Ein junger Motorradfahrer setzt zu einem gewagten Überholmanöver an. Trotz eines Wagens, der sich auf der Gegenfahrbahn nähert, will er noch eben an einem Traktor vorbei. Plötzlich der Aufprall. Der 19-Jährige wird von seinem Motorrad geschleudert und landet einige Meter weiter auf dem Asphalt. Regungslos bleibt er liegen. Nur weil in Bad Neustadt zufällig ein Rettungshubschrauber mit laufendem Motor bereit steht, hat der Mann eine Chance rechtzeitig ins Krankenhaus gebracht zu werden.

Es folgen fünf Wochen Koma und niederschmetternde Diagnosen. Gerade mal eine 20-prozentige Überlebenschance gaben ihm die Ärzte. Und wenn er wieder zu sich komme, dann nur mit schwerer geistiger Behinderung, hieß es. Doch allen Vorhersagen zum Trotz kämpft sich der junge Mann zurück ins Leben. So lautet die Kurzfassung der Geschichte von Thomas Gensler aus Arnshausen.

Zehn Jahre später spürt der heute 29-Jährige noch immer die Folgen des schweren Unfalls. Er hat Gleichgewichtsstörungen, ist leicht vergesslich und hat Schwierigkeiten beim Gehen. Trotzdem ist er stets bestens gelaunt. "Lachen ist die beste Medizin", sagt Thomas Gensler. Während der Therapien half ihm eine gehörige Portion Selbstironie. Bei einem seiner ersten Gehversuche fiel er hin und gab quietschende Laute von sich. Seine Mutter dachte, er würde weinen, dabei hatte er über sich selbst gelacht.

Der Humor allein war es dann aber nicht, der ihn wieder auf die Beine brachte. Der Wille spielte eine ebenso große Rolle. Mit Hilfe einer intensiven Reha sowie Physio-, Ergo- und auch Musiktherapie musste er sich alles hart erarbeiten. Unmittelbar nach seinem Unfall konnte er schließlich weder laufen noch sprechen und hatte starke psychische Einschränkungen. "Ich war wie ein Kleinkind", erzählt Gensler. Zunächst verweigerte er die Therapien und war sehr aggressiv gegenüber den Pflegern. Er litt unter dem so genannten Durchgangssyndrom, welches bei Patienten mit schwerem Leidensdruck vorkommt und starke Stimmungsschwankungen, Angstgefühle und Wahrnehmungseinschränkungen verursacht. Erst als seine Mutter ihn zu sich nach Hause holte, ging es ihm langsam wieder besser.

Neue Arbeit, neue Liebe

Inzwischen ist Thomas Gensler wieder voll da und steht mitten im Leben. Derzeit arbeitet er als CNC-Fräser bei der Lebenshilfe in Nüdlingen. Dort lernte er auch seine Lebensgefährtin Julia Bauer kennen. "Sie ist die Liebe meines Lebens", schwärmt Gensler. Vielleicht passt es gerade deshalb so gut, weil Julia auch schon einiges durchgemacht hat. Mit ihren 28 Jahren erlitt sie bereits eine Psychose, welche durch Stress hervorgerufen wurde. Abends unternehmen die beiden oft eine gemeinsame Radtour. Wenn das Wetter gut ist, fahren sie dann nach Aschach oder auch mal nach Schweinfurt.

Seit 2009 widmet sich Gensler dem Radsport und hat seitdem 30 Kilogramm abgenommen. Auf seinem Liege-Dreirad fährt er wöchentlich bis zu 200 Kilometer. "Sport ist mein Leben", sagt Gensler, "ich habe diesen Unfall nicht überlebt, um faul auf der Couch zu sitzen."

Auf Tour für den guten Zweck

Vom 29. August bis zum 6. September nahm er gemeinsam mit 35 gehandicapten, chronisch kranken und gesunden Radlern an der Bäder- und Rehatour 2014 teil. Die führte die Teilnehmer auf einer Strecke von 800 Kilometern von Bad Friedrichshall bis nach Berlin. "Das war supergeil", sagt Thomas Gensler. Im Spreewald und in Dresden sei es sehr schön gewesen. Außerdem habe es einen starken Zusammenhalt unter den Teilnehmern gegeben.

Die Tour wirbt getreu dem Motto "Zeigen, was möglich ist" für die Rehabilitation. Zudem wurden in diesem Jahr Spenden für Projekte des Krebsverbandes gesammelt. Auf die Tour aufmerksam geworden ist Thomas Gensler über die Schwester seiner Lebensgefährtin, die in der Rehaklinik am Kurpark arbeitet. Sie wiederum hatte zufällig von Hubert Seiter, dem Direktor der deutschen Rentenversicherung, davon erfahren.

Trotz seines Unfalls wollte Thomas Gensler eigentlich wieder mit dem Motorradfahren anfangen, als er wieder dazu in der Lage war. Eine Maschine hatte er sich schon zugelegt. Letztlich sei es eine Frage der Vernunft gewesen. "Nochmal habe ich nicht so viel Glück", sagt Gensler, "ich will diese Chance nicht ungenutzt lassen."
Wenn er andere Motorradfahrer sieht, die riskante Manöver fahren, kann er ihnen das nicht verdenken. Es sei schon ein fantastisches Gefühl diese Beschleunigung zu erleben. "Aber die werden es auch noch lernen", sagt er.