Der Bundestag hat mit breiter Mehrheit von CDU/CSU, SPD, Grünen und FDP für ein neues Bundesbedarfsplan-Gesetz gestimmt, das den weiteren Ausbau der Stromnetze beschleunigen soll. Für Unterfranken heißt dies konkret: Die befürchtete Erweiterung der Gleichstrom-Leitung Südlink um einen dritten Strang ist vom Tisch. Diese Änderung hätte die erdverkabelte Trasse durch die Region Main-Rhön wohl breiter gemacht. Gleichzeitig ist nun aber der Bau der umstrittenen Wechselstromleitung P43 von Mecklar in Hessen nach Bergrheinfeld (Landkreis Schweinfurt) gesetzlich festgelegt.

P43 soll in der Region zwar ebenfalls weitgehend unter der Erde verlegt werden - was aus technischen Gründen aber nur in wenige Kilometer langen Teilabschnitten möglich ist.

Wegen der Festlegung auf P43 stimmte die Schweinfurter CSU-Bundestagsabgeordnete Anja Weisgerber nicht mit ihrer Fraktion, sondern gegen das neue Netzausbaugesetz: "Ich bin nicht grundsätzlich gegen den Netzausbau und trage auch das Projekt Südlink mit", erklärte Weisgerber auf Nachfrage dieser Redaktion. In Sachen P43 seien aber bereits 2015 festgelegte Zusagen zur Entlastung Unterfrankens nicht eingehalten worden. Konkret spielt Weisgerber auf eine 2015 ausgehandelte Vereinbarung an, wonach für P43 eine Alternativ-Trasse durch Hessen geprüft werden sollte. Obwohl es diese Alternative gebe, habe Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) im Juni 2019 einem Kompromiss zugestimmt, nach dem die Leitung P44 von Thüringen nach Bergrheinfeld wegfällt, dafür aber P43 durch Unterfranken verläuft, erklärt Weisgerber.

Auf diesen Aiwanger-Kompromiss sei in Berlin immer wieder verwiesen worden, wenn von Seiten regionaler Abgeordneter eine Entlastung Unterfrankens bei der P43 eingefordert wurde: "Dies führt nun dazu, dass die Region um Grafenrheinfeld nicht im notwendigen Maße entlastet wird", erklärt die CSU-Politikerin.

Landrat Töpper: "Weitere Belastungen"

In der Region stößt der Berliner Netzausbau-Beschluss auf viel Kritik: Nicht nur werde in Sachen P43-Trasse eine Vereinbarung gebrochen, es werden sogar "dem Landkreis nach der sprichwörtlichen Salami-Taktik weitere Belastungen auferlegt", kritisiert Schweinfurts Landrat Florian Töpper (SPD). So gebe es bereits Planungen für ein größeres Umspannwerk in Grafenrheinfeld und eine Südlink-Anbindung mittels Freileitung. Leider habe man zuletzt "wieder erkennen müssen, dass die berechtigten Interessen der Menschen vor Ort nicht die verdiente Beachtung finden", sagt Töpper.

Wie andere Landkreise in der Region schließt auch der Landkreis Schweinfurt rechtliche Schritte gegen die Trassen-Planung "ausdrücklich nicht aus". Gleichzeitig könnten aber auch betroffene Gemeinden und Bürger "den Rechtsweg beschreiten", rät das Landratsamt auf Nachfrage dieser Redaktion.

Kämpferisch bleibt auch die Bürgerinitiative Bergrheinfeld: "In der Sache ändert der Beschluss für uns nichts. Wir kämpfen weiter auf allen möglichen Ebenen gegen überdimensionierten Netzausbau", sagt Sprecher Matthias Göbel auf Nachfrage.

Enttäuscht zeigt sich Bergrheinfelds Bürgermeister Ulrich Werner (CSU): Seine Gemeinde habe bereits jetzt mehr als 160 Strommasten. Nun drohe mit der Leitung P43 "eine enorme Zusatzbelastung". Wenig Unterstützung für die Region sei leider auch aus München gekommen, kritisiert Werner. Vor allem Bayerns Wirtschaftsminister Aiwanger habe in Sachen Stromtrassen viel versprochen: "Ich sehe aber nicht, wo er geliefert hat."

Der Bad Kissinger CSU-Landtagsabgeordnete Sandro Kirchner baut derweil weiter auf alternative Lösungen für P43 - etwa als Gleichstrom-Variante auf der Südlink-Trasse. "Ich hoffe hier sehr auf Unterstützung von Wirtschaftsminister Aiwanger", sagt Kirchner.

Der unterfränkische Bauernverband lehnt die Trasse P43 durch Unterfranken ab. "Wir sind auch gegen eine Erdverkabelung, die bringt der Landwirtschaft nur zusätzliche Probleme", sagt Bezirksgeschäftsführer Eugen Köhler. Eine Wechselstrom-Leitung wie P43 produziere sehr viel Wärme. Zudem seien viele neue Umspannwerke nötig. Henry Stern