Nanu, war man da im falschen Konzert im Rossini-Saal? Angekündigt war doch "Marimba Magie", eine Matinee classique des Kissinger Winterzaubers mit Nina Schroll und Jascha Bauer Heilmann. Da hätten doch eigentlich zwei, höchstens drei Idiophone genügen müssen. Das sind, wenn man den Begriff nicht gehässig, sondern etymologisch ernsthaft übersetzt, sogenannte "Selbsttöner", also Instrumente, die ihre Klänge ohne die Hilfe von Saiten oder Membranen erzeugen - eben Marimbaphon oder Xylophon oder Vibraphon oder andere. Aber die Bühne des Rossini-Saals war vollgepackt mit fast dem gesamten Perkussionsinstrumentarium und allem, was Krach machen kann. Als dann sechs bis acht junge Leute im Unterstufenalter das Podium stürmten und mit großem Elan was auch immer zu spielen begannen, war die Verwirrung erst einmal perfekt.

Aber sie löste sich nach dem letzten Schlag ebenso schnell wieder auf. Denn wie Thomas Friedrich, nicht nur Organisator der Matinee, sondern vor allem Leiter der Schlagzeugklasse an der Städtischen Musikschule erklärte, war das ein Überfall der Vorgruppe von "Kisspercussiva", dem etablierten Schlagzeug-Ensemble und Aushängeschild der Schule - das im November 2019 zum letzten Mal öffentlich auftreten konnte.

Für die jungen Leute jetzt war ihr Überfall der erste Auftritt überhaupt. Das hätte man nicht unbedingt vermutet angesichts des unerschrockenen Zugriffs und der geradezu hörbaren Konzentration, die zu einem motorisch starken und erstaunlich präzisen Zusammenspiel führten. Es waren zwei Sätze von Eckhard Kopetzki (den zweiten spielte die Gruppe zur Eröffnung des zweiten Konzertteils), die Thomas Friedrich geschickt ausgewählt hatte: "Saltina" und "Polka Drops". Sie waren keineswegs einfach, aber Sicherheit gebend strukturiert. Und man konnte immer mal so richtig draufhauen, ohne die Musik aus der Balance zu bringen.

Eine gutlaunige Zugabe an der richtigen Stelle. Aber natürlich ging es an dem Morgen wirklich um Nina Schroll und Jascha Bauer-Heilmann. Für die hätten drei Idiophone tatsächlich - fast immer - gereicht. Die beiden, auch gemeinsam hochdekoriert bei Landes- und Bundeswettbewerben von "Jugend musiziert", spielen natürlich in einer ganz anderen Liga, gehen durchaus auch an die Grenzen des Spielbaren. Und des Erwartbaren wie bei Mauricio Kagels "Railroad Drama" aus der Schlagzeugduo-Sammlung mit dem bezeichnenden. Titel "Rrrrrr ..." Da wird die anfahrende Lokomotive durch Anblasen von Papier hörbar, da entwickelt sich mit den verschiedensten Instrumenten und Teilen vom Flötenstück, Reisigbesen und Brummtopf bis zur großen Trommel ein akribisch geplantes Chaos, das in einem Zugunglück endet.

Nicht alles war so ungewöhnlich wie etwa Nils Rohwers "Butterfly" für Marimba solo, das Jascha Bauer-Heilmann spielte, dessen Vielschichtigkeit er mit einer raffinierten Dynamik und tollen Anschlagsvariationen verdeutlichte. Nina Schroll lieferte den Kontrast in Richtung Innerlichkeit mit David Maslankas Madrigal "My Lady White", sehr sanglich, mit weichen, delikaten Klangflächen, aus denen die Melodie leicht hervorspitzte, und mit einem fabelhaft abschattierten Schluss.

Und dann Gene Koshinskys "As One". Der Titel besagt nichts anderes als dass da zwei Musiker so homogen wie eine spielen müssen. Und natürlich macht er es ihnen besonders schwer. Denn beide haben nicht nur ihre Marimbas zu bedienen, sondern davor auch jede Menge Perkussion. Die Musik lebt von dem Kontrast aus wechselnden stereotypen Marimba-Begleitfiguren und ziemlich gnadenlosen perkussiven Ausbrüchen.

Spätestens hier, bei diesen enormen Anforderungen, konnte man als Zuhörer einen Wandel feststellen - und das ist vor allem ein Kompliment an die beiden Musiker: Die Musik trat in den Hintergrund zugunsten der Aufmerksamkeit für die hervorragende, schonungslose technische Umsetzung. Und die Emotionen wanderten mit.

Dieser Verschiebung fiel ein wenig "Two Movements" von Toshimitsu Tanaka zum Opfer. Denn gerade weil die beiden etwas ähnlichen Sätze mit ihren Klangzaubereien so klar gespielt waren, fiel auf, dass sich der Komponist an der einen oder anderen Stelle ein bisschen mehr hätte einfallen lassen können. Dass die Musiker dieses Werk gerne spielen, ist ihnen unbenommen.

Wie hochemotional sich eine Marimba spielen lässt, zeigte Jascha Bauer-Heilmann mit dem "Blues for Gilbert", den Mark Glentworth für einen verstorbenen Freund geschrieben hat. Denn es waren nicht nur die etwas verdüsterten Klangfarben, sondern auch eine Agogik des leichten Stockens und Zögerns, die Introvertiertheit schuf.

Natürlich durfte sechs Tage vor Heiligabend Besinnlichkeit nicht fehlen. Und deshalb hatten Nina Schroll und Jascha Bauer Heilmann spontan ein Potpourri aus deutschen Weihnachtsliedervariationen eingeschoben. Das war nett gemeint und gut für die Stimmung. Aber damit verkauften sich die beiden angesichts des bisher Gehörten doch etwas unter Wert.

Vor allem aber auch mit Blick auf das letzte Werk - mit dem sie bei "Jugend musiziert" in diesem Jahr so erfolgreich waren: "Blue Latin Rondo" des Würzburgers Matthias Schmitt. Warum? Weil bei aller Beachtung für die technische Umsetzung plötzlich wieder die melodischen Aspekte in den Blick- oder Hörpunkt rückten. Ein perfekter Abschluss. Nicht ganz: Als Zugabe spielten die beiden den "Komödianten-Galopp", einen der beiden waghalsigen Presto-Sätze aus der Orchestersuite "Die Komödianten" von Dmitri Kabalewski.