Bad Kissingen
Lernen

Schlechte Noten? Keine Panik!

Am Freitag gibt es Zeugnisse. André Prechtl hat mit Schülern zu tun, die eher selten gut benotet werden. Ein Gespräch darüber, warum Problemschüler nicht gleich Problemschüler und warum Noten nicht alles im (Schul-)Leben sind.
In der Praxisklasse hat Lehrer André Prechtl Zeit, einzeln auf die Schüler und Schülerinnen einzugehen.
In der Praxisklasse hat Lehrer André Prechtl Zeit, einzeln auf die Schüler und Schülerinnen einzugehen. Foto: Benedikt Borst/Archiv

Das Schuljahr geht zu Ende, diese Woche erhalten rund 9000 Schüler im Landkreis ihre Jahreszeugnisse. Während einige sich über gute Noten freuen dürfen, ist bei anderen der Frust oder die Enttäuschung über schlechte Zensuren groß. André Prechtl betreut seit 15 Jahren die Praxis-Klasse an der Anton Kliegl-Mittelschule. Dort kümmert er sich um Jugendliche, die in ihrer bisherigen Schullaufbahn selten gute Noten bekommen und meist einen holprigen schulischen Werdegang hinter sich gebracht haben.

In der Praxisklasse haben Sie es mit Schülern zu tun, bei denen droht, dass sie die Schule ohne Abschluss verlassen und dann ohne Ausbildungsstelle dastehen. Wie schlimm ist ein Sechser in der Schule, wie aussagekräftig sind Schulnoten?

André Prechtl: Schulnoten sagen weder etwas über die Lebenstauglichkeit einer Person aus, noch über die Fähigkeit, individuelle Stärken in unser gesellschaftliches Arbeitsleben einzubringen. Zugegebenermaßen gibt es bestimmte Ausnahmen. Ich glaube nicht, dass es führende Astro- oder Atomphysiker gibt, die in ihrer Schullaufbahn schlechte Noten in den naturwissenschaftlichen Fächern kassiert haben. Aber, wenn wir wüssten wie schlecht die Schulnoten vieler Menschen waren, die im täglichen Arbeitsleben Leistungen erbringen, würde das Ihre Frage in beeindruckender Weise beantworten.

Wo setzt da die Idee der P-Klasse an?

Die Idee der Praxisklassen in Bayern setzt genau da an, wo unser schulischer Regelbetrieb an seine Grenzen stößt. Jede Praxisklasse in Bayern wird vom Europäischen Sozialfonds mit 33.500 Euro pro Schuljahr finanziert. Dadurch sind in einer Praxisklasse maximal 15 Schüler, die von einem Lehrer und einer Sozialpädagogin/Sozialpädagogen betreut werden. Diese Rahmenbedingungen ermöglichen eine individuelle Förderung der Jugendlichen, die keiner anderen Schulklasse zuteil werden kann. Der Schulstoff ist zu Gunsten der praktischen beruflichen Orientierung im Laufe des Schuljahres auf Grundlegendes in Mathematik, Deutsch, den Sachfächern, Sport und Ethik reduziert.

Wie sind da ihre Erfahrungen, welche Art von Jugendlichen lernen Sie da kennen?

Ich lerne Jugendliche kennen, deren schulisches Selbstvertrauen unter Null ist, weil sie seit der Einschulung immer wieder die Rückmeldung unseres Schulsystems in Form von Noten bekommen haben, dass sie nichts können. Schüler, die es nicht so mit dem Lesen, dem Schreiben oder Mathematik haben. Schüler, die dankbar sind dafür, so angenommen zu werden wie sie sind und dafür, dass ganz andere Anforderungen in den Vordergrund rücken. Nämlich Anforderungen denen die Schüler gewachsen sind und die sie sogar oft mit Bravour erfüllen. Schüler, die pünktlich, zuverlässig, höflich und praxisinteressiert sind.

Würden Sie Ihre Schüler als "Problemschüler" bezeichnen?

Um Himmels Willen, niemals! Meine Schüler sind liebenswerte junge Menschen, die in ihrem Leben bisher das eine oder andere schulische Problem hatten. Probleme, die sehr ernst zu nehmen sind und nicht nur die Schüler, sondern auch die dazugehörigen Elternhäuser sehr belastet haben. Teils bis zur Verzweiflung aller Beteiligten. Und diese Belastung ist plötzlich verschwunden, wenn der Schüler zum ersten Mal gerne in die Schule geht und dann auch noch die ersten guten Noten mit nach Hause bringt.

Als was dann?

Als Teil unserer Zukunft! Fragen Sie mal die Betriebe draußen!

Was verstehen Sie unter Problemschülern und haben Sie solche Jugendliche in ihrer Laufbahn schon erlebt?

Ein Problemschüler ist für mich ein Schüler, der sich an keine sozialen und rechtlichen Regelwerke halten kann, der kriminelle Tendenzen erkennen lässt, der den Schulfrieden stört und damit den Lernerfolg seiner Mitschüler gefährdet. Leider habe ich solche Schüler schon erlebt. Es gibt sie glücklicherweise nur sehr selten. Das sind ganz traurige Schicksale, die da dahinter versteckt sind. Diese Schüler wurden von der Schule verwiesen und in dafür spezialisierte Einrichtungen gebracht (Anm. d. Red.: In einem Bericht über die Praxisklasse vom Montag, 27. Juni, hat der Autor an einer Stelle den Begriff Problemschüler verwendet, im Sinne von Schülern, die Probleme haben. Der Begriff ist allerdings missverständlich. Das Interview dient der Klarstellung).

Was brauchen ihre Schüler, damit sie in der Schule doch noch zurecht kommen?

Mein Schüler brauchen lediglich Erfolgserlebnisse, schulische und praktische, und seien sie anfänglich auch noch so klein. Ich bin in der glücklichen Lage zusammen mit einer Sozialpädagogin die Zeit haben zu dürfen, die notwendig ist, um meinen Schülern einen kompletten Neustart zu ermöglich, um sie dann in ihren Stärken zu fördern. Wie oft habe ich bei Praktikumsbesuchen von Handwerksmeistern schon den Satz gehört: "Lass den oder die gleich da! Den oder die nehmen wir sofort. Der oder die sieht die Arbeit. Der oder die passt zu uns." Diese Rückmeldung: "Du kannst es, du hast es gut gemacht, ich bin zufrieden mit dir und deiner Leistung", bewirken große Fortschritte bei der Entwicklung eines gesunden Selbstvertrauens und einer noch gesünderen Selbsteinschätzung. Lob aus dem Mund eines Gesellen oder Meisters statt eines Lehrers wird von den Jugendlichen in der Regel besser angenommen. Das gilt übrigens auch für Kritik oder Verhaltenstipps im Praktikum.

Warum?

Weil das alles nicht im Schonraum Schule passiert, sondern in Echtzeit ohne Netz und doppelten Boden. Das ist mit Gold nicht zu bezahlen. Diese Erlebnisse und Erfahrungen aus den Praktika greifen die Sozialpädagogin und der Lehrer bei jeder Gelegenheit auf, wenn es darum geht, die Jugendlichen in ihrer Entwicklung positiv zu bestärken.

Wie stehen die Chancen, dass diese jungen Menschen ihren Platz im Leben finden?

Die Chancen für meine Schüler, im Rahmen der Möglichkeiten etwas daraus im Leben zu machen, sind nicht besser oder schlechter wie bei jedem Abiturienten oder Realschüler. Denn ich gebe zu bedenken: Ein Schulabschluss alleine verdient noch kein Geld! Außerdem gibt es eine Frage, die wir uns alle stellen sollten, um verschultes Ballastwissen von echtem Fachwissen, respektive Fachkompetenzen zu trennen: Wie wichtig ist mir die schulische Karriere, das Allgemeinwissen, die Rechtschreibfähigkeit, die Fähigkeit einen spannenden Aufsatz zu schreiben eines Handwerkers, den ich in höchster Not gerufen habe, um mein Problem mit seinem Fachwissen und seiner Fachkompetenz zu beheben?

Aus der Sicht des Pädagogen: Kann das Plus an praktischem Können das Defizit an Schulwissen ausgleichen?

Absolut kann es das. Jedes Jahr bekommen fast 100 Prozent meiner Schüler einen Ausbildungsstelle auf dem ersten Ausbildungsmarkt. Was die Schüler dann weiter daraus machen, ist jedem selbst überlassen. Aber die Chance durchzustarten, wurde durch die Praxisklasse eröffnet und wäre ohne sie wahrscheinlich erst gar nicht zustande gekommen. "Den fachlichen Rest können die jungen Menschen dann lernen." Das ist übrigens nicht meine Aussage, sondern ein Zitat aus den Mündern von Handwerksmeistern aus unserer Region. Sie glauben nicht, was Motivation in einem Wunschberuf auch an schulischen Leistungen freisetzen kann.

Auf was legen die Betriebe wert, bei denen ihre Schüler Praktika absolvieren?

Wir konzentrieren uns in der Praxisklasse in erster Linie auf die Arbeitswelt mit all ihren Anforderungen an Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit, Höflichkeit, Interesse und Durchhaltevermögen. Denn das sind die sehnlichsten Wünsche aller Ausbildungsbetriebe an ihre zukünftigen Azubis. Und das Lustige an der ganzen Sache ist, dass meine Schüler vieles davon schon drauf haben, bevor sie in ihr erstes Praktikum gehen.

Das Gespräch führte Benedikt Borst.