Bad Kissingen — Es will einfach noch nicht klappen. Die Diabolos fliegen nicht gleichzeitig und nicht gleich hoch in die Luft und auch das mit dem Fangen ist schwierig. Aber noch haben Christian, Hanna, Till und Justin ein wenig Zeit zu üben. "Bis zur Premiere klappt das ganz sicher, Hanna", tröstet Leonid, der Übungsleiter für die Diabologruppe, die Jüngste des Quartetts. Der Sohn der Zirkusfamilie Bethäuser ist einer von fünf ausgebildeten Betreuern, die das vom Bundesbildungsministerium geförderte Projekt von Anton Kliegl Mittelschule und deren Förderverein begleiten.
Nach einem Schnupperangebot für alle Schüler der 5.-7. Klasse hatten sich 70 Schüler für einen Kurs angemeldet und in drei Gruppen in verschiedenen artistischen Genres trainiert. Für das abschließende Projekt in den Osterferien haben sich 45 Kinder aus Mittelschule, Realschule und Gymnasium zusammengefunden, um ein poetisches Märchen zu erarbeiten und aufzuführen.
Vor dem prächtigen Zelt versuchen sich acht Mädchen an verschiedenen Pyramiden. "Die einfachen gelingen schon ganz gut", meint Hannah, "aber manchmal purzeln wir ganz schön durcheinander". Alles halb so wild, beschwichtigt Claudia Bethäuser-Roos, die Trainerin und weist auf den milde lächelnden Mond auf dem rot-weißen Zelt. Die Zirkusdirektorin ist ausgebildete Sozialpädagogin und führt seit 15 Jahren Schulprojekte in sozialen Brennpunkten, integrative Ferien- und auch langfristig angelegte Projekte durch. Auch Familienwochenenden, Mehrtagesprojekte oder Mitmachangebote bietet die in der ehemaligen Westheimer Mühle beheimatete Familie an. "Der Zirkus ist eine Schule fürs Leben" und die Pyramide, an der sich die Kinder versuchen, ein Sinnbild für das, was den Kindern spielerisch vermittelt werden soll. Die Stärkeren sollten das sichere Fundament sein und auf dem teils wackligem Grund müssen die Mittleren stabil zusammenhalten und den Kleinen und Mutigen Sicherheit geben, in die Spitze zu klettern. "Den Kindern positive Erlebnisse verschaffen, Talente verstärken, Gemeinschaft zu fördern, aber auch Durchhaltevermögen einzufordern, ist das Ziel der intensiven Trainingswoche".
Paula ist 18 und leistet ein freiwilliges soziales Jahr in der Sparte Kultur ab. Mit Kindern zu arbeiten, spannende Projekte zu begleiten, war für sie Motivation, sich bei "Luna" zu bewerben. Sie übt mit den Kindern das Balancieren auf großen Bällen. "Paula ist die beste Laufkugelläuferin der Welt", ist die 11 jährige Leonie überzeugt. Sie fühlt sich gut aufgehoben bei der Familie Bethäuser, hat viel gelernt und will im Anschluss am liebsten Sozialpädagogik studieren.
Ein paar Schritte weiter versucht sich Fabienne am Vertikaltuch, das von der Zeltkuppel hängt. Trainiert wird sie von der 16 jährigen Mia, einst selbst Kursteilnehmerin, die jetzt nach einer Ausbildung als Übungsleiterin mitwirkt. Noch gibt sie verstärkt Hilfestellung, aber am Ende wird sich Fabienne vielleicht sogar nach unten abrollen können. Hofft sie.
Kinderlachen hallt durch einen weiteren Zeltraum. In der angedeuteten Manege gibt Zirkusdirektor Peter Bethäuser mit löcherigem Strohhut den tölpelhaften "dummen August" . Wir sind in der Clownschule, klärt er auf und die Clowns spielen bei der Aufführung des Märchens "Mondspitzenkarussell" eine ganz wichtige Rolle, denn als die Karussellpferde eines Nachts ausreißen, beginnt eine abenteuerliche Suche, die nur besteht, wer seine Fähigkeiten erweitert. Es ist gar nicht so einfach, das Publikum zum Lachen zu bringen, berichtet Jan. Er ist 10 und soll den Weißclown mimen und der trifft auf das Mondbaby, gespielt von der gleichaltrigen Simone.
Das nervt zwar fürchterlich, aber... Mehr will Ria, 14, nicht verraten, "sonst kommt ja niemand zu unserer Vorstellung ", lacht sie.
Die Märchengeschichte ist der rote Faden, der sich durch die Aufführung mit viel Clownerie und Artistik zieht. "Alle Kinder bekommen eine Rolle und werden gestärkt aus der Woche hervorgehen", ist Bethäuser überzeugt und lädt herzlich zu den beiden Aufführungen am Samstag, 26.April, und am Montag 28. April jeweils um 18 Uhr ins Circus-Luna-Zelt am ehemaligen Kasernengelände hinter dem Kino ein.


Kultur macht STARK


Das Bundesministerium für Bildung und Forschung fördert mit dem Programm "Kultur macht stark - Bündnisse für Bildung" Maßnahmen kultureller Bildung, die von lokalen Bündnissen vor Ort geplant und durchgeführt werden. Für das Kissinger Circusprojekt haben die Anton-Kliegl-Mittelschule, der Förderverein der Mittelschule e.V. und Circus Luna aus Langendorf zu einem Bündnis verabredet. Wesentliches Ziel ist die Eröffnung neuer Bildungschancen - vor allem für benachteiligte Kinder und Jugendliche. Das Kissinger Projekt ist ganz bewusst im Kasernenbereich angesiedelt.