Sagt Ihnen der Begriff "Franui" etwas? Nein? Machen Sie sich keine Sorgen, den kennen die Wenigsten. Das ist der Name einer abgelegenen Almwiese. Und wo? Ganz einfach. Wenn Sie hinwollen, fahren sie über München, Salzburg, dann durch den Felbertauerntunnel hinunter nach Lienz. Da biegen Sie rechts ab nach Sillian und dort noch einmal rechts nach Innervillgraten. Und wenn Sie dort am Dorfgasthof sind, biegen sie links ab. Dann kommen Sie hin. Wenn Sie aus Richtung Paris kommen, fahren Sie etwas anders und biegen zuletzt rechts ab. So in etwa die Wegbeschreibung des Innervillgrattlers Andreas Schett. Der hat dort vor 27 Jahren mit Freundinnen und Freunden die Franui Musicbanda gegründet, die seitdem in unveränderter Besetzung spielt. So sieht Heimattreue aus.

Und was hat das jetzt mit dem Kissinger Sommer zu tun? Ganz einfach: Die Franui Musicbanda war jetzt zu Gast im Regentenbau, und zwar mit prominenter Begleitung: mit dem Chor des Bayerischen Rundfunks und seinem Leiter Howard Arman. Und da kann es nicht nur um ein paar Schnaderhüpferl gegangen sein. Aus dem Stadium ist die Musikbande längst raus. Zwar haben sie seinerzeit auch mit Blas- und einfacher Volksmusik begonnen, haben, so Andreas Schett, bevorzugt Trauermärsche gespielt, "weil man die nicht üben muss." Aber allein schon durch die personelle Kontinuität - und auch in Innervillgraten wird ja jeden Tag gestorben - haben sich die eigenen Ansprüche immer mehr erhöht, sind immer mehr neue Impulse aufgegriffen, immer mehr Ideen zur Reife gebracht worden. Und heute versteht sich Franui Musicbanda als "Umspannwerk zwischen Klassik, Volksmusik, Jazz und zeitgenössischer Kammermusik. Die Grenzen zwischen Interpretation, Improvisation Arrangement und (Re-)Komposition verschwimmen."

Mit diesem Konzept ist die Band mittlerweile in den großen Konzertsälen Europas unterwegs. "Wir wandern in die Berge" heißt das Programm, das jetzt im Regentenbau coronabedingt seine Uraufführung erlebt. Der Titel geht zurück auf Gustav Mahler, der 1908 nach einem Sommerurlaub in Neuschluderbach, also praktisch in Sichtweite, eine Wohnung gemietet hatte, die er bis zu seinem Tod zwei Jahre später auch nutzte. In seinem "Lied von der Erde" heißt es kurz vor Schluss: "Mir war auf dieser Welt das Glück nicht hold! / Wohin ich geh'? / Ich geh', ich wand're in die Berge. / Ich suche Ruhe für mein einsam Herz." Das klingt ziemlich melancholisch, und in der Tat wurde in den Liedern auch immer mal der Tod verhandelt. Aber insgesamt war die Wanderung in die Berge eine heitere und erstaunlich spannende Angelegenheit.

Den ersten Teil des Programms hatte Howard Arman bearbeitet und arrangiert. Die Lieferanten: Carl Loewe und Gustav Mahler. Der Grund: Mahler sah sich als Nachfolger von Loewe: "Wenn jemand meine Humoresken verstanden hätte, dann wäre es Loewe gewesen." Und so gab es die Lieder aus der Sammlung der "Vier Fabelballaden" wie "Der verliebte Maikäfer", "Der Kukuk" oder "Wer ist der Bär?" - wobei letzterer nicht Meister Petz ist, sondern ein penetranter fensterlnde Galan. Oder die Lyrische Fantasie "Kleiner Haushalt" von Friedrich Rückert. Und vor allem das "Lob des hohen Verstandes". Also jede Menge Futter für Tierstimmenkomponisten. Es war faszinierend, wie Howard Arman in ganz luftigen, geradezu minimalistischen Arrangements nicht nur diese Tierstimmen zum klingenden Leben brachte, sondern vor allem, wie er mit geringen Mitteln die typischen Mahlerschen Klangbilder erzeugte, die sofort Vertrautheit schufen, weil sie den Mahlerschen Orchesterklang mit den Volksmusikinstrumenten des Musicbanda von Holz- über Blechbläser, Violine, Kontrabass, Akkordeon, Hackbrett und Harfe in Übereinstimmung brachte. Da merkte man plötzlich, in welch großer Nähe zur Volksmusik sich Mahler immer wieder bewegte - nicht nur in seinem "Rheinlegendchen". Zumal auch der Chor mit jener bewundernswerten kunstvollen Einfachheit sang, die die Volksmusik auszeichnet. Schön, wenn man das mal von großen Könnern hört.

Der zweite Teil war das Produkt der Zusammenarbeit zwischen den beiden "Franuiern" Andreas Schettt und Markus Kraler und Gustav Mahler im Original. Vor allem "Das Lied von der Erde" diente hier als Lieferant, aber auch Christian Morgensterns "Schlummerliedchen" oder Moritz Moszkowskis "Liebe kleine Nachtigall" oder die Rückert-Vertonungen "Wenn Dein Mütterlein" aus den "Kindertotenliedern" oder "Um Mitternacht" - allein dafür hatte sich schon das Kommen des Chores gelohnt, zumal auch das Orchester in ein groteskes Nocturne entgleiste. Natürlich wirkte diese Mahler-Hommage auch deshalb so stark, weil sie mehr oder weniger durchkomponiert war. Andererseits hätte sich mancher über ein bisschen Moderation zur Orientierung gefreut.

Trotzdem war es ein nachwirkendes Erlebnis: Ein Chor mit einer fabelhaften Genauigkeit und Präsenz, der mit erstaunlich wenig Druck große Wirkung entfaltete und sich nie in den Vordergrund drängte. Und davor ein Orchester, das lustvoll einen ausdrucksstarken Minimalismus praktizierte und dadurch alles leichter klingen ließ, als es tatsächlich war. Und so etwas wächst in Osttirol.