Montagmorgen, 9 Uhr, Amtsgericht Bamberg. In Sitzungssaal 27 fängt für Richter und Staatsanwalt die Woche überhaupt nicht gut an. Die erste Verhandlung des Tages hat es gleich in sich.

Jens Maier (Name geändert) nimmt zielstrebig gegenüber der Staatsanwaltschaft Platz. Er trägt ein perfekt gebügeltes weißes Hemd, zur Verstärkung hat er die Freundin mitgebracht. Maier steht nicht das erste Mal vor Gericht. Weil er seine Ex-Freundin belästigt haben soll, stottert er aktuell eine Geldstrafe ab.

Trotz der Verurteilung und eines Kontaktverbots soll der Angeklagte keine Ruhe gelassen haben. Unzählige E-Mails, Whatsapp-Nachrichten, Telefonterror: Das Gericht will dem Mann heute eigentlich eine Brücke bauen. Doch Maier pfeift auf die Brücke.

Die Vorwürfe seien aus der Luft gegriffen. Die Nachrichten? "Haben meine Tochter und mein Vater verfasst." Das war auch nötig. "Wie soll ich sonst an meine Sachen kommen, die noch bei meiner Ex liegen?" Beweise gäbe es genügend. "Wenn es nötig ist, gehe ich bis vors oberste Gericht!"

Maier kramt Aktenberge hervor, zitiert Justizvorschriften ("Ich habe da vorher mal gegoogelt") und redet in einer Tour. Von seiner Ex, die ihm schaden will. Und von Zeugen, die ihn entlasten werden. Irgendwann wird es dem Richter zu bunt. "Stopp! Sie können reden, wenn Sie dran sind!" Ein Prozess vor einem Schwurgericht sei zwar möglich. "Aber wollen Sie das wirklich? Es steht eine Gefängnisstrafe im Raum." Egal. Maier bleibt standhaft. "Ich bin unschuldig!" Nichts zu machen. Die Verhandlung wird vertagt. Alltag an fränkischen Amtsgerichten.



Diebstahl, Trunkenheit im Verkehr, Nachbarschaftsstreitigkeiten

Mord, Totschlag, Körperverletzung, schwere Brandstiftung: An den Land- oder Oberlandesgerichten geht es meist um die "großen" Prozesse. In den Sitzungssälen der insgesamt 73 bayerischen Amtsgerichte werden hingegen die Fälle verhandelt, die sich täglich an jeder Ecke abgespielt haben können: Diebstahl, Trunkenheit im Verkehr, Nachbarschaftsstreitigkeiten ...

Szenenwechsel, Amtsgericht Coburg. Eine junge Frau in schickem Blazer reibt sich nervös die Hände. Sie soll einem Bekannten an Weihnachten das Handy gestohlen haben. "Sie wollte es nur leihen", lässt die Frau über ihren Anwalt ausrichten. Am nächsten Tag habe sie es zurückgegeben und den Besitzer als Entschädigung zum Essen eingeladen. "Darüber hat er sich doch gefreut."

Der Handybesitzer sieht das anders. "Ein Gläschen Wein wollte sie nicht. Stattdessen ist sie mit dem Smartphone raus." Ob er das Handy denn zurückbekommen habe, fragt die Richterin. "Ja, nach drei Tagen. Da vorne an der Tanke." Und das Essen? "War lecker." Kurzer Blick zur Staatsanwältin, dann verkündet die Richterin leicht amüsiert: Verfahren eingestellt.



Alleine 2015 waren es über 93000 neue Strafverfahren

An den bayerischen Amtsgerichten waren im Jahr 2016 insgesamt 1245 Richterinnen und Richter angestellt. Vermögens- und Eigentumsdelikte sowie Urkundendelikte ohne Diebstahl und Unterschlagung bildet die zahlenmäßig größte Hauptdeliktsgruppe, gefolgt von den Straftaten im Straßenverkehr. Diebstahl und Unterschlagung sind ebenfalls sehr häufig ein Thema, ebenso vorsätzliche Körperverletzungsdelikte. Alleine im Jahr 2015 sind insgesamt 93 274 neue Strafverfahren eingegangen.

Der junge Mann, der in Handschellen in den Sitzungssaal geführt wird, kennt sich an fränkischen Amtsgerichten gut aus. Er hat öfter mal zugeschlagen, hinzu kommen Diebstahlsdelikte und illegaler Waffenbesitz. Irgendwann wird die Liste zu lang, seit einigen Wochen sitzt der 23-Jährige hinter Gittern. Dass er dort sein Drogenproblem in den Griff bekommt, ist unwahrscheinlich. Dafür ist zu viel vorgefallen: Sein Vater macht sich aus dem Staub, als der 23-Jährige klein ist. Ohne Schulausbildung lebt er als Jugendlicher in den Tag hinein. Zuletzt pflegt er seine krebskranke Mutter. Vor seiner Inhaftierung ist er obdachlos.

Der Richterin fällt es schwer, zu verhandeln. Sie schwankt zwischen Mitgefühl und der Suche nach einer gerechten Strafe. Irgendwann hört man einen Satz, den wohl alle Amtsrichter in ihrer Karriere schon einmal gesagt haben. "Ich hatte gehofft, Sie hier nicht mehr zu sehen." Sie weiß: Auch in diesem Fall wird es nicht das letzte Mal sein.



19719 Bußgeldverfahren

Im Jahr 2015 fanden an bayerischen Amtsgerichten insgesamt 72 418 Hauptverhandlungen in Strafverfahren statt. Zudem verhandelten die Richter insgesamt 19 719 Bußgeldverfahren. Dabei sitzt nicht immer ein Anwalt an der Seite der Beschuldigten: Angeklagte können sich grundsätzlich auch selbst verteidigen.

Zum Ende des Tages geht es noch einmal zurück in den Sitzungssaal 27 des Amtsgerichtes Bamberg. Verhandelt wird eine tätliche Auseinandersetzung hinter Gittern. Der Beschuldigte, mehrfach vorbestraft, weil er betrunken und ohne Führerschein Auto gefahren ist, soll einen Zellengenossen geschlagen haben. Bei der Aufklärung soll heute eigentlich ein wichtiger Zeuge helfen, der mit dem Angeklagten in einer Zelle gewohnt hat. Doch zunächst erscheint der Zeuge nicht. Als der Rentner endlich vor dem Richter sitzt, kann er sich an nichts erinnern. "Ich hab' das Zeug schon alles vergessen."

Als wäre das nicht alles schon genug für heute, muss sich der Richter jetzt auch noch mit einem übermotivierten Verteidiger auseinandersetzen. Der fordert kurzerhand, den verwirrten Zeugen wegen Falschaussage zu belangen. Antrag abgelehnt, die Plädoyers bitte! Urteil. Feierabend.




Zuständigkeiten und Strafmaß

Beim Amtsgericht gibt es den Strafrichter und das Schöffengericht. Der Strafrichter ist zuständig, wenn ein Vergehen verhandelt wird und die Straferwartung nicht höher als zwei Jahre Freiheitsstrafe liegt. Im Einzelfall darf er eine höhere Strafe verhängen, die aber vier Jahre Freiheitsstrafe nicht übersteigen darf.
Das Schöffengericht ist grundsätzlich zuständig, wenn entweder ein Verbrechen angeklagt ist und/oder die Tat die Verhängung einer Freiheitsstrafe von über zwei Jahren - aber maximal vier Jahren Freiheitsstrafe - erwarten lässt.


Strafsachen

Amtsgerichte sind in einer Vielzahl von Fällen die gerichtliche Erstinstanz und decken nahezu alle rechtlich relevanten Lebensbereiche ab. Bei den Strafsachen stehen sich nicht zwei private Parteien gegenüber, sondern die Staatsanwaltschaft vertritt aufgrund der von ihr erhobenen Anklage oder des von ihr beantragten Strafbefehls die Interessen der Öffentlichkeit an der Strafverfolgung gegenüber dem angeklagten Bürger.


Zivilsachen

Von sogenannten Zivilsachen spricht man, wenn sich Bürger untereinander als Klägerpartei und Beklagtenpartei im Rechtsstreit befinden, sei es zum Beispiel zwischen Vermieter und Mieter, nach einem Verkehrsunfall oder zwischen zwei Nachbarn. Grundsätzlich gilt: Das Amtsgericht ist nur bei einem Streitwert bis 5000 Euro zuständig.
Der Streitwert bestimmt sich durch den Gegenstand, über den die Parteien streiten; meistens ist es der Wert der Klageforderung - etwa der vom Kläger eingeforderte Kaufpreis. In Ausnahmefällen sind Amtsgerichte auch unabhängig von der Höhe des Streitwertes zuständig, insbesondere Streitigkeiten im Zusammenhang mit Wohnraummietverhältnisse.


Familienrecht

Daneben gibt es die - ebenso zu den Zivilsachen zählende - besondere Abteilung für Familienrecht. Diese Abteilung wird auch als das "Familiengericht" bezeichnet. In Familiensachen geht es um alles, was die Familie rechtlich bewegen kann (z. B. Scheidung, Unterhalt, Adoption).


Freiwillige Gerichtsbarkeit

Ein weiterer großer Bereich ist die "Freiwillige Gerichtsbarkeit", die ebenfalls überwiegend bei den Amtsgerichten beheimatet ist. Die Aufgaben werden teilweise durch Richter, teilweise durch Rechtspfleger wahrgenommen. Die meisten Bereiche lassen sich als Tätigkeiten im Rahmen der "Rechtsfürsorge" oder der "vorsorgenden Rechtspflege" bezeichnen. Hierzu zählen etwa Nachlasssachen oder Vormundschafts-, Pflegschafts- und Betreuungssachen.