Zehn Zentimeter Schnee in Bamberg. Was heute schon das Zeug zum "Winterchaos" besitzt, hätte den Altvorderen nur ein schwaches Lächeln entlockt. Denn die Winter um die Mitte des letzten Jahrhunderts waren wirklich hart. Davon kann Georg Sperber ein Lied singen. Der Zeitzeuge kann sich noch gut daran erinnern, als er 1957 seine Doktorarbeit schrieb: "Ich habe Gebirge von toten Walnussbäumen auf den Feldern gesehen."

Was der heute bei Ebrach lebende 79-jährige Pensionist damals beobachtete, war die Folge einer Wetterkatastrophe im Jahr 1956, die sich den Älteren ins Gedächtnis eingebrannt hat: Die Temperatur sackte nach einem warmen Dezember und Januar mit solcher Macht ab, dass tausende Obstbäume in Franken vom Frost regelrecht zerrissen wurden.

Der Eisfebruar 1956 hat auch in der Statistik in Bamberg seine Spuren hinterlassen.
Mit minus 10,6 Grad lag die Mitteltemperatur 1956 einen ganzen Monat lang so tief, dass sogar der linke Regnitzarm zufror, ein Schauspiel, das jüngere Menschen nur noch aus den Berichten der Alten kennen.

Für die Kinder der Nachkriegszeit hatte das freilich auch vergnügliche Seiten, berichtet der heute 77-jährige Bamberger Biologe Winfried Potrykus: "Wir sind als Buben auf der Regnitz von Bamberg bis nach Bug gelaufen. Wir hatten damals bis zu minus 35 Grad in Bamberg." Potrykus bestätigt die häufig zu hörende Ansicht, dass damals die meisten Winter nicht nur kälter, sondern auch schneereicher waren. Warum sonst hätte man auf der Friesener Warte eine Sprungschanze gebaut? Ihre Reste sind heute noch zu sehen.


Minusgrade erschöpften die Tierwelt

Doch ein kalter Monat macht noch keinen kalten Winter. Der extremste Winter, den Georg Sperber in Franken erlebt hat, erstreckte sich über fünf Monate der Kriegsjahre 1942/1943. Sperber, der seine Beobachtungen seit Jahrzehnten festhält, war an Allerheiligen auf die Jagd gegangen, als es zu schneien anfing. Die Flocken, die am 1. November 1942 fielen, sollten bis in den März 1943 liegen bleiben.

Was die Menschen dazwischen erlebten, war eine derart hartnäckige Frostperiode, dass man heute schon in die Tiefen Russland reisen müsste, um ein Gefühl dafür zu erhalten. Wochenlanges Hochdruckwetter mit Nachttemperaturen um minus 25 Grad erschöpften auch die Tierwelt, so dass viele Eulen, Eisvögel, aber auch Bussarde vor Entkräftung verendeten. Auch den Rebhühnern hat der Dauerfrost so zugesetzt, dass sie sich mit der Hand fangen ließen, sagt Sperber.

Der Blick zurück ist jedoch auch einer nach vorn. Wer die Fieberkurve Bambergs seit dem Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1879 ansieht, erkennt schnell, dass die Jahre seither deutlich wärmer geworden sind. Gab es zum Ende des 19. Jahrhunderts noch Mitteltemperaturen von etwas über sechs Grad, so sind heute die Jahre mit einem Schnitt unter neun Grad in Bamberg selten geworden. 2010 gab es zuletzt so einen Ausreißer nach unten. Mit 8,3 Grad hätte man ihn vor hundert Jahren wohl als warm empfunden.


133 Tage unter null Grad

An der menschengemachten Klimaerwärmung zweifeln heute nur noch wenige seriöse Wissenschaftler. Die an der Bamberger Wetterwarte seit 123 Jahren gesammelten Daten belegen die Dynamik dieses Prozesses. Während sich die positiven Abweichungen beinahe ausschließlich in den letzten Jahren ballen, liegen die negativen Anomalien lange zurück. Etwa die Frosttage: Das Jahr 1910 hatte 133 Tage unter null Grad im Gepäck, das ist Rekord. Oder die höchste Schneedecke. Sie wurde in Bamberg am 2. Januar 1940 mit 40 Zentimetern gemessen. Auch der 12. Januar 1968 hat sich in die Annalen der Stadt förmlich eingeeist: Bei minus 28 Grad erstarrte Bamberg unter dem Frosthauch seitdem nicht mehr erreichter sibirischer Kälte.

Dagegen wehte in den letzten beiden Jahrzehnten auch im Winter häufig ein mildes Frühlingslüftchen: So lässt es sich erklären, dass die vier wärmsten Jahre gewissermaßen Zeitgenossen sind: 1994, 2000, 2007 und 2008. Und auch der wärmste Einzelmonat, die meisten Sonnenstunden und die geringste Anzahl an Frosttagen, all dies sind Rekorde jüngerer Zeit.

Der immer noch weit verbreiteten Skepsis gegenüber der selbst verursachten Aufheizung der Erde kann Klimazeuge Georg Sperber mit Blick auf sein eigenes Leben nicht verfallen. Für ihn ist es unabweislich, dass sich die Vegetationsperiode beträchtlich verlängerte und der Hauptregen in die kalte Jahreszeit verlagerte.

Den dramatischen Auswirkungen des Klimawandels andernorts zum Trotz hat das im gemäßigten Franken auch willkommene Seiten: "Wir können im August die Trauben am Haus ernten. Vor 20 Jahren wäre das nicht möglich gewesen."