"Als Bürgermeister muss man nicht alles wissen, aber es ist wichtig, die richtigen Leute zusammenzubringen", bekannte Bürgermeister Michael Kastl (CSU). Gut 100 Interessenten waren in die Mehrzweckhalle gekommen, um fünf auswärtige Fachleute zu hören, die der städtische Klimamanager Stefan Richter aufs Podium geholt hatte. Sie sollten die Frage beantworten "was wäre, wenn die Stadt Münnerstadt und ihre Bürger die Energie- und Wärmeversorgung in die eigene Hand nehmen würden? Könnte sie klimaneutral werden und auch noch davon profitieren?"

Mit dabei waren der Hammelburger Hans-Josef Fell (Präsident eines internationalen Wissenschaftler- und Parlamentariernetzwerks, Autor des Erneuerbare-Energien-Gesetzes und früherer Bundestagsabgeordneter), Gunter Häckner (Vorstand der Bürger-Energiegenossenschaft Haßberge und Geschäftsführer der Langes Schiff Energie GmbH), Norbert Zösch (Geschäftsführer der Stadtwerke Hassfurt) und Karl-Heinz Paulus (Geschäftsführer der Energieagentur Unterfranken in Würzburg).

Moderne Skyline

Kastl betonte "wir haben in Münnerstadt etwas, dass alle brauchen, aber wir haben nichts davon" - 160 Prozent der notwendigen Energie für die Stadt werden, insbesondere als Wind- und Sonnenenergie hier produziert, bleiben aber nicht vor Ort. Zu den Windrädern meinte er "das gibt Münnerstadt eine moderne Skyline und zeigt, dass die Stadt in der Gegenwart angekommen ist und Zukunft hat" - doch er musste dazu feststellen "der Applaus ist etwas verhalten".

Zu je einem Drittel sollten die Stadt, die Bürger, und Anbieter an der Energieerzeugung beteiligt sein - "die Emirate geben ihr Öl ja auch nicht umsonst her". Eigene Stadtwerke seien das Ziel für Münnerstadt, "aber das dauert, die Verträge laufen noch. Wir denken erstmal an Kooperationen".

Höhepunkt des Abends war der Auftritt von Franz-Joseph Fell. Er lobte Klimamanager Stefan Richter für das, "was sie in den wenigen Monaten, in denen sie da sind, schon angestoßen haben". Er hofft im Endeffekt auf ein Klimakonzept, wie es die Bewegung "Fridays for Future" fordert. Dieses Klimakonzept sei keine Überforderung, sondern eine Chance für den Wohlstand. Der Klimawandel sei die Belastung, nicht der Klimaschutz. Schon im Jahr 2025 werde die Erdölförderung ohne neue Investitionen halbiert.

Im laufenden Jahr würden die Energiepreise zum Teil drastisch steigen, der Kohlepreis vervierfache sich. "Wir müssen endlich vollständig aufhören mit Emissionen", forderte Fell. Der Klimanotstand habe längst Deutschland erreicht, obwohl die Erdtemperatur erst um 1,2 Grad Celsius angestiegen sei. Im Endeffekt sei Erdgas genauso schädlich wie Kohle, deshalb sei die 100-prozentige Umstellung auf erneuerbare Energien so wichtig. Für jeden Ort der Erde sei ein Aktionsprogramm nötig - "Glückwunsch an Münnerstadt, hier ist der erste Schritt getan".

In der Regierungszeit von Bundeskanzlerin Angela Merkel seien Gesetze zur Energiewende ausgebremst worden. Sogar in den USA würden dieses Jahr sechs Atomkraftwerke geschlossen, da die erneuerbare Energie billiger sei. Auch für den Naturschutz seien die erneuerbaren Energien wichtig. Die zeige sich zum Beispiel daran, dass der Rotmilan aus der Liste der gefährdeten Arten gestrichen worden sei.

Aktionsplan Klimanotstand

Photovoltaik-Freiflächen seien "Naturschutz pur". Fell warnte davor, dass nach einer Untersuchung der NASA spätestens im Jahr 2030 das Ziel, die Temperaturzunahme auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, überschritten wird. So sollte nach Ansicht von Franz-Josef Fell ein "Aktionsplan Klimanotstand" für alle Gemeinden aussehen: Sie sollten einen kommunalen Klimamanager einstellen, auf 100 Prozent erneuerbare Energie, auf 100 Prozent Biolandbau, auf 100 Prozent artgerechte Tierhaltung umstellen. Beschlossen werden sollten Begrünungen und Aufforstungen, die Umwandlung von Klärschlamm und Abfall in Biokohle und die Orientierung von Beschaffungen am Klimaschutz (zum Beispiel Fair Trade).

Er appellierte an alle Anwesenden: "Jeder kann und muss aktiv werden. Warten Sie nicht, bis Stefan Richter bei Ihnen anruft". Fell richtete auch Grüße des aus Münnerstadt stammenden Solarenergie-Pioniers Professor Eicke Richard Weber (siehe unten) aus.

Sonnenenergie rechnet sich

Norbert Zösch, der Leiter der Hammelburger Stadtwerke, betonte, dass die erneuerbare Energie jetzt so günstig sei, dass der Einstieg in 100 Prozent erneuerbaren Strom keine große Sache mehr sei. Die Stadtwerke der 14 000-Einwohner-Stadt lieferten Strom für 17 000 Einwohner und Wasser für 30 000. Mit dem Erlös könnten die Stadtwerke die Schwimmbäder zu einem guten Teil finanzieren. Auch ein Nahwärmenetz und sogar ein eigenes Rechenzentrum betreiben die Stadtwerke mit der von ihnen produzierten Energie. "Sonnenenergie rechnet sich immer", betonte Zösch.

Gunter Häckner, der Vorstand der Bürger-Energiegenossenschaft Haßberge und Geschäftsführer der Langes Schiff Energie GmbH, betonte, im Vordergrund müsse die Erzeugung von mehr erneuerbarer Energie und die Umsetzung von Projekten stehen.

Eicke Richard Weber

Ein weltweit anerkannter Pionier der Solarenergie kommt aus dem kleinen Münnerstadt. Eicke Richard Weber, geboren am 28. Oktober 1949 in Münnerstadt, ist ein deutscher Physiker. Er promovierte 1976 an der Universität zu Köln in Physik und habilitierte 1983. Weber war lange Jahre Professor an der University of California in Berkeley (Kalifornien), bis er einem Ruf der Fraunhofer-Gesellschaft folgte. Von Juli 2006 bis Dezember 2016 war er Leiter des Fraunhofer-Institutes für Solare Energiesysteme, weltweit einer der größten und bekanntesten Forschungseinrichtungen zum Thema Solarenergie. Daneben war er Inhaber des Lehrstuhls für Physik/Solarenergie an der Universität Freiburg.