Wenn Männer ein Kind bekommen, sind sie zu nichts zu gebrauchen. Das wussten auch die Herren des Danish String Quartet: Als ihr Primarius Rune Tonsgaard Sørensen mit der frohen Botschaft kam, dass er Vater werden würde, schickten ihn seine Kollegen Frederik Øland, Asbjørn Nørgaard und Fredrik Schøyen Sjölin sicherheitshalber nach Hause. Für die drei Zurückbleibenden keine ganz einfache Situation. Natürlich könnten sie sagen: "Dann spielen wir eben so lange Streichtrios. Es gibt ja genug." Aber das ist leichter gesagt als getan. So einen Fall hat es beim Kissinger Sommer schon einmal gegeben: Als das japanische Lotus String Quartet nach seinem Festivaldebüt 2000 im nächsten Jahr wiederkam, waren es aus demselben Grund wie jetzt auch nur noch drei Damen. Sie spielten wunderbar, aber die sich selbst tragende Balance hatten sie noch nicht gefunden. Die drei verbliebenen Dänen entschieden sich dafür, weiter als Quartettformation aufzutreten. Aber sie suchten klugerweise keinen Geiger als einspringenden Kollegen. Denn das hätte sehr viel Arbeit bedeutet. Denn da geht es nicht nur um interpretatorische oder gestalterische Fragen, sondern da geht es ans Eingemachte: an Klangbildung und Klangfarben und an präzise dynamische Übereinstimmungen: Leise etwa ist kein objektiver Begriff. Sie entschieden sich für das Klavier als Ergänzung - und damit für den Dänen Gustav Piekut.

Das war, zumal die Vakanz absehbar ist, durchaus sinnvoll, denn da konnte man sich das "Eingemachte" im Wesentlichen sparen. Das Klavier spielt in seinen eigenen Sphären und in Wohltemperiertheit. Da gibt es nicht so viele Stellschrauben. Aber so ganz zufrieden dürften sie mit der bisher erreichten Balance noch nicht gewesen sein. Denn vor allem das Violoncello neigte dazu, die anderen Stimmen zuzudecken, auch das Klavier. So war der Eindruck, der zurückblieb, nicht ungeteilt begeistert, obwohl das Programm durchaus verlockend war. Schon deshalb, weil die vier Dänen mit einer Rarität eröffneten: mit dem Klavierquartettsatz a-moll des 16-jährigen Gustav Mahler, dem einzigen erhalten gebliebenen Relikt aus seinem ohnehin sehr schmalen kammermusikalischen Schaffen. Das ist ein dramatischer bis düsterer Satz, der am Ende in Melancholie erstirbt. Die Spielvorschrift "Nicht zu schnell" nahmen die vier Dänen erfreulich ernst und hatten so alle Zeit genau aufeinander zu hören, etwas an der Balance zu arbeiten und mit voller Sonorität lange Spannungsbögen zu entwickeln. Das war insofern nicht so schwer, als Mahler viel mit Wiederholungen gearbeitet hat. Dass die Kammermusik nicht sein Ding war, hat er selber gemerkt. Zum Glück ist er zur Sinfonie und zum Lied umgeschwenkt.

Bei Wolfgang Amadeus Mozarts Klavierquartett g-moll KV 478 merkte man schon, unter welchem Druck das Ensemble stand, in kürzester Zeit ein vollkommen neues Repertoire zu erarbeiten. Dass da die eine oder andere Ungenauigkeit auftrat, vor allem im Klavier, war natürlich nicht gut, aber verschmerzbar. Aber es war offenbar auch keine Zeit für eine Interpretation gewesen. Dass der erste Satz mit dramatischen Streicherakkorden beginnt, kam dem Ensemble entgegen. Denn der Druck, der da entstand, hielt bis zum Ende an. Nur das Andante hatte die eine oder andere lyrische Ecke. Aber die beiden Ecksätze wurden durch die Lautstärke und die forcierten Tempi schwer durchhörbar. Dass Mozart da auch Stellen mit dem Charme des Rokokos untergebracht hat, war nicht zu erkennen.

Mit dem Klavierquartett Es-dur op. 47 von Robert Schumann hat sich das Quartett offenbar doch etwas länger beschäftigt. Das zeigte sich nicht nur in der Genauigkeit, sondern auch in der Darstellung von Strukturen und Spannungslinien - und bei dem geheimnisvollen Beginn zeigte das Quartett, dass es auch wirklich leise spielen kann, auch mit einer kleinen kreativen Ungeduld. Auch das Klavier kam jetzt in seiner Partnerfunktion besser zur Geltung. Man konnte hier große romantische Kammermusik in einer souveränen, in sich geschlossenen Interpretation genießen. Und man hätte sie noch mehr genossen, wenn ... Die Dänen stammen wohl von den Wikingern ab. Und das waren Männer, die einen Elch mit einem Faustschlag niederstrecken konnten. Mangels Elchen hat sich diese Kraft wohl auf die Musik verlagert. Die vier Musiker spielten mit einer derartigen, nicht immer verständlichen Kraft, dass man den Eindruck bekam, sie spielten nicht miteinander, sondern gegeneinander. Schade, weil man als Zuhörer dadurch in eine defensive Haltung gedrängt wird. Oder anders gesagt: Die Musiker hätten ihr fabelhaftes Spiel einfach besser auf die etwas knallige Akustik des Bildhäuser Festsaals einstellen sollen. Aber die Zeit war halt knapp. Sie mussten gleich wieder zum Flieger.