Mit einem statistischen Wert von 1,8 Ausbildungsstellen pro Bewerber standen die Chancen für Schulabsolventen, einen Ausbildungsplatz zu bekommen, in diesem Jahr wieder sehr gut. Den 1050 gemeldeten Ausbildungsplätzen standen heuer nur 591 Bewerber aus den Abschlussklassen im Landkreis Bad Kissingen gegenüber. Doch die einschneidenden Corona-Beschränkungen mit Unterrichtsausfall und Home Schooling scheinen manche Jugendliche vom sofortigen Berufseinstieg abgehalten zu haben. Dies geht aus dem zum 30. September abgeschlossenen Jahresbericht der Agentur für Arbeit hervor.

Hatten die vier im Landkreis tätigen Berufsberater im Vorjahr noch 703 Bewerber bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz beraten können, waren es heuer mit 591 etwa 16 Prozent weniger. Dies sei einerseits auf die demographische Entwicklung mit sinkender Schülerzahl zurückzuführen, meinte Thomas Schlereth, seit Oktober Teamleiter Berufsberatung in der Schweinfurter Zentrale. Andererseits waren wohl auch die fehlenden Kontaktmöglichkeiten während des mehrwöchigen Lockdowns ein Grund für die geminderte Kontaktzahl. Ein dritter Grund, so vermutet der Fachmann, mag auch der freiwillige Entschluss mancher Schüler sein, wegen des ausgefallenen Präsenzunterrichts das letzte Schuljahr lieber zu wiederholen. Schlereth: "Auch unabhängig von Corona ist der Trend, länger in der Schule zu bleiben, für uns nicht neu."

Im Ausbildungsmarkt zeigen sich kaum Veränderungen zum Vorjahreszeitraum, da die Corona-Kontaktverbote erst ab März galten. "Viele Unternehmen und Verwaltungen hatten da schon ihre Ausbildungsplätze besetzt." Nach aktueller Statistik gibt es einen deutlichen Überhang an Ausbildungsplätzen im Hoch- und Tiefbau - hier konnten nur fünf von 132 Stellen besetzt werden -, bei Arzt- und Praxishilfen (39 von 86) oder auch bei Malern und Stuckateuren (6 von 49). Auch andere für den Landkreis wichtige Branchen wie die Hotellerie (13 von 40 Stellen besetzt), Gastronomie (1 von 12) oder Köche (12 von 27) suchen dringend Nachwuchs.

Schon seit Jahren verstärkt sich zum Leidwesen heimischer Handwerksbetriebe bei Schulabgängern der Trend zu scheinbar bequemeren Bürotätigkeiten. So zeigt sich auch heuer ein deutlicher Bewerberüberhang für Ausbildungsplätze in der Verwaltung, der Unternehmensorganisation (Bürokaufmann/-frau) sowie vor allem bei männlichen Bewerbern in der Informatik und Software-Entwicklung. "Das insgesamt positive Verhältnis von Bewerbern zu Ausbildungsstellen darf also nicht zur Vermutung verleiten, dass jeder Jugendliche seinen Wunschberuf erlernen kann", warnt Berufsberater Schlereth vor falschen Erwartungen und ergänzt: "Wir könnten viel mehr Jugendliche in den Ausbildungsmarkt ermitteln, wenn die Bewerber offener für Handwerksberufe wären."

Interessant ist auch, dass alle Emanzipationsbemühungen sowie die Einführung gesonderter "Girl's Days" und "Boy's Days" kaum Wirkung gezeigt haben, "das geschlechtsspezifische Verhalten bei der Berufswahl aufzubrechen", stellt der Teamleiter Berufsberatung fest. So stehen bei männlichen Schulabsolventen der Industriemechaniker an erster Stelle der Wunschberufe, gefolgt vom Kfz-Mechatroniker. Bei den weiblichen Bewerbern ist dies die Medizinische Fachangestellte, gefolgt von der Industriekauffrau.

Hinsichtlich der Corona-Pandemie, deretwegen persönliche Kontakte erst im Juli wieder aufgenommen werden konnten, stellt Thomas Schlereth für das jetzt abgeschlossene Berichtsjahr fest: "Wir haben gerade noch so die Kurve gekriegt." Persönliche Kontakte mussten durch die telefonische Beratung ersetzt werden. In den Wochen des Lockdowns gab es eine Hotline für Eltern und Schüler, sogar einen Eltern-Informationstag über die Hotline und eine noch intensivere Zusammenarbeit mit den Klassenleitern der Abgangsklassen. Erst kürzlich wurde zusätzlich die Möglichkeit der Video-Telefonie eingeführt.

"Keiner soll verloren gehen"

"Die Eltern waren trotz aller Schwierigkeiten mit unserer Arbeit zufrieden", freut sich auch Teamleiter Schlereth und hofft auf baldige Normalisierung der Arbeitsbedingungen. "Wir wollen doch jedem Ausbildungsbewerber helfen. Keiner soll verlorengehen."