Madeleine nimmt eine Rechnung in die Hand. Mit einem Mal spürt sie die Last wieder. Es ist, als ob sie der 33-Jährigen den Brustkorb eindrückt und ihr das Atmen schwer macht. Immer wieder atmet die junge Frau tief ein, die Luft hebt ihren Brustkorb schwer an. Es ist als ob Madeleine versucht, die Last von sich zu drücken, obwohl sie genau weiß, dass das nichts bringt.
Armut lässt sich nicht wegatmen.

Eigentlich heißt Madeleine anders, sie will ihren echten Namen aber nicht in der Zeitung lesen. "Der Name Madeleine hat mir immer gefallen", sagt sie. Wenn sie eine Tochter hätte, hätte sie sie vielleicht so getauft. Madeleine kam mit 14 Jahren nach Deutschland. Sie besuchte die Hauptschule, brach ab. Dennoch erhielt sie eine Lehrstelle bei einer Bad Kissinger Metzgerei. "Fünf Monate vor der Gesellenprüfung kam das erste Kind und dann die Elternzeit", sagt Madeleine. Die Rückkehr in den Berufsalltag gelang nicht mehr. Nicht als alleinerziehende Mutter von drei Kindern.

Seit elf Jahren - so alt ist ihr Ältester - lebt sie von Hartz IV. Madeleine sitzt mit Familienbegleiterin Eva Sauer und einem Journalisten in ihrem Wohnzimmer. Die Wohnung ist recht geräumig, sauber und liegt abseits der Innenstadt. Leise erzählt sie, wie es sich anfühlt, auf sich gestellt ihre Söhne groß zu ziehen und dabei monatlich mit 1660 Euro auszukommen. Gemessen am Bundesdurchschnitt, ist die Familie arm.

Kein Vater zahlt Unterhalt

"Zur Unterstützung habe ich meine Mutter. Sie hilft mir immer", sagt Madeleine. Zu den Vätern habe sie keinen Kontakt. Sie unterstützen ihre Kinder nicht finanziell. Das Jugendamt Bad Kissingen übernimmt für zwei der Kinder den Unterhalt, das dritte ist aufgrund einer zeitlichen Begrenzung ausgeschlossen. Sechs Jahre springt der Gesetzgeber für die Väter ein, dann ist Schluss. So regelt es das Unterhaltsvorschussgesetz.

Miete, Versicherungen, Lebensmittel, Benzin, Kleidung, Kindergartengebühren, Mietschulden: Die monatlichen Fixkosten fressen das Einkommen fast komplett auf. Größere Anschaffungen sind schwer möglich. Das sieht man der Wohnung an. Die Möbel zeigen starke Gebrauchsspuren, das Spielzeug der Kinder ist abgegriffen. Eine Zeitung oder einen Computer mit Internetzugang leistet sich die Familie nicht. Ein Fernseher ist das einzige Informations- und Unterhaltungsmedium. Die Küche ist abgenutzt, Gefrierschrank und Spülmaschine sind kaputt. Für neue Geräte fehlte bislang das Geld. Dabei legt sie großen Wert darauf frisch zu kochen, statt den Kindern Tiefkühlpizza vorzusetzen.

Erneute Schwangerschaft

Madeleines Söhne müssen auf vieles verzichten, was bei ihren Klassenkameraden normal ist. Handys, Internet, Spielekonsolen, Ausflüge, die weiter weg führen als ins Terrassenschwimmbad oder ins Takka-Tukka-Abenteuerland in Fulda. "Es gibt so viele Sachen für Kinder. So Schön. Und so teuer." Madeleine klingt sehnsüchtig. "Ich sage dann immer, ich kann mir das nicht leisten, aber das verstehen sie noch nicht."

Besonders ihrem ältesten Sohn - einem zurückhaltenden, schüchternen Jungen - mache das zu schaffen. "Bei ihm geht es immer ums Geld. Er sagt, er will später reich sein und nie jemandem Geld schulden." Trotz aller Einschränkungen hat Madeleine am Monatsende meistens nicht viel Geld übrig. "Dann muss das Auto stehen bleiben." Und sie alle Einkäufe zu Fuß erledigen.Während Madeleine redet, tritt Sohn Nummer Vier sie immer wieder in den Bauch und erinnert sie, dass es im Sommer in der 85-Quadratmeter-Wohnung enger wird, dass die finanziellen Sorgen nicht weniger werden.

Eva Sauer vom Mehrgenerationenhaus weiß, wie sie Madeleine neue Küchengeräte mitfinanziert. "Es gibt immer ein paar Geldtöpfe, die man nutzen kann", sagt die Familienbegleiterin. Sie weiß, wie man das Bildungspaket beantragt, dass es Zuschüsse für das Essensgeld im Kindergarten gibt oder auch Zuschüsse zur Schwangerschaft. Betroffene wüssten in der Regel selten, welche Leistungen ihnen zustehen und wie man sie beantragt, kritisiert Sauer. "Es fehlt eine zentrale Beratungsstelle."

Madeleine kämpft. "Irgendwie kommen wir schon durch", wiederholt sie im Lauf des Gesprächs ein paar Mal. Sie versucht ihren Kindern eine gute Erziehung mit auf den Weg zu geben. "Hauptsache die Schule klappt, damit der Weg frei wird." Sie befürchtet, dass ihre Kinder in der Pubertät anfangen zu klauen und zu trinken. Über ihre Ängste spricht sie offen mit ihnen. Sie hofft, dass ihren Söhnen mit einer guten Ausbildung der soziale Aufstieg gelingt. Sie hofft, dass ihre Kinder später nicht von den Nachbarn bezichtigt werden, schlechte Eltern zu sein. Ihre Kinder müssen viel selbst schaffen. Armut lässt sich nicht wegatmen.