Dieter Fünfstück kann es immer noch nicht glauben. Oberhalb Stralsbach soll ein neues Gewerbegebiet entstehen. Ursprünglich war dort sogar ein Industriegebiet vorgesehen. Doch der Naturschützer kann sich weder mit dem einen noch mit dem anderen anfreunden.

"Es ist ein unnötiger Landverbrauch", sagt der 69-Jährige.
Zudem fragt er: "Ist es noch zeitgemäß, auf dieser Anhöhe so etwas hinzubauen?" Schließlich seien die Pläne für eine gewerbliche Nutzung der Flächen am Poppenrother Berg vor etwa 25 Jahren gemacht worden. Inzwischen habe sich vieles, vor allem in Sachen Naturschutz, verändert, seien die Auflagen strenger.


Ackerflächen und Grünstreifen

Deshalb ist Fünfstück auch dafür, dass die zwischen Stralsbach und Poppenroth befindlichen Ackerflächen und Grünstreifen in ihrer jetzigen Form erhalten bleiben. Das hat er auch in seiner Stellungnahme zu dem geplanten Industriegebiet als Kreisgruppenvorsitzender des Landesbund für Vogelschutz (LBV) gegenüber dem Markt Burkardroth deutlich gemacht.

Ein wichtiger Grund für seine Ablehnung ist, dass sich in unmittelbarer Nachbarschaft zu dem künftigen Gewerbegebiet ein Steinkauz-Pärchen niedergelassen hat. "Seit etwa drei Jahren lebt es hier in einem alten Obstbaum", sagt der Experte, der sich schon seit über 40 Jahren für den Naturschutz engagiert. Außerdem wurden in benachbarten Apfel- und Birnenbäumen mehrere Brutröhren angebracht, um den Zuzug weiterer Pärchen zu fördern. Schließlich galt der rund 22 Zentimeter große Eulenvogel im Landkreis Bad Kissingen als ausgestorben. "Deshalb haben wir gemeinsam mit dem Landschaftspflegeverband und der Unteren Naturschutzbehörde ein spezielles Steinkauz-Projekt laufen, mit Maßnahmen über den ganzen Landkreis verteilt", erklärt Fünfstück.


Erste Erfolge

Und das zeigt bereits erste Erfolge, bestätigt Franz-Peter Ullmann, Fachreferent der Unteren Naturschutzbehörde im Landratsamt. "Dank der Initiative ist eine Wiederansiedlung gelungen. Mittlerweile leben 25 Prozent aller bayerischen Steinkäuze im Landkreis Bad Kissingen", erklärt er. Momentan handelt es sich dabei um zirka 60 Paare, davon gelten 47 als Brutpaare. "2014 haben diese für 158 Junge gesorgt, davon wurden allein 23 im Markt Burkardroth registriert", fügt Ullmann hinzu. Deutschlandweit gibt es laut Naturschutzbund NABU etwa 6000 Paare.

Seit 2008 steht der Steinkauz auf der Roten Liste gefährdeter Arten, die die Weltnaturschutzorganisation IUCN in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht. Rote Listen gelten als wissenschaftliche Fachgutachten, die Gesetzgebern und Behörden als Grundlage für ihr Handeln in Bezug auf den Arten-, Natur- und Umweltschutz dienen sollen. In der aktuell vom Bayerischen Landesamt für Umwelt veröffentlichten Roten Liste Bayerns wird der Steinkauz als eine von insgesamt 19 gefährdeten Brutvogelarten eingestuft.

Im Markt Burkardroth ist das offenbar nicht bekannt. Denn nicht nur einzelne Bewohner regen sich darüber auf, dass wegen eines Vogels so ein Aufheben gemacht wird.


Stellungnahme im Gemeindeblatt

Auch der Gemeinderat fasst Beschlüsse, die nicht wirklich mit dem Naturschutz zusammenpassen. In seiner Antwort auf die Stellungnahme des LBV zu dem geplanten Industriegebiet, die in der aktuellen Ausgabe des Gemeindeblattes Ortsschelle veröffentlicht wurde, heißt es: "Der dort zwischenzeitlich ansässige Steinkauz muss sich insofern mit der dann veränderten Situation arrangieren. Gegebenenfalls muss dieser auf eine neue Bleibe ausweichen." Zwar bezog sich diese Aussage auf die ursprünglich geplante Notzufahrt, die inzwischen aus den Planungen herausgenommen wurde. Dennoch zeigt sie, welche Haltung gegenüber der bedrohten Vogelart vertreten wird. "Die Gemeinde darf die Vögel nicht einfach vertreiben, da hier der Paragraf 39 Bundesnaturschutzgebiet greift", sagt Franz-Peter Ullmann von der Unteren Naturschutzbehörde dazu.


Schutz wild lebender Tiere

Dieser regelt den Schutz wild lebender Tiere und Pflanzen. Demnach ist es unter anderem verboten, deren Lebensstätten ohne vernünftigen Grund zu beeinträchtigen oder zu zerstören.

Am Poppenrother Berg wird nicht nur der Lebensraum des Steinkauzes durch das geplante Gewerbegebiet vernichtet, ist der LBV-Kreisgruppenvorsitzende Dieter Fünfstück überzeugt. "Früher oder später werden weitere Tiere und Pflanzen betroffen sein", so der Experte. Er weiß, dass unter anderem der Rotmilan hier sein Futter- und Jagdgebiet hat. Ein Vogel, der ebenfalls auf der Roten Liste Bayerns 2016 steht, und als eine von 20 Arten in der Vorwarnliste eingestuft wurde.

Inwieweit weitere Tier- und Pflanzenarten von dem Gewerbegebiet betroffen sein werden, ist momentan nicht bekannt. Denn der Markt Burkardroth hat es versäumt, eine sogenannte spezielle artenschutzrechtliche Prüfung (saP) des geplanten Gebietes vornehmen zu lassen. "Eine saP ist für jegliche Bauleitplanung erforderlich", bestätigt Fachreferent Ullmann von der Unteren Naturschutzbehörde, somit auch für die neuen Pläne, die am Poppenrother Berg ein Gewerbegebiet vorsehen.

Auch Dieter Fünfstück wird dann wieder eine Stellungnahme abgeben - und das Vorhaben erneut ablehnen.
"Es ist und bleibt hirnrissig, auf deutsch gesagt." Zudem fragt sich der Natur- und Vogelschützer, weshalb die Pläne jetzt, 25 Jahre nach der Festlegung im Flächennutzungsplan, umgesetzt werden sollen. "Wer ist da miteingestiegen? Wer macht da Druck?", würde er außerdem wissen wollen.