Der Kettenbagger kam Anfang März und räumte auf, rücksichtslos, gegen jedes Recht. Mitten im Schutzgebiet des Naturparks Steigerwald wurden am Steinberg nördlich von Untersteinach etliche Bäume mit Stumpf und Stil beseitigt, breite Wege in eine Böschung planiert, eine 200 Meter lange Hecke aus dem Boden gefräst. Sie befand sich zum Teil auf Gemeindegrund.

Besorgte Bürger schlugen Alarm, Mitarbeiter der Naturschutzbehörde am Landratsamt rückten aus und haben den Verstoß gegen das Naturschutzgesetzes noch am Tag der Kenntnisnahme gestoppt.
Ein Bußgeldverfahren ist mittlerweile eingeleitet, doch es kann jene nicht beruhigen, die den zunehmend brutalen Umgang mit der Natur mit Sorge verfolgen - nicht nur im Steigerwald. Winfried Zeck aus Burgwindheim gehört zu ihnen. Er war es, der sich über die seiner Meinung nach unsachgemäße Ausholzung dreier langer Hohlwege in Burgwindheim Anfang des Jahres durch die Gemeinde beklagte und in der Folge auch Kritik auf sich zog.

Nun fühlt er sich durch den Eingriff eines Privatmanns am Waldrand bei Untersteinach erneut bestätigt: Der Umgang mit der Natur wird aus seiner Sicht immer brutaler. "Einmal sind es Hackschnitzel, ein anderes Mal will man die nutzbare Fläche vergrößern, um mit großen Maschinen möglichst viel aus der Natur herauszuholen."

Dabei ist Zeck keiner, der die Vorfälle aus der kritischen Distanz eines Stadtbewohners beobachten würde. Als Waldbesitzer und Vorstand des Gemeinschaftswaldes Burgwindheim steckt der pensionierte Lehrer mittendrin im landwirtschaftlichen Geschehen und sieht, wenn man es richtig macht, keinen Widerspruch zwischen Nutzen und Schützen. Bisher zumindest war das so. Doch die letzten Vorgänge lassen ihn zweifeln.

Und Burgwindheim ist überall. Auch in der Nachbargemeinde Ebrach befleißigt man sich eines nicht eben zurückhaltenden Umgangs mit der Natur, wie der seit Jahren hier lebende Waldexperte Georg Sperber bezeugen kann.

So leiden hier seit einiger Zeit vor allem jene natürlichen Strukturen unter Schwindsucht, von denen das Überleben vieler Tierarten in der freien Feldflur abhängt: Hecken, Büsche und Gehölze. Laut Sperber haben die Ausholzungen im Umkreis von Ebrach in den letzten Jahre "sprunghaft" zugenommen. Vor allem an den Nebenbächen der Ebrach und im Mittleren Ebrachgrund, teilweise im FFH-Schutzgebiet wurde in diesem Winter wieder mehr als kräftig eingeschlagen. "Vieles, was 50 Jahre brauchte, um zu wachsen, steht heute nicht mehr", klagt der Naturfreund. Für ihn sind es zwei Gründe, die dazu beitragen, dass die Landschaft immer leerer wird: Da sind vor allem die großen Maschinen, die den Kahlschlag beflügeln. Wozu früher ein einzelner Mann Tage brauchte, das schafft ein Vollernter im Handumdrehen. Und es gibt einen wachsenden Bedarf nach Energie.

In Ebrach ist der sogar besonders groß. Die Mitte der 90er Jahre angeschaffte Hackschnitzelanlage der Justizvollzugsanstalt Ebrach schluckte im vergangenen Jahr 6100 Kubikmeter Hackschnitzel, die zum nicht unerheblichen Teil aus dem nächsten Umkreis stammten. Und das ist durchaus gewünscht: "Wir verringern den Ausstoß von Kohlendioxid gegenüber Öl um 1352 Tonnen", stellt Gerhard Weigand, der Leiter der Anstalt, mit Zufriedenheit fest. Dass die Gewinnung der Hackschnitzel wenig fachgerecht und somit auf Kosten der Natur erfolgen könnte, dem widerspricht Weigand. Bei der Arbeit auf 100 Hektar eigener Fläche arbeiten die Gefangenen nach seinen Angaben stets unter Aufsicht ausgebildeter Landwirtschaftsmeister. Viel Holz werde zudem auch zugekauft.

Was eine fachgerechte Gehölzpflege ist und was ein verbotener Kahlschlag, das weiß man nirgends besser als beim Landschaftspflegeverband des Landkreises Bamberg. Die eigens für solche Arbeiten gegründete Institution ist mit Fachleuten aus dem Umweltschutz und der Landwirtschaft besetzt und bietet jedem, der Interesse hat, Beratung, aber auch praktische Unterstützung an.

"Es kommt auf das Wie an", beschreibt Bernhard Struck vom Landratsamt das Grundprinzip der Nutzung von Hecken und Gehölzen. Um die Zerstörung von Lebensräumen für viele Arten zu verhindern, soll das Auf-den-Stock-Setzen der Büsche nie so erfolgen, dass Brut- und Nahrungsräume auf größerer Fläche ersatzlos verschwinden, sondern nur abschnittsweise. So bleiben die Strukturen insgesamt erhalten. Und natürlich dürfen genau jene Überhälter genannten und den Bestand prägenden Bäume in den Gehölzstreifen nicht abgesägt werden - auch wenn es gerade sie sind, die die Nutzung von Hecken als Energieholz gerade so lukrativ machen.
Den stark gewachsenen Druck auf die Landschaft durch Energieholzgewinnung sieht man freilich auch im Bamberger Landratsamt mit Sorge. Schon öfter musste Bernhard Struck miterleben, wie Bäume beispielsweise bei Flurbereinigungsverfahren schnell noch zu Geld gemacht wurden, ehe die Grundstücke den Besitzer wechselten. "Für die Natur ist das ein Verlust, der erst in Jahrzehnten wieder ausgeglichen werden kann."

Die Tiere spüren den Verlust sofort. So legen die Ergebnisse der aktuellen Vogelzählung des Landesbunds für Vogelschutz in Bayern einen markanten Rückgang gerade jener Arten nahe, die auf abwechslungsreiche Feldfluren angewiesen sind wie etwa die Feldlerche, der Bluthänfling oder auch der sonst häufige Stieglitz. Artenschutzreferent Andreas von Lindeiner sieht diese Zahlen als Ergebnis des fortschreitenden Verlusts von Strukturen in der Landschaft, der vor allem durch wirtschaftliche Interessen bedingt ist. Seine Prognose: Durch Zusammenlegung von Flächen, Bewirtschaftung von Säumen und Übernutzung von Hecken und Gehölzen könnten sich weiter steigende Energiepreise rasch zum Fluch für die heimische Kulturlandschaft entwickeln. Die Forderung der Umweltverbände: Damit nicht jeder Quadratzentimeter Land sich rechnen muss, soll ein Mindestanteil an ökologischen Flächen durch Gesetz gesichert werden. "Sonst wird man beim Gang über die Felder bald keine Feldlerche mehr hören."

Doch es gibt noch einen Grund, der zu mehr Respekt vor den Hecken und Feldgehölzen auffordert. So erinnert der Bamberger Biologe Winfried Potrykus an die kulturhistorische Bedeutung der kleinteiligen fränkischen Landschaft, eine Folge der Realteilung des bäuerlichen Erbes, wie man sie in Oberbayern zum Beispiel nicht gekannt hat. "Natürlich muss man Hecken nutzen", sagt auch Potrykus. "Aber mit Großmaschineneinsatz wird man sie zerstören."

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