"Der Weg meines Lebens - mein Weg mit dem Kreuz." Unter diesem Leitwort steht am 19. und 20. September die Oerlenbacher Wallfahrt nach Retzbach. Zum 147. Mal ist "Maria im grünen Tal" das Ziel. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Die Musikanten treffen sich Mittwoch, 16. September, um 19.30 Uhr im Pfarrheim in Oerlenbach zu einer Probe.
Die große Teilnehmerzahl - auf dem Hinweg 300 und zurück 180 Personen - erfordert umfassende Logistik: Vorbetungsdienste, Fahnenträger, Lautsprecheranlage, Verkehrsabsicherung, Gepäcktransport, Raststationen, Übernachtungen und Versicherungen, viele Aufgaben, die auf die Verantwortlichen um Wallfahrtsführer Otmar Seidl zukommen.
Vorangetragen wird das Wallfahrtsbild mit der Jahreszahl 1868 als Hinweis dafür, wann erstmals die Wallfahrt stattfand. Die exakten Hintergründe liegen allerdings im Dunkeln: "War es ein Gelübde der Bewohner nach einer Pest? Regten Auswärtige, die nach Oerlenbach kamen, die Wallfahrt an? Darauf haben wir keine belegbaren Nachweise. Einziges Zeugnis ist eine Urkunde des Pfarramts Retzbach. Danach wurde Margarethe Seufert aus Ebenhausen am 14. September 1868 in die Wallfahrtsbruderschaft aufgenommen", erklärt Otmar Seidl. Dieser Beleg ist offiziell anerkannt.
Über die Wallfahrt gibt es lange keine Aufzeichnungen. Die Überlieferungen bis zurück zur möglichen Entstehung fasste der langjährige Wallfahrtsführer Wilhelm Karch 1992 zusammen. Ihm erzählte 1986 der damals 85-jährige Otto Kuhn, genannt "Bastelschuster", die Erlebnisse seiner ersten Teilnahme 1917 als 16-Jähriger: "Singend und betend zogen wir - etwa 20 Personen - zum Bahnhof Ebenhausen, um von dort mit dem Zug nach Thüngen zu fahren. Von dort ging es zu Fuß nach Retzbach. Dort knieten sich alle Wallfahrer vor dem Gnadenbild nieder und erhoben Augen und Arme zur Mutter Gottes. Geschlafen haben wir in einer Gastwirtschaft. Am nächsten Tag ging es zu Fuß nach Thüngen, von dort mit dem Zug nach Schweinfurt und dann zu Fuß nach Oerlenbach. Bei der Rast in Kronungen aßen wir Eier, Wurst und Kuchen, aber kein Brot, das aus Gerstenmehl, Wasser und Kartoffeln gebacken und ungenießbar war. Es war ja Erster Weltkrieg und die Not groß."


Nazi-Vorgaben umgangen

Im Zweiten Weltkrieg verboten die Nationalsozialisten das Wallfahren. Geschickt umgingen die Oerlenbacher diese Vorgabe: Einzeln oder zu zweit legten sie ohne großen Aufhebens Teilstrecken zurück. Mit Genehmigung der Amerikaner nahmen 1945 rund 60 Personen an der Wallfahrt teil, begleitet von einem Pferdefuhrwerk.
Auf dem Hinweg in dunkler Nacht - so berichtet Wilhelm Karch - verirrten sich die Fußwallfahrer im Obbacher Wald und kamen statt in Brebersdorf in Rütschtenhausen heraus. Doch wie es der Zufall wollte, erging es dem Pferdefuhrwerk nicht anders. Zusammen ging es dann zur Zwischenstation Brebersdorf.
In der Folgezeit verringerte sich die Teilnehmerzahl. Als 15-Jährige wallte Maria Schmid 1961 zum ersten Mal mit: "Wir waren 12 Frauen und etwa 20 Männer, darunter Otto Kuhn und seine drei Söhne als Musikkapelle. In der dunklen Herbstnacht hatte ich vor allem durch den Obbacher Wald große Angst und war froh, als es dämmerte. Fast auf dem gesamten Weg wurden Rosenkränze gebetet. In Retzbach sangen Otto Kuhn und seine Söhne mehrstimmig die Marienlitanei, obwohl sie wie wir mit ihren körperlichen Kräften am Ende waren. Ich lief hin und zurück in Sandalen und durfte gleich vorbeten, ohne Lautsprecher war das sehr anstrengend."
1958 übernahm Alfred Herterich die Leitung. "Da die Verköstigung unterwegs nicht einfach war, bestellte er einmal einen Hähnchengrillwagen nach Binsfeld. Doch der kam erst an, als die Wallfahrer nach Mittagspause schon wieder aufgebrochen waren", berichtet Otmar Seidl.


Schnarchen inklusive

Als in den 1970er Jahren immer mehr Personen mit pilgerten, wurde das Übernachten immer schwieriger. Früher diente eine Gaststätte als Hauptquartier, in dem sich am Abend bei zünftiger Musik - früher spielten die Oerlenbacher und Schwebenrieder Musikanten zusammen auf - die Wallfahrer entspannten und auch tanzten. Heute kann vor allem die Bildungsstätte Benediktushöhe genutzt werden. Da kommt es schon vor, dass das Schnarchen zum Problem wird. Seidl weiß: "Erst vor ein paar Jahren konnte ein Teilnehmer nicht einschlafen, weil sein Kollege heftig schnarchte. Er ging in die Hauskapelle und schlief unter dem Kreuz ein. Später Heimkehrende hörten seltsame Geräusche aus der Kapelle und entdeckten ihren Mitbruder ebenfalls schnarchend."
Seit 1987 wird ein Wallfahrtsbuch geführt. Hier kann sich jeder Teilnehmer eintragen. Wer zum 25. Mal dabei ist, erhält das Wallfahrtskreuz. Für 40, 50 oder gar 60 Jahre gibt es Erinnerungsbilder. Wer diese Bedingungen erfüllt, soll sich bei der Wallfahrtsleitung melden. Die Auszeichnungen erfolgen nach dem Abendgottesdienst.

Der Ablauf:
Samstag, 19. September:
2.20 Uhr Verabschiedung in der Kirche Oerlenbach, 2.30 Uhr Abmarsch, 7.15 Uhr Frühstück in Schwebenried, 10.15 Uhr kurze Pause Reuchelheim, 11.30 Uhr Mittagessen Binsfeld und 14.45 Uhr Ankunft in Retzbach, 18.45 Uhr Bußandacht, Lichterprozession und Eucharistiefeier.
Wegstrecke: einfach 50 km.

Sonntag
, 20. September:
6 Uhr Gottesdienst, anschließend Frühstück, 8 Uhr Abmarsch, 11 Uhr Pause Reuchelheim, 13.15 Uhr Mittagessen Schwebenried, 15.15 Uhr Kaffeerast Brebersdorf, 18 Uhr Pause Kronungen, 20.15 Uhr Einzug in Oerlenbach

Begleitung Retzbachmusikanten sowie Gepäckfahrzeuge und Begleittraktor.Kein Bus, Absprachen mit Privat-Pkw

Informationen Wallfahrtsleiter Otmar Seidl, Tel.: 09725/ 9723 oder Stellvertreter Otmar Lutz, Tel.: 09725/ 9696 bzw. im Internet unter otmarlutz@live.de.

Übernachtungen nur über Pfarramt Retzbach, Tel.: 09364/ 9930.