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Münnerstadt und Lauertal: Rekordwert bei den Kirchenaustritten

Auch in Münnerstadt und im Lauertal steigt die Zahl der Katholiken, die der Kirche den Rücken kehren. Welches sind die Gründe?
Deutlich mehr Katholiken als früher verlassen die Gemeinschaft, auch im Raum Münnerstadt/Maßbach.
Deutlich mehr Katholiken als früher verlassen die Gemeinschaft, auch im Raum Münnerstadt/Maßbach. Foto: Collage Heike Beudert

Die Unzufriedenheit der Katholiken mit ihrer Amtskirche wächst. Das spiegelt sich in der Jahresstatistik der katholischen Pfarrgemeinde Münnerstadt ebenso wider wie im gesamten Pastoralen Raum Münnerstadt. Die Zahl der Kirchenaustritte hat in der Münnerstädter Pfarrei im Jahr 2021 einen Rekordwert erreicht. Und die Erschütterung, die das Missbrauchsgutachten in München nach seiner Veröffentlichung verursacht hat, ist als Nachbeben aktuell im Münnerstädter Standesamt zu spüren. Dort sind seit Mitte Januar schon zahlreiche Termine an Menschen vergeben worden, die der Kirche den Rücken zuwenden wollen, sowohl aus dem Stadtgebiet von Münnerstadt, als auch aus der Verwaltungsgemeinschaft Maßbach. In Münnerstadt befindet sich das gemeinsame Einwohnermeldeamt für die Lauertalregion.

63 Austritte nennt das Standesamt für Münnerstadt und seine Stadtteile im Jahr 2021. Brünn war der einzige Stadtteil ohne Kirchenaustritte. 40 Kirchenaustritte vermeldet davon die Statistik für die Pfarrei Münnerstadt. 30 entfielen auf Münnerstadt, zehn auf die Filialen Althausen, Burghausen, Reichenbach. Wie hoch die Zahlen sind, verdeutlicht ein Blick in die Vorjahre. 2017 lag die Zahl der Austritte in der Pfarrei Münnerstadt noch bei 13, 2018 bei 27. In der Pfarrei Seubrigshausen gab es 2021 insgesamt 13 Austritte. Die höchste Zahl der Austritte in den Stadtteilen hatte im vorigen Jahr Windheim (7), das kirchlich zu Bad Bocklet zählt.

Selten persönliche Gründe erfahren

Eine Austrittsmeldung "tut jedes Mal weh", sagt P. Markus Reis. Er fühle sich dabei machtlos. Und er hofft, dass er nicht der Grund für den Austritt sei. Weshalb sich auch in Münnerstadt immer mehr Katholiken von der Kirche abwenden, kann P. Markus Reis in der Regel nur vermuten. Er sieht den engen Zusammenhang mit der Missbrauchthematik, glaubt aber auch, dass zusätzlich die Kirchensteuer eine Rolle spielt. Doch selten erfährt er die persönlichen Gründe. "Wir schreiben jeden an, wenn wir die Mitteilung bekommen", erläutert der Seelsorger. Dem Schreiben beigefügt ist ein Fragebogen und ein Gesprächsangebot. Der Rücklauf sei allerdings gering; er liegt nach Schätzungen von Markus Reis bei rund zehn Prozent.

Wer austritt, ist in der Pfarrei Münnerstadt in der Regel jung. Die Gruppe der 25- bis 30-jährigen sei am stärksten vertreten, danach die Altersgruppe der ca. 50-jährigen. Tendenziell finden sich Leute, die älter als 60 oder 70 Jahre alt sind, seltener unter den Ausgetretenen.

Schwierige Seelsorge

Wie er auf die Situation reagieren kann? "Ich muss schauen, dass ich meine Arbeit so gut wie möglich mache", sagt P. Markus. Gerade in Corona-Zeiten sei es allerdings noch schwieriger geworden, kirchenferne Katholiken zu erreichen.

Derzeit sei es tatsächlich so, dass es Beerdigungen sind, bei denen er die meisten Menschen erreichen kann. Gerade in dieser Zeit will er für die Trauernden da sein. Sie sollen merken, dass er sie wahrnehme und höre.

Sehr wenige Trauungen

Sehr niedrig war im letzten Jahr auch die Zahl der kirchlichen Trauungen. Nur zwei gab es 2021 in der Pfarrei. Diese Zahl erklärt sich P. Markus vor allem mit der Corona-Pandemie. Denn schon jetzt weiß er von vier Hochzeiten, die 2022 stattfinden sollen, weil sie 2021 aufgeschoben wurden. Und er geht davon aus, dass heuer wieder mehr geheiratet wird. Dass die Zahl der kirchlichen Trauungen allerdings niedriger liegen wird als noch vor einigen Jahren, davon geht er ebenfalls aus.

Stabiles, aber erhöhten Niveau im Lauertal

Auf stabilen, aber erhöhten Niveau ist die Zahl der Kirchenaustritte 2021 innerhalb der Pfarreiengemeinschaft Lauertal geblieben, zu der neben allen Gemeinden der Verwaltungsgemeinschaft Maßbach auch der Münnerstädter Stadtteil Wermerichshausen gehört. Hier beläuft sich die Zahl der Austritte laut Standesamtstatistik 2021 auf 40. Seit 2018 registriert Pfarrer Peter Rüb, dass sich im Lauertal mehr Menschen für einen Kirchenaustritt entscheiden. Poppenlauer hat mit zwölf Austritten die höchste Zahl, gefolgt von Rannungen mit zehn. Einzig für Thundorf (ohne Ortsteile) wird in der Pfarreiengemeinschaft Lauertal kein Austritt verzeichnet.

Aktuell viel Bewegung

Wie seinen Amtskollegen in Münnerstadt schmerzt auch Pfarrer Rüb jeder Austritt. "Aber es hat wenig mit der Kirche vor Ort zu tun", betont der Geistliche. Diesen Schluss zieht er aus den wenigen Rückmeldungen, die ihn von Gemeindemitgliedern erreicht haben, die in jüngster Zeit aus der Kirche ausgetreten sind.

Missbrauchgutachten und Kirchensteuerbescheide

Dass derzeit das Missbrauchgutachten aus München und die fast zeitgleich bei den Katholiken eingegangenen Kirchensteuerbescheide die Stimmung weiter verschlechtert haben, scheint sich an den aktuellen Zahlen aus dem Einwohnermeldeamt zu bestätigen. Die städtische Behörde ist die Anlaufstelle für Austrittswillige. Die Austrittserklärung wird dort bearbeitet, dann an das Kirchensteueramt nach Würzburg weitergeleitet. Von dort geht die Meldung an die Pfarreien.

Seit Mitte Januar sei sehr viel los, sagt die Leiterin des Münnerstädter Bürgerservices, Marina Morber. Alleine in der Woche zwischen dem 24. und 28. Januar hatte das Standesamt 22 Austritte aus der katholischen Kirche zu bearbeiten. Seit 1. Januar meldeten sich bislang aus der katholischen Kirche in Münnerstadt 14 Männer und Frauen (zehn aus der Kernstadt) ab, in der Verwaltungsgemeinschaft Maßbach sind es bislang 15. Maßbach und Poppenlauer sind mit jeweils vier am stärksten betroffen.

Und wie sieht es bei der evangelischen Kirche aus?

Austritte gab es 2021 auch in der evangelischen Kirche, allerdings im moderateren Umfang. In der evangelischen Kirchengemeinde Münnerstadt waren es insgesamt 13, davon entfielen zwölf auf das Stadtgebiet. Die evangelische Gemeinde umfasst das Stadtgebiet und die Ortschaften Burglauer und Niederlauer.

Münnerstadts evangelischer Pfarrer Martin Hild sagt, dass man eine Steigerung verspüre, aber die Entwicklung sei weniger drastisch wie auf katholischer Seite. Besonders freut Martin Hild, dass es neben den Austritten auch drei Eintritte in die Kirchengemeinde gab.

Im Raum Maßbach gab es 2021 laut Statistik des Standesamtes 14 Kirchenaustritte von Protestanten, zehn davon in Maßbach. 2022 haben sich bislang innerhalb der VG Maßbach auf evangelischer Seite zwei Personen abgemeldet, in der evangelischen Kirchengemeinde Münnerstadt eine.