Wer "Die schöne Müllerin" hört, der denkt erst einmal an Dietrich Fischer-Dieskau und seine kunstvoll-elaborierte Art des deklamatorischen Singens, die die Lieder immer auf eine Art von Podest hob - und damit in eine Distanz zum Zuhörer. Und dann denkt man auch an andere, reifere Herren, die mit dem Liederzyklus auch in der Kiste ihrer eigenen Erinnerungen kramten.

Simon Bode ist nicht unreif. Aber mit seinen 34 Jahren ist er noch nahe genug an der Generation der Müllersburschen, die Franz Schubert und Wilhelm Müller meinten. Es war einfach ein Genuss, wie sich der Tenor mit dieser Rolle des erst euphorischen, dann blinden, dann enttäuschten Liebenden auseinandersetzte, wie er nicht deklamierend, sondern erzählend ganz allmählich und mit psychologischem Feingefühl diesen inneren Wandel gestaltete, die Verletzlichkeit, das innere Staunen über etwas, was doch eigentlich gar nicht so geplant war: über die Zurückweisung.

Dazu kam, dass Simon Bode ein Sänger ist, der nicht nur mit der Stimme spielen kann, sondern der auch intonatorisch frei und unbedenklich singen kann, der sich ganz auf die Stimmung konzentrieren kann. So konnte sich die Aufmerksamkeit des Zuhörers ganz auf die Inhalte konzentrieren.

Dazu kam ein anderer Aspekt: Igor Levit war beim Kissinger Sommer zum ersten Mal als Liedbegleiter zu erleben. Und wieder einmal zeigte sich, dass er ein Pianist ist, der tief zwischen den Notenzeilen liest, der eigene Lösungen sucht, der den Text höchst expressiv deutet. Das war keine Begleitung mehr, sondern ein Parallelentwurf zum gesungenen Text. Da drang die Musik in Bereiche vor, in die das Wort nicht hinunterkommt. Und so kam es, dass vieles ganz anders als gewohnt und vor allem viel persönlicher klang. Da hatten sich wirklich zwei gefunden.

Man kann "Die schöne Müllerin" sicher anders singen und spielen, aber nicht intensiver, nicht in noch größerer Übereinstimmung. Wenn es klappt, wollen die beiden im nächsten Kissinger Sommer die "Winterreise" machen - genau das Richtige für die heißen Tage.