Der Start war improvisiert und fiel genau mit dem ersten Lockdown zusammen, trotzdem nimmt das Naturerlebniszentrum (NEZ) Rhön kontinuierlich Fahrt auf: Mehr als tausend Teilnehmer haben 2021 bereits die Angebote aus dem Bildungsprogramm genutzt, berichtet Leiter Dr. Joachim Schneider. Ein Schwerpunkt seien die Online-Angebote, die weltweit genutzt werden können. Zum anderen arbeitet das NEZ mit den Schulen im Landkreis zusammen, unter anderem mit dem Hammelburger Gymnasium und der Bad Brückenauer Realschule. Groß sei die Nachfrage vor allem zum Schuljahresende: "Juni und Juli sind schon sehr gut belegt, wir haben kaum noch freie Tage", berichtet Projektmanagerin Lisa Graskamp.

Die Anfänge des NEZ reichen ins Jahr 2014 zurück: Damals wurde der bayerische Teil des Biosphärenreservats Rhön von rund 71 000 auf fast 130 000 Hektar erweitert. Der Landkreis Bad Kissingen forderte deshalb eine weitere Umweltbildungsstätte, im Juli 2019 kürte Umweltminister Thorsten Glauber den Bad Kissinger Klaushof und Hammelburg als Standorte für das neue NEZ Rhön. Insgesamt stellt der Freistaat 9,4 Millionen Euro zur Verfügung. Lisa Graskamp wurde 2019 eingestellt, Joachim Schneider und der wissenschaftliche Mitarbeiter Felix Papsch hatten am 16. März 2020 ihre ersten Arbeitstage, also exakt mit Beginn der Corona-Beschränkungen.

Im Mai 2020 Umzug nach Hammelburg

Das NEZ ist der Regierung von Unterfranken angegliedert und startete in Würzburg, weil die Räume im Roten Schloss noch renoviert werden mussten. Im Mai 2020 zogen Schneider, Papsch und Graskamp dann in ihre Büros unterhalb der Stadtbibliothek ein. Die räumliche Situation bestimmt auch den weiteren Ausbau des NEZ: Langfristig soll es zehn Mitarbeiter bekommen, fünf pädagogische Stellen, eine Verwaltungskraft und vier Betreuer der Ausstellungen. Auch Praktika, Freiwilliges Soziales Jahr oder Bundesfreiwilligendienst will Schneider anbieten. Zum einen muss die Stadt dafür allerdings die Räume im Roten Schloss räumen: Wo jetzt die Stadtbibliothek ist, sollen eine rund 300 Quadratmeter große Ausstellung entstehen, wo bisher der Stadtrat tagt, plant das NEZ einen "Maker-Space", also eine Werkstatt, in der Jugendliche basteln, nähen oder forschen können. Schneider hofft, dass das Bürgerhaus pünktlich fertig wird und die Stadt dann Mitte 2023 die Räume im Roten Schloss räumt. "Die Planungen mit dem Ministerium laufen so, dass das gut zum Auszugstermin passt", sagt NEZ-Leiter Schneider.

"Gleichberechtigte Standorte"

Parallel dazu wird der Neubau am Klaushof geplant. "Beide Standorte sollen gleichberechtigt sein", sagt Schneider, und: "Wir wollen einen neuen Eingangsbereich für den Wildpark Klaushof schaffen." Der Ausstellungsbereich oberhalb des Kaskadentals solle vermutlich etwas größer werden als der in Hammelburg, dafür seien für Hammelburg mehr Büros vorgesehen. Aktuell nutzt das NEZ zwei Räume im Erdgeschoss des Roten Schlosses, 2023 werden dann auch die aktuellen Räume der Tourist-Info übernommen. Das NEZ gestalte den Eingangsbereich für die weiteren Räume im Obergeschoss völlig neu.

Neben der Planung konzentriert sich das Team auf die Umweltbildung. "Unsere Schwerpunkte sind nachhaltige Entwicklung und das Naturerleben", sagt Schneider, der seine Doktorarbeit zum Einsatz digitaler Medien in der Bildungsarbeit schrieb. Entsprechend gehörte auch eine digitale Schnitzeljagd mit der kostenlosen App "Actionbound" zu den ersten Projekten des NEZ. Neben den Angeboten für Schulen stehen für heuer 20 Angebote im Jahresprogramm. Bereits ein Klassiker und immer gut besucht seien die astronomischen Sternenführungen. Erstmals plant das NEZ heuer Übernachtungen unter freiem Himmel im Wildpark Klaushof: Am 30. Juli können Erwachsene, am 10. August 13- bis 17-Jährige im Wildpark eine Nacht lang die Natur erleben, am Lagerfeuer sitzen, schlafen und sich auf Überraschungen freuen.

Vorerst besteht das Team des Naturerlebniszentrums Rhön aus drei Mitarbeitern: "Im Zweifelsfall bin ich für alles zuständig", sagt Leiter Joachim Schneider. Im Bildungsprogramm betreut der 47-Jährige aber vor allem die Zusammenarbeit mit dem Sternenpark Rhön, die digitalen Angebote und das wissenschaftliche Arbeiten.

Wie Schneider hat auch Felix Papsch ein Lehramtsstudium absolviert. Der 34-Jährige ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter eingestellt, betreut die Zusammenarbeit mit Hochschulen und interessiert sich vor allem für Wirtschafts- und politische Themen. In den konsumkritischen Stadtführungen etwa geht es um Konsumentscheidungen und Nachhaltigkeit. Termine sind am 18. März in Hammelburg, am 25. März in Bad Kissingen und am 29. April in Bad Brückenau, Beginn ist jeweils um 16 Uhr.

Lisa Graskamp ist Zoologin und hat Erfahrungen in der Zoo-Pädagogik. "Bei mir landet unter anderem viel, was mit dem Wildpark Klaushof zu tun hat", sagt die 34-jährige Projektmanagerin des NEZ. Weiterer Schwerpunkt sei die Konzeption von Ausstellungen. Zudem halte sie engen Kontakt mit der Hammelburger Stadtbibliothek. Demnächst würden mehrere Projekte anstehen: Unter anderem will das NEZ seine geplanten Ausstellungen in Hammelburg und am Klaushof gemeinsam mit Jugendlichen planen. In Workshops sollen Themen und Ideen erarbeitet werden, die dann als Grundlage für das Ausstellungskonzept einer Agentur dienen sollen. Geplant sei neben der Ausstellung und einer Werkstatt auch ein "Aufenthaltsraum ohne Konsumzwang" für Jugendliche im NEZ.

Ein konkretes Projekt in Zusammenarbeit mit der Stadtbibliothek sei eine "Human Library". Bei dem Konzept aus Dänemark würden die Besucher statt Bücher Menschen "ausleihen", berichtet NEZ-Leiter Schneider. Er und sein Team seien gerade auf der Suche nach den "Büchern", die Bandbreite soll möglichst groß sein, von Menschen mit Behinderung über Geflüchtete bis zu Formen der sexuellen Orientierung. Aber auch Polizisten oder Soldaten könnten dabei sein. Es gehe darum, in Gesprächen Vorurteile oder Vorbehalte abzubauen. "Wir schaffen einen Rahmen für den Austausch", sagt Schneider. Details und einen Termin will das NEZ noch bekannt geben.

Neben diesen Projekten gebe es auch die klassische Umweltbildung draußen: "Wir sind oft am Wasser und arbeiten mit Bienen", nennt Graskamp als Beispiele für die Arbeit mit Schulklassen. Die meisten Mond- und Sternenführungen seien bereits ausgebucht. Bei der "Earth Night" am 23. September gehe es vor allem um Lichtverschmutzung. Die Stadt schalte an diesem Abend zum Beispiel die Beleuchtung ihrer Gebäude ab. Beim Angebot "Naturerlebnis für Familien" am 24. April in Hammelburg soll es um Methoden gehen, wie Eltern oder Großeltern mit Kindern die Natur neu erleben können. Die Bandbreite sei groß: Das Angebot beinhalte kreative Bewegungsspiele, Bastelanleitungen etwa für einen Kescher zum Fangen von Insekten bis zu Wahrnehmungsübungen. "Es ist auch eine Naturerfahrung, sich mal an einen Baum zu setzen und zu beobachten", sagt Schneider.