Neugier treibt Waldi Bauer an: So lotet der Schweinsohr-Selection-Drummer die Wirkung von Funkrocksongs aufs Publikum aus, bis der berühmte Funke überspringt. Und forscht als Uni-Professor, dessen Humor Studenten lieben, nachdem zwischen ihnen und dem unkonventionellen Hochschullehrer die Chemie stimmt. "Schon als Bub hatte ich diesen Hang zum Experimentieren - mit flüssigem Quecksilber und anderen Substanzen", meint der Bamberger, der sich zu seinem 60. Geburtstag an amüsante, aber auch brenzlige Episoden seines Lebens zurückerinnert. Wie Waldis Versuch, mit acht Jahren Gold am heimischen Gasherd herzustellen. "Ich füllte einen Topf mit Benzin, Petroleum, Salmiakgeist, Hoffmannstropfen und kochte die Mixtur auf." Nach 30 Sekunden eine Stichflamme - "schon war die Küche weitgehend abgefackelt", so der Professor für Organische Chemie.
Es ist eben noch kein Meister vom Himmel gefallen, wie in diesem Fall auch Bauers wütende Eltern begreifen mussten.

Diverse Klavierlehrerinnen "verschlissen"

"Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust"? Nein, Bauers Liebe zur Musik und den Naturwissenschaften bargen keinen Interessenkonflikt. In beiderlei Hinsicht profilierte sich der Franke, obwohl er gern gegen den Strom anschwamm. So lernte das Nachwuchstalent nie, Noten zu lesen, für andere ein Schlüssel zum musikalischen Erfolg. "Mit sechs musste ich Klavierunterricht nehmen und verschliss eine Lehrerin nach der anderen, bis ich mit zwölf den Schlussstrich zog und fortan nach Gehör Klavier, Gitarre und Schlagzeug spielte."

Am Karfreitag vor verschlossenen Türen

Als inspirierend empfand Bauer die Beatles. Wie John, Paul, George und Ringo wollten auch Reverb spielen, die erste Band des späteren Schweinsohr- und Brand-Old-Musikers. "Ich weiß noch, wie uns eine Agentur 1968 für einen Auftritt im AYA-Club engagierte - an einem Karfreitag." Voller Enthusiasmus luden die Gymnasiasten ihre Anlage ins Auto und düsten los: "Aber alles umsonst, der Gig fiel aus: Holy Friday!"

Was soll's, angesichts der Erfolge, die die CGler bei anderen Auftritten feierten. "Wie im siebten Himmel fühlten wir uns im kleinen Zentralsaal, als sich Mädels nach einem Konzert Autogramme wünschten": Groupies, die Waldi Bauer weiter musizieren und experimentieren ließen - ab 1978 mit den Kollegen von Schweinsohr Selection (SOS).

Bei Windstärke 9 aufgegeben

Schon kündigt sich ein Kampf mit den Elementen an, den der nun 60-Jährige auf der Bühne mehrfach erlebte - bis hin zu Windstärke 9. "Bei einem Konzert auf der Altenburg kam 2005 ein schwerer Sturm auf. Die Bühnenüberdachung wurde weggerissen, die Anlage stand unter Wasser", so der Drummer. Irgendwann schloss sich die Band den flüchtenden Fans an, blieb am Ende allerdings auf 2000 Miesen sitzen: "Die Versicherung zahlte nur bis Windstärke 7."

Ein 10-Sekunden-Beben konnte die Schweinsohren nach einem Auftritt mit Piu Piu in Regensburg folglich kaum mehr erschüttern. Alarmierender eine brandheiße Episode, die nichts mit Groupies zu tun hatte: "Bei einem Voitmannsdorfer Open Air stieg nach dem Soundcheck aus unserer Gitarrenanlage, dem Keyboard und Monitorboxen plötzlich Rauch auf." Schrottreif waren sämtliche Geräte letztendlich. "Mit der Wandergitarre eines Besuchers und dem überlebenden Teil der Anlage retteten wir den Abend."

Gelungener das Feuerwerk, das Waldi Bauer im rockigen Rhythmus beim Domplatz-Open-Air gleich nach der Jahrtausendwende entfachte. Tja, zündende Ideen muss man haben. Einfallsreichtum bewiesen SOS indes mehr als jede andere Band - wie nicht zuletzt auf der Sandkerwa 1985. Damals begleitete ein steifer Neuzugang die Schweinsohren. "Ein Trompeter war ausgefallen. So wollten wir die Musikerzahl zumindest optisch wahren", meint Bauer. In einer Modeboutique rekrutierte die Truppe eine Puppe als "Ersatzmann" und präsentierte "Anthony Müller-Lüdenscheid" mit weißer Perücke, Bademantel und Spielzeuginstrument als perfekten Trompeter. "Tatsächlich war von ihm bei dem Konzert kein falscher Ton zu hören." Wow!

Reif für Brand Old

Für SOS trommelte Waldi Bauer schon zu Studienzeiten. Und reifte mit den Bandkollegen, um mit Schweinsohr-Sänger Uwe Gaasch 1998 Brand Old zu gründen. Mittlerweile Professor für Organische Chemie an der Erlanger Universität, spielte der Bamberger in seiner Freizeit fortan folglich in zwei Formationen. "Die interessanteste Bühne, auf der wir in all den Jahren standen, war übrigens ein Zuganhänger für Traktoren - positioniert vor einem Schweinestall." Für eine Hochzeitsgesellschaft musizierten Brand Old auf dem Land, während ihnen der Güllegeruch in die Nase stieg: "Singen oder Übergeben, war an diesem Nachmittag die alles entscheidende Frage."

Violette Wolke

Zahllose Anekdoten könnte der unkonventionelle Kopf noch zu anderen chemisch-biologischen Prozessen erzählen. Bis hin zu einem Streich, den er als Doktorand Regensburger Kollegen spielte. "Ich fabrizierte aus Ammoniak und Jod Jodstickstoff - eine brisante Verbindung, die ich im Flur auf den Boden kippte", so der nun 60-Jährige. Explosive Kristalle blieben zurück, nachdem das Ammoniak verdampft war. "Dann musste ich nur mehr warten, bis jemand darüber lief - schon knallte es bei jedem Schritt. Eindrucksvoll auch die violette Wolke aus Joddämpfen, die sich bildete." Gelernt ist gelernt.

Ja, Waldi Bauers Lektionen sind aufschlussreich - bis hin zur sachgerechten Ausführung von Buttersäureattentaten, die der Drummer Studenten auch schon erläuterte. Wer's dennoch zum Gähnen findet, wird auch keineswegs des Vorlesungssaals verwiesen. Statt dessen begegnet der Bamberger übermüdeten Hochschülern sanft - mit großem Verständnis. "Einen Lacherfolg erntete ich mal mit 'nem Kissen, das ich einem in der ersten Reihe regelmäßig Schlafenden unterschob."

Bis ins Altenheim

Bleibt abzuwarten, was sich Erlanger Hochschüler zum 60ten ihres Profs einfallen lassen. Wie feiert Bauer heute eigentlich Geburtstag? "Im engsten Familienkreis", so die Antwort. Und welche Wünsche hat der Franke noch für die Zukunft? "Mit Uwe Gaasch möglichst lange Musik zu machen - bis ins Altenheim, das er sicher auch mit seinem Talent für Wortspiele aufzumischen versteht."

Fans beschert Waldi Bauer zu seinem 60ten übrigens diverse Songs der Schweinsohren und Titel von Brand Old, zu denen man über www.schweinsohrselection.de/waldi60.html kommt.