Alexander K.* (*Name von der Redaktion geändert) kommt nicht mehr nach. Drei-Schicht-Betrieb. Großindustrie. Sein Schichtleiter hat die Stückzahl aufgestockt. Druck von oben. Mehr Arbeit in der gleichen Zeit. Jetzt nicht schlapp machen. Der Job ist wichtig. Hauptsache funktionieren. Alexander K. hat ein Mittel gegen die Überforderung: Eine von den kleinen Pillen und weiter. Durchhalten. Zum "Koks des kleinen Mannes" greifen immer mehr, sagt Silvia Herrmann, Leiterin der Caritas-Suchtberatungsstelle. Amphetamine: "Ein Hilfsmittel, um die Situation zu ertragen", sagt sie. Bis Abhänige mit einem Drogenproblem vor ihrer Tür stehen, dauert es manchmal viele Jahre.

Jede Schicht macht es. Der Chirurg mit Ritalin, die Hausfrau mit Schmerzmitteln aus der Apotheke, der Jugendliche mit Gras, der Rentner mit Bier und Schoppen. Legale oder illegale Drogen können abhängig machen. Jeden. "Ich habe mir sehr schnell abgewöhnt, in Schubladen zu denken", sagt Silvia Herrmann. Ihre Klientel aus dem Landkreis: ein Querschnitt der Bevölkerung. Die Region schneidet nicht besser ab als deutsche Großstädte wie Berlin oder Hamburg, meint sie. "Die Szene ist hier nur versteckter."

Betroffene bekommen Druck. Von der Familie, vom Chef - manchmal schickt sie der Arzt zu Silvia Herrmann und ihrer Kollegin Marion Albert. Viele Leute, die auf dem Stuhl im Beratungszimmer Platz nehmen, sind gar nicht richtig da, erzählt Silvia Herrmann. Sie rutschen nervös hin und her, sind kribbelig, alkoholisiert, im Laber-Flash, launisch, gereizt. Gegenüber sitzt ihnen eine der beiden Frauen. Der Weg zur Tür bleibt frei. Zur Sicherheit.


Diskret und vertraulich

Wer sich endlich traut und die Nummer der Beratungsstelle wählt, braucht Hilfe. Sofort. Silvia Herrmann und Marion Albert wollen zuhören. Ungestört, diskret und ohne erhobenem Zeigefinger. "Wir nehmen den Menschen an, wie er ist", sagt Silvia Herrmann. "Wir sind für ihn die Möglichkeit, sich ungeschminkt im Spiegel anzusehen." Zusammen suchen sie Lösungen. Die Arbeit mache der Sucht-Kranke.
Wichtig für die Sozialpädagoginnen: abgrenzen. "Wir haben Mitgefühl, aber kein Mitleid", sagt die 53-jährige Leiterin. "Hilfe zur Selbsthilfe" sollen Betroffene bekommen. Jedem fünften haben die beiden im letzten Jahr einen stationären Therapieplatz vermittelt.

"Wir lassen den Menschen wie er ist - in seiner Eigenverantwortung", sagt Marion Albert. Scheitern gehört dazu. Fast drei Viertel bricht die Hilfe ab. Viele Klienten sind alte Bekannte. "Eine Suchterkrankung ist ein lebenlang", sagt Marion Albert. Die Abhänigkeit schlummert. Sucht sei nie vorbei, meint Silvia Herrmann. Ein Schicksalsschlag mache auch nach 20 Jahren rückfällig.


Gesellschaftliche Entwicklung

"Es ist schwer auszuhalten, dass die Menschen immer wieder die gleichen Fehler machen. Das hat aber nichts mit dem Intellekt zu tun", sagt Silvia Herrmann. "Unsere Leute haben tolle Fähigkeiten. Dealer sind clevere Geschäftsmänner", meint sie. Nur toben die sich mit ihrem Talent auf der falschen Seite aus.

Dass jemand überhaupt süchtig wird, kann mehrere Gründe haben, erklärt die Beraterin. Pauschale Urteile lässt sie nicht zu. Die gesellschaftliche Entwicklung wirke wie ein Brandbeschleuniger. Ein Schulsystem, das "gnadenlos aussortiert" und eine Arbeitswelt, in der Ansprüche und Druck immerzu steigen: "Solche Umbrüche wirken sich aus. Mit Drogen flüchten Menschen in eine Scheinwelt." Wie lässt sich das verhindern?

Eine hohe Risikobereitschaft, maximale Neugier und das Gefühl "Ich krieg´ ja eh nichts hin; keiner glaubt an mich" treibt Jugendliche in die Drogen-Szene, erzählt Silvia Herrmann. Wer ein gesundes Selbstbewusstsein hat, sich seine Schwächen eingestehen und Gefühle kontrollieren kann, ist davor geschützt, abzurutschen, sagt die Sozialpädagogin. "Das muss im Elternhaus erlebt werden." Eine erhebliche Rolle spiele außerdem die Kultur, in der man sozialisiert wurde, meint Marion Albert. Das gelte für Einheimische genauso wie für Flüchtlinge.

Bei der Beratung von letzteren sieht die Leiterin eine neue Herausforderung. Nicht nur wegen Sprachbarrieren. "Die Ehre ist ein heikles Thema. Schwäche eingestehen - vor uns Frauen?" Bisher suchten nur einzelne Flüchtlinge Hilfe. Sie rechnet damit, dass es künftig mehr wird: "Es gibt Anzeichen, dass sie Probleme mitbringen, und die verbessern sich hier nicht."

Wem als Freund, Nachbar, Chef oder Kollege etwas auffällt und nicht weiß, wie er reagieren soll, kann sich bei der Beratungsstelle der Caritas melden. "Sucht belastet nicht nur den Betroffene, sie streut im ganzen Umfeld", sagt Silvia Herrmann.

Hintergrund Die Sucht-Beratungsstelle der Caritas gibt es seit dem Jahr 1979. Träger ist der Bezirk Unterfranken. Zwei Sozialpädagoginnen kümmern sich um die Betroffenen im Landkreis Bad Kissingen

Ohne Termin Montags findet von 9 bis 12 Uhr eine offene Sprechstunde statt.

Kontakt Die Psychosoziale Beratungsstelle für Suchtprobleme ist in der Hartmannstraße 2a in Bad Kissingen. Erreichbar sind die Verantwortlichen unter Tel.: 0971/7246 9200 und per Mail suchtberatung@caritas-kissingen.de.