Hans hieß das erste Pferd, das Ludwig Mangold in den 1950er Jahren besessen hat. Hans war die Bedingung, dass Ludwig Mangold die Landwirtschaft des Vaters übernehmen würde. Denn schon als 15-Jähriger war der Münnerstädter ein Pferdenarr und ist es geblieben. Doch Ludwig Mangold erinnert sich nicht nur an sein erstes Pferd. Er hat auch alle anderen in guter Erinnerung, die einst für Münnerstädter Bauern gute Dienste taten. Vor 60 Jahren gab es noch viele Pferde in Münnerstadt. Doch es war schon die Zeit des Umbruchs, als die ersten Traktoren angeschafft wurden.
Ludwig Mangold hat sich die Mühe gemacht und in seinem Gedächtnis gekramt. Anfang der 1950er Jahre gab es seiner Rechnung nach rund 75 Pferde in Münnerstädter Ställen.


Maximal zwei Pferde im Stall

Das Kloster und die Landwirtschaft von Hugo Schmitt waren mit drei Tieren Spitzenreiter. Die meisten Bauern hatten ein oder maximal zwei Pferde im Stall. Die Tiere wurden eingespannt, um mit dem Wagen die Ernte einzubringen. Und sie wurden zum Pflügen gebraucht. Auch Ludwig Mangold hat noch mit seinem Hans auf dem Acker gearbeitet. Allerdings nicht mehr allzu lange.
Als der erste Traktor auf einem Münnerstädter Hof stand, hätten die anderen Landwirte schnell nachgezogen. Pferde wurden immer weniger gebraucht. Die Landwirte schafften nach und nach ihre Tiere ab.


Statistik belegt Veränderung

Doch Pferde wurden in den ersten Jahren nach dem Krieg nicht nur in der Landwirtschaft eingesetzt. Der ehemalige Bahnspediteur Heinz Ritter erinnert sich, dass die Bahnfracht, die in Münnerstadt ankam, im Stadtgebiet ebenfalls mit einem Pferdefuhrwerk verteilt wurde. Ritter, der später das Transportunternehmen vom Vater übernahm, war damals noch ein Bub. Sein Onkel war täglich mit dem Fuhrwerk unterwegs. Das Pferd habe damals seinen Weg durch die Stadt genau gekannt. Doch irgendwann ging auch hier das Pferd in den Ruhestand. Die Veränderung belegt auch die offizielle Statistik, die in den 1950er Jahren in der Münnerstädter Zeitung zu finden ist.
Im Stadtarchiv findet Dorothea Hanshans entsprechende Unterlagen. Während Ludwig Mangold Anfang der 1950er Jahre noch auf mehr als 40 Pferdehalter im Städtchen kommt (nur Kernstadtgebiet), ergab eine Viehzählung aus dem Jahr 1960 nur noch 29 Pferdehalter mit 34 Pferden. Ein Jahr zuvor waren es 30 Pferdehalter mit 38 Tieren. Der Trend hielt an. Im Stadtarchiv finden sich Unterlagen, dass die Zahl der Pferdehalter bis 1976 auf vier mit zehn Tieren geschrumpft war. Kaum eines dürfte zu dieser Zeit noch als Ackerpferd im Einsatz gewesen sein.
Die Haltung von Arbeitspferden spielt heute keine Rolle mehr. Doch einige Halter gibt es noch immer. Im Gesamtstadtgebiet waren es laut statistischem Landesamt im Jahr 2010 sieben Halter von Einhufern mit insgesamt 28 Tieren.
Ludwig Mangold selbst hat irgendwann auch auf den Traktor umgesattelt. Er war noch viele Jahre Pferdehalter, ritt aus, wann immer die Zeit es zuließ. Neun Pferde insgesamt hatte er im Laufe der Jahrzehnte und dazu zwei Ponys. Seitdem die Familie aber wieder vom Aussiedlerhof in die Innenstadt gezogen ist, hat Ludwig Mangold schweren Herzens die Pferdehaltung aufgegeben. "Immer wenn ich in Bad Kissingen bin, gehe ich in den Reitstall, um die Luft zu schnuppern", sagt Mangold. Den seine Liebe zu den edlen Tieren ist geblieben.


Viele Erinnerungen

Überall im Haus hängen Pferdebilder; Mangold hat zudem eine Pferde-Figur-Sammlung verschiedenster Rassen. Besonders in Ehren hält er eine Porzellanfigur. Sie zeigt den Alten Fritz mit Pferd. Es ist eine Trophäe, die Ludwig Mangolds Vater für den 2. Platz bei einem Bad Kissinger Reitturnier gewonnen hat. Damals habe es in Münnerstadt einen Reiterverein gegeben, weiß der 76-jährige Mangold.
Er kenne nicht nur die Namen der Pferde, die vor 60 Jahren in Münnerstädter Ställen gestanden waren, sagt Ludwig Mangold. Präsent sind auch nach Jahrzehnten noch die Marotten so manchen Rosses.
Einige dieser Mürschter Pferde hat er als Bub geritten, selbst solche, von denen die Besitzer überzeugt waren, sie ließen das nicht mit sich geschehen. Einmal wurde ihm sogar ein Pferd als Geschenk versprochen, wenn es ihm gelinge, im Sattel zu bleiben. Mangold hat das Tier gestriegelt, die Hufe gepflegt und ist geritten - sehr zur Verwunderung der Besitzer. Das versprochene Geschenk bekam er dann aber doch nicht. Mangold erinnert sich auch noch an einen ganz schlimmen Unfall, den ein Münnerstädter Landwirt beim Ackern mit seinem Pferdegespann im Maital hatte. Der Mann überlebte den Unfall nicht.
Auch in der Zeitung vor 60 Jahren findet sich eine Polizeimeldung, wie es sie heute nicht mehr gibt. Im Sommer 1956 erlitt ein Landwirt mit seinem Fuhrwerk im Tal einen Deichselbruch. Sein Pferd hatte gescheut und war nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen.