durch meterhohe Mauern und die befürchtete Teilung Bambergs wären mit einem Federstrich vom Tisch, freilich auch die Aussicht auf schnellen Lärmschutz, wie ihn viele Anwohner in der Stadt seit Jahren erfolglos fordern.

Über die Verluste an Landschaft und Lebensqualität, die eine Ost-Umfahrung in der Region fordern würde, kann zum derzeitigen Zeitpunkt nur spekuliert werden. Zwar wird der Hauptsmoorwald schon heute durch die Autobahn zerschnitten, doch der Neubau einer zweigleisigen Bahntrasse verlangt zwingend die Rodung einer 30 Meter breiten Schneise - in einem Bannwald, wohlgemerkt. Nicht nur der Staatsforstbetrieb, auch die Naturschutzverbände dürften wenig erfreut sein, wenn der im Mittelalter bis an die Lange Straße reichende Wald im Osten Bambergs weiter an Substanz verliert.

Auf eine ganze Reihe von Schwierigkeiten stößt die Trassenführung im Norden des Verdichtungsraums. Dort würde sie bei oberirdischer Lage zwingend einen wenige Meter breiten Korridor zwischen dem Autobahnkreuz, dem Bamberger Stadtteil Kramersfeld und dem Memmelsdorfer Gemeindeteil Lichteneiche schneiden - und einen Teil der heute als Flugplatz genutzten Wiesen. Ob sich diese Probleme durch eine Tunnelführung lösen ließen, wird ebenfalls in der Untersuchung geprüft.

So viel steht heute schon fest: Noch vor der Bekanntgabe erster Ergebnisse wird der Plan B die Debatte in Bamberg verändern. Hauptgrund: Käme es zur Ostumfahrung, würde der gesetzliche vorgeschrieben Bau von Lärmschutzwänden in Bamberg selbst entfallen. Denn nur bei einer Ausbaustrecke ist der Bauherr verpflichtet, Lärmschutz herzustellen.

Andererseits würden sich die Verkehrsströme deutlich verlagern. Wie die Prüfung der Bahn ergeben hat, würden bei einer Teilung der Strecke nur die Güterzüge Richtung Schweinfurtkünftig noch durch Bamberg fahren- etwa ein Drittel. Alle anderen, so Gubitz, würden bereits im Norden und Süden auf die Umleitungsstrecke geführt. Die Masse der Güterzüge würde Bamberg damit in weitem Abstand passieren und könnte sogar schneller fahren als in der Stadt.
Zu den Zügen, die Bamberg nach einem solchen Szenario nicht mehr durchmessen würden, gehört nach Bahnauskunft nicht der ICE. Ob der Hochgeschwindigkeitszug auf seinem Weg von Berlin nach München hier hält oder nicht, habe nichts mit der Umfahrung zu tun, sondern sei eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, lässt die DB Netz verlauten. Nur bei ausreichender Kundenfrequenz, wonach es im Moment allerdings aussieht, werde der ICE dauerhaft in Bamberg halten.

Doch selbst wenn der ICE weiter in Bamberg halten würde, handelt es bei der Ost-Umfahrung gewiss nicht um einen Königsweg: Durch die Entlastung der Innenstadt stiege die Belastung der Menschen in Lichteneiche, Kramersfeld und Gundelsheim, die heute schon unter Lärm von Autobahn und Flugplatz leiden. Möglicherweise könnten sie sich auf einen Lärmschutz freuen. Denn der Neubau einer Bahntrasse hätte für sie die gleichen Folgen wie die Ausbauplanung in Bamberg: Der Gesetzgeber verpflichtet den Bauherren zum Lärmschutz.
Wie viel ein solches Projekt kosten würde, weiß im Moment noch kein Mensch. Reiner Gubitz geht aus seiner Erfahrung als Planer davon aus, dass sich die Kosten bei beiden Varianten in etwa die Waage halten. Bisher wurden stets Summen von deutlich über 300 Millionen Euro für den Bahnausbau genannt. Deutlich teuerer wäre nach Einschätzung der Bahn eine Untertunnelung Bambergs. Aus diesem Grund lehnt der Konzern die Untersuchung eines Tunnelbaus kategorisch ab.

Bahnplaner Gubitz schätzt, dass die Ergebnisse der Raumwiderstandsstudie Anfang 2013 vorliegen. Spätetens dann wird sich wohl auch der Stadtrat festlegen müssen, welche Variante er bevorzugt. Bisher war es vor allem Oberbürgermeister Andreas Starke (SPD), der einer Ostumfahrung skeptisch gegenüberstand. "Die Gleise im Bamberger Osten könnten Überlegungen erleichtern, den ICE-Halt in Bamberg aufzulösen, wenn die Bahn dies will", fürchtet der OB.

Betroffen wären von einer Umleitungsstrecke auch die Bewohner in Bamberg-Süd, die dann nicht mehr auf Lärmschutz pochen könnten, allerdings von sinkendem Zugaufkommen profitieren würden. Hans Beck, Streiter für Lärmschutz in der Gereuth, will auch für diesen Fall nicht auf Schutzwände verzichten. Über den Verlauf der Diskussion ist er nicht glücklich. Der Initiative Bahnsinn wirft er vor, die Folgen des Zuglärms zu verharmlosen: "Man sollte das Welterbe nicht über die Gesundheit der Menschen stellen."

Auch in Kramersfeld stoßen die neuen Trassenpläne auf Ablehnung: "Unser Stadtteil ist durch Flugplatz und Autobahn heute schon mehr belastet als andere. Eine Verschlechterung werden wir nicht hinnehmen", sagt der Vorsitzende des Bürgervereins Hans-Jürgen Bengel.