Bad Kissingen
Kultur

Stühlerücken im Museum: Möbel von einem, der nicht nach dem Zeitgeist ging

Bei der Tauschaktion "Kunst geht fremd ... und über Grenzen" gab es für Bad Kissingen einen Rauchtisch mit Stehlampe und Stuhl. Was an den Möbeln so besonders ist.
Ein gepolsterter Armstuhl samt Rauchtisch mit verstellbarem Lampenarm aus der Werkstatt des Künstlers Hermann Amrhein aus Lohr am Main ist bis 6. November im Bad Kissinger Bismarck-Museum zu sehen. Was an den Möbel so besonderes ist.
Ein gepolsterter Armstuhl samt Rauchtisch mit verstellbarem Lampenarm aus der Werkstatt des Künstlers Hermann Amrhein aus Lohr am Main ist bis 6. November im Bad Kissinger Bismarck-Museum zu sehen. Was an den Möbel so besonderes ist. Foto: Sigismund von Dobschütz

Seit Sonntag steht ein zusätzlicher Stuhl am barocken Esstisch im Empfangssalon des Bismarck-Museums, einer Abteilung der Museen Obere Saline in Bad Kissingen. Der gepolsterte Armstuhl ist zusammen mit einem hölzernen Rauchtisch mit 1,80 Meter hohem Lampenarm aus der Werkstatt des Künstlers Hermann Amrhein (1901-1980) eine Leihgabe des Spessartmuseums in Lohr am Main im Rahmen der seit zwölf Jahren von inzwischen 20 unterfränkischen Museen alljährlich durchgeführten Tauschaktion "Kunst geht fremd ... und über Grenzen".

Das Bad Kissinger Museum gab dafür im Ringtausch drei tönerne, in den 1850er Jahren in der Fabrik der Gebrüder Bolzano hergestellte Heilwasserflaschen an das Museum für Franken in Würzburg weiter.

"Diese zwei Exoten der Möbelgeschichte sollen unseren Besuchern zeigen, was Künstler und Möbeltischler sich alles einfallen lassen", erklärte die Bad Kissinger Museumsleiterin Annette Späth in einer Sonderführung am Sonntag ihren Gästen, die beide Schaustücke im Bismarck-Museum zum ersten Mal besichtigen durften.

Kontrast zu den Barock-Möbeln

Diese beiden "musealen Fremdgänger" aus der Mitte der 1920er Jahre haben einen "ganz eigenen Charakter" und bilden dadurch einen auffälligen Kontrast zu den historistischen Möbeln Bismarcks, den Barock-Möbeln der Fürstbischöfe und den Raum-Stuckaturen des Rokoko. "Man kann über Möbel sehr viel nachdenken", folgerte Späth aus diesem optischen Eindruck.

Hermann Amrhein wurde in Lohr am Main als Sohn eines Bäckers im heutigen Betty-Friedel-Haus an der Hauptstraße geboren. Nach mehrjährigen Aufenthalten in Stuttgart und Berlin kehrte er 1929 in seine Heimatstadt zurück. Als vielseitiger und äußerst produktiver Künstler entwarf er nicht nur Möbel, Lampen und Schatullen, sondern betätigte sich auch als Bildhauer, schrieb Gedichte und Romane.

Seit 1922 beschäftigte er sich mit der anthroposophischen Lehre Rudolf Steiners und brachte diesen Einfluss auch in seine Werke ein. "Der Künstler arbeitet die Seele heraus, die dem Material innewohnt, und ermöglicht dem Kunstwerk, mit lebendigen Gebärden in den Raum hineinzuwirken. Im Museum Obere Saline treffen die Möbel nun auf barocke und historistische Formenwelten der originalen Einrichtung von Bismarcks Kurquartier", heißt es im entsprechenden Abschnitt der Begleitbroschüre.

"Amrheins Möbel haben keine rechten Winkel, wo sie nicht zwingend notwendig sind", beschreibt es Christa Schleicher, wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lohrer Spessartmuseum. Starre Formen wie Rechtecke oder Quadrate werden in Amrheins Möbeln aufgelöst. "Seine Möbel entsprechen nicht dem Zeitgeschmack der damaligen Gesellschaft", ergänzte sie. Hermann Amrhein habe die Ansicht vertreten, dass Kunst über jeden Zeitgeschmack erhaben sei.

Das Spessartmuseum verdankt einer 1994 von Tochter Monika Amrhein zugunsten der Stadt gegründeten Stiftung die Überlassung mehrerer Kunstwerke und Möbel aus dem Nachlass des Vaters. Zwei Exponate aus diesem Nachlass sind nun bis 6. November im Bismarck-Museum zu bewundern und zwar mittwochs bis sonntags jeweils von 14 bis 17 Uhr.