Jutta Wieczorek, die überregional bekannte Sängerin mit der außergewöhnlichen Soulstimme wohnt in Reiterswiesen, nur einen Steinwurf von der Kirche entfernt. Bei einem Spaziergang mit ihrem Hund hört sie in der vorletzten Woche Saxophonklänge in der Hans-Sachs-Straße, gesellt sich zu den Bewohnern, die der "Serenade vom Balkon" gegen Corona lauschen, stimmt zum Abschluss spontan "He's got the whole world in his hand" an, reißt die Zuhörer mit und gemeinsam singt die Straße den Refrain des weltbekannten Spirituals mit.

Da könnte ich meinen Nachbarn doch auch eine kleine Freude machen, denkt die Sängerin mit den weißen Haaren und der schwarzen Stimme und erfreut seither mittwochs, samstags und sonntags von ihrem Balkon in der Flurstraße die Anwohner mit ihrer Version der Songs gegen Corona.

Weltweit auf Tournee

Jetzt tauscht sie also die große Musikwelt, in der sie mit unterschiedlichen Bands weltweit auf Tournee war, mit einem guten Dutzend Zuhörer auf der Straße, ihre markante Stimme erklingt derzeit nicht in Sälen, Hallen und Gotteshäusern. Sie tauscht die große Bühne mit ihrem kleinen Balkon im Schatten der Reiterswiesener St. Laurentiuskirche.

Und weil ihr Spirituals und Gospels am Herzen liegen, beginnt sie mit "Halleluja" von Leonhard Cohan, wechselt zur Bob Dylans Version von "the death is not the end" oder zu "the rose", dem Filmsong, den Bette Midler zu einem Welthit interpretierte.

Aber Jutta Wieczorek schreibt und komponiert auch eigene Songs, und so wird ihre Ballade vom Nachbarn, in der es heißt "...ein Mensch, den niemand kennt, schon lange hier, und doch fremd" zum Mutmacher und zum imaginären Motto, das über der Szene liegt, weil Anklänge an die derzeitige Situation unüberhörbar sind.

Jutta Wieczorek fasst die kleine Serenade so zusammen: "Ihr habt Spaß, und ich hab' Spaß". Weil sie den Zuhörern in der kleinen Nebenstraße, die zum Friedhof in die Flur und in die Höhenstraße führt, die früher nur "die Gasse" genannt wurde, aber noch einen Hit für den Nachhauseweg mitgeben will, stimmt sie "wind of change" von den Scorpions an und so summt und pfeift "die Gasse" - vielleicht nicht ganz so gekonnt wie Klaus Meine - aber doch bewegt, im Geiste mit. Vielleicht sogar in Gedanken an den Wind, der unserer Gesellschaft derzeit entgegenweht.

Dann schlägt die Turmuhr zur Viertelstunde, die kleine Show ist zu Ende. Theodor Fontane, in Bad Kissingen verehrter Dichter sagt: "Eine Stunde, wenn Sie glücklich ist, ist viel". Schon eine Viertelstunde Abendserenade mit Songs von und mit Jutta Wieczorek ist - in dieser Zeit - viel!