Der Schlüssel hat seinen Platz. Schon immer. Morgens, wenn Hans Kober seine Zeitung aus dem Briefkasten holt, geht er noch ein paar Schritte weiter. Über die Hauptstraße: Direkt gegenüber von seinem Haus steht die katholische Kirche St. Maria von Fatima. Ohne Hans Kobers Großvater würde das Dorf heute anders aussehen - und sich anders fühlen, meint er. Der 59-Jährige ist der erste und der letzte in der Kapelle. Jeden Tag. Ist er mal nicht da, um die Holztür aufzusperren, übernimmt jemand aus der Familie. Oft kommt das nicht vor. Wenn er gefragt wird, was das Besondere an der Singenrainer Kirche ist, muss er nicht lange überlegen.


Material aus der Region

15 auf zehn Meter, Sandsteinbau, die Bänke und Balken drinnen aus Fichtenholz: Viel Material schafften die Männer aus dem nächsten Wald ran, die Frauen sorgten derweil dafür, dass niemand hungrig auf der Baustelle schuftete. Die Singenrainer bauten ihre Kirche selbst. Drei Jahre bis zur Einweihung am 4. Juni 1950. "Kriegsheimkehrer-Kapelle" nennt sie das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege. Die Leute hätten damals auch etwas anderes zu tun gehabt, meint Hans Kober, aber sie gaben dem Dorf ein Gesicht und ein Stück Freiheit.
"Das Besondere ist, dass es unsere Kirche ist", sagt Hans Kober. Dass das Örtchen seine Kirchenangelegenheiten selbst in der Hand hat, soll nicht eigensinnig oder egoistisch daherkommen. "Identifikation", nennt es Hans Kober.


50 Pfennig für die Baustelle

Die Jugendlichen hatten eine Theatergruppe gegründet, um Geld für den Kirchenbau einzuspielen. Regelmäßig war Hans Kobers Großvater, damals Bürgermeister, durchs Dorf gezogen, um Spenden für die Kirche zu sammeln. 50 Pfennig hier, drei Mark dort: Aufzeichnungen, Rechnungen, Anträge, Pläne und Briefe hat die Familie bis heute aufgehoben. Die Spaltkeile, mit denen die Männer die Steine bearbeiteten, hat Hans Kober heute noch in Gebrauch. Vor einigen Jahren setzte er einen Wetterhahn aufs Dach. Zum Gedenken an seinen Vater, der zuletzt ans Bett gefesselt bedauerte, dass er nicht spüren konnte, woher der Wind wehte.

Seit den 70er-Jahren steht die Kirche St. Maria von Fatima auf der Denkmalliste. Zuerst wegen der "historischen Ausstattung", seit 2011 als Ganzes, aufgrund seiner "kulturhistorischen Bedeutung", erklärt Dr. Rembrant Fiedler vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. "Ortsbildprägend" sei die Kirche, die Singenrain ein Zentrum gegeben habe. Der Baustil, die künstlerische Gestaltung, die Holzdecke und das Gestühl - nicht eine Prüfung eines Fachmannes macht die Kirche zum Denkmal, sondern allein, dass sie den Kriterien im Artikel 1 des Denkmalschutzgesetzes entspricht (Infokasten).


Küster-Dienst per Whatsapp

Inzwischen sorgt nicht mehr Hans Kobers Großmutter oder seine Mutter oder er selbst dafür, dass die beiden Glocken in dem 13 Meter hohen Turm läuten, sondern ein elektronische Steuerung. Das Küster-Team spricht sich via Whatsapp ab und frieren muss auch niemand mehr, so wie früher, als es noch keine Heizung gab. Eines ist geblieben: das Gefühl.

Wenn Hans Kober durch die Holztür tritt, kommt er zur Ruhe. Kerzen, Klingelbeutel, Wasser, Wein: Eine halbe Stunde vor dem Gottesdienst bereitet er alles vor, letzter Kontrollblick, bevor die Ministranten ihren Dienst tun. Während der Predigt kann man mal nur für sich sein, erzählt er. Besonders jetzt, sagt er, wo die Gesellschaft immer unruhiger werde, würde es manchem gut tun, hierher zu kommen. Nach einem Tag mit Frau, Kindern und Enkelkindern wird er den Schlüssel zur St. Maria von Fatima Kirche zurück an seinen Platz hängen, nachdem er die Holztür abgesperrt hat. Wie immer.


Kirche St. Maria von Fatima
Gebaut wurde die Singenrainer Kirche in der Dorfmitte von 1947 und 1950 und am 4. Juni 1950 eingeweiht. Im Jahr 1984 bekam die Kirche ihre Orgel, 1978 und 1990 fanden größere Reparaturen statt.

Denkmalschutzgesetz

In Artikel 1 des Bayerischen Denkmalschutzgesetzes heißt es: "Denkmäler sind von Menschen geschaffene Sachen oder Teile davon aus vergangener Zeit, deren Erhaltung wegen ihrer geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen, wissenschaftlichen oder volkskundlichen Bedeutung im Interesse der Allgemeinheit liegt." Das Denkmalschutzgesetz ist in Deutschland Ländersache.