Heiko Grappendorf ist einer, der seinem Beruf aus Überzeugung und mit viel Leidenschaft nachgeht. Die regelmäßigen Überstunden machen dem Tierarzt grundsätzlich nicht viel aus. Wichtiger ist ihm, dass seine Patienten gut versorgt sind. Doch aktuell sind die Arbeitstage selbst für ihn extrem lang und bringen ihn an seine Grenzen.

Ab halb acht Uhr morgens steht er in seiner Kleintierklinik in Garitz. Er versorgt die Tiere, die stationär behandelt werden, bietet Sprechstunden an, operiert und kümmert sich um Notfälle. Oft ist es gegen Mitternacht, bis er Feierabend hat - was nicht bedeutet, dass dann Ruhe wäre: Zwei bis dreimal pro Woche klingeln ihn Notfälle mitten in der Nacht heraus. "Ich bin Tierarzt mit Spaß und Begeisterung. Aber jetzt ist eine Grenze erreicht, an der ich nicht auch jedes Wochenende durcharbeiten will", sagt der 61-Jährige.

Drängender Personalengpass

Dass ihm die Arbeit bis zum Hals steht, hat sich in den vergangenen Wochen zugespitzt. In der Kleintierklinik beschäftigt Grappendorf normalerweise vier weitere Tierärzte. Davon seien innerhalb kürzester Zeit drei ausgefallen. Zwei Kolleginnen haben die Klinik und die Region aus privaten Gründen verlassen, eine Kollegin ist schwanger und wurde von der Arbeit freigestellt.

"Das macht es mir unmöglich, den Klinik-Status aufrecht zu erhalten, weil es einen 24-Stunden-Notdienst erfordert", sagt der Veterinär. Diesen Notdienst könne er in der derzeitigen Situation mit nur noch einer weiteren Ärztin nicht mehr abdecken. "Ich habe versucht, neue Mitarbeiter anzustellen, aber Tierärzte, die in einer Klinik auf dem Land arbeiten wollen, gibt es im Moment am Markt nicht", berichtet er. Finanzielle Aspekte seien nicht das Problem. Vielmehr gebe es abseits der Ballungszentren im kleintiermedizinischen und auch im nutztiermedizinischen Bereich einen gravierenden Personalmangel. Den bekommt die Klinik zu spüren.

Ab Februar ruht der Klinik-Status - der Landestierärztekammer hat Grappendorf einen Zeitraum von vorerst sechs Monaten mitgeteilt. Der 61-Jährige hofft, dass es ihm in dieser Zeit gelingt, Ersatz zu finden und einzuarbeiten. "Die Klinik ist toll. Ich möchte das gern so weiterführen", sagt er. Die bisherigen Sprechstunden und Leistungen bietet er in den Behandlungsräumen weiter an. Es kann jedoch passieren, dass der 24-Stunden-Notdienst in Einzelfällen aussetzt. Grappendorf: "Wir werden den Notdienst weiter anbieten, aber ich habe personell einfach keine Reserven mehr". Notfälle müssen dann auf einen anderen Tierarzt oder eine andere Tierklinik ausweichen. Wohin sich zu wenden ist, erfahren Betroffene von der Ansage auf dem Anrufbeantworter.

Mangelware Tierarzt

Die Probleme, die Grappendorf beschreibt, existieren überall in Bayern. "Gerade im ländlichen Raum ist der Nachwuchsmangel eklatant", berichtet Axel Stoltenhoff, Geschäftsführer der bayerischen Tierärztekammer. Junge Tierärzte orientieren sich nach dem Studium oft in Richtung Amtsärzteschaft, Pharmazie und Kleintierpraxis in Ballungszentren. Tierärzte für den ländlichen Raum, für Tierkliniken und für Nutztiere (Kühe, Schweine, Schafe) seien dagegen rar gesät.

Unattraktive Dienstzeiten, die ständige Erreichbarkeit sowie der Wunsch nach Vereinbarkeit von Privatleben und Familie mit dem Beruf halten junge Veterinäre ab, in den Problembereichen tätig zu werden. Die Kammer kritisiert, dass zudem zu starre Vorgaben aus dem Arbeitszeitgesetz die Personalplanung an den Kliniken erschweren. Sprich: Wird ein Arzt nachts zu einem Notfall gerufen, muss er bis zum nächsten Dienstantritt eine exakt geregelte Pause einhalten. Dadurch komme er jedoch am nächsten Tag nicht für den Klinikdienst in Frage.

Die Versorgung in den genannten Bereichen gestalte sich zunehmend schwierig. So kommt es laut Stoltenhoff zum Beispiel immer wieder zu Klinikschließungen. Um Bad Kissingen herum befinden sich die nächsten Tierkliniken in Würzburg und Fulda, in Schweinfurt gibt es aktuell keine mehr.

Notdienst noch freiwillig

Der Fachkräftemangel trifft Tierärzte ebenso wie die Humanmediziner. Bei den Tierärzten ist die Notfallversorgung gesetzlich jedoch nicht so genau geregelt. Steht die Versorgung mit Notärzten oder beim hausärztlichen Bereitschaftsdienst auf der Kippe, ist es die Aufgabe der Kassenärztlichen Vereinigung, die Versorgung sicherzustellen. "Bei Tierärzten gibt es keine Kassen und auch nicht solche Strukturen", erklärt Stoltenhoff.

Das soll aber nicht bedeuten, dass der Notdienst für tierische Patienten nicht gewährleistet ist. "Niedergelassene Tierärzte bieten vielfach für ihre Kunden einen Notdienst außerhalb der Sprechzeiten an", sagt der Fachmann der Landestierärztekammer.

Ansonsten verweisen sie auf den nächsten diensthabenden Arzt oder die nächstgelegene Klinik. Die Kliniken müssen den 24-Stunden-Notdienst anbieten. Kommt in einer Region kein Notdienst zustande, ist es Aufgabe der Bezirkstierärztekammer, einen Pflichtnotdienst zu organisieren. "Das ist aber selten. Im Raum Bad Kissingen läuft es aktuell noch auf freiwilliger Basis", sagt Stoltenhoff. Tierhalter sollten außerhalb der Sprechzeiten in jedem Fall die Bandansage ihres Veterinärs abhören.