Mit so viel Andrang hatte die Leiterin der städtischen Bücherei Gabriele Reichert nicht gerechnet. Aber als sie die Tür öffnet, drängt sich ein ganz anderes Publikum als sonst in den Raum vor der Theke. Die Lehrerinnen der Berufsintegrationsklasse der privaten Pflege- und Berufsfachschule sind mit ihren Schülerinnen und Schülern gekommen, um den Flüchtlingen zu zeigen, dass sie sich auch in ihrer Freizeit ohne Zwang der Sprache und Kultur ihrer derzeitigen Heimat nähern können.
Sie kommen aus Afghanistan, Syrien, Äthiopien oder Ägypten, geflohen vor Krieg oder Verfolgung. Jetzt wohnen sie in Flüchtlingsunterkünften in Gauaschach, Stangenroth, Motten oder Bad Kissingen und doch fühlen sich die 27 Jungs und vier Mädchen als Gemeinschaft. Die Berufsintegrationsklasse, gebildet aus Schülern der privaten Pflegeschule und der privaten Berufsfachschule für Altenpflege am bfz in der Columbiastraße verstehen sich als eine Klasse. Für sie ist das komplizierte Konstrukt - private Schulen übernehmen Integrationsklassen, weil die öffentlichen Schulen das allein nicht schaffen - völlig egal. Sie wollen lernen. Vor allem die deutsch Sprache, später dann vielleicht tatsächlich Altenpflege oder etwas ähnlich Medizinisches. Sie wissen, dass der Weg noch weit ist, aber sie sind engagiert und fleißig, wie die Pflegepädagogin Katrin Pfister von der Pflegeschule feststellt. Das bestätigt auch Sandra Herleth. Sie unterrichtet Deutsch, Geschichte und Landeskunde. "Die Flüchtlinge wollen vorankommen, fordern so viel ein, was wir zum Teil gar nicht leisten können", meint die stellvertretende Schulleiterin der Berufsfachschule für Altenpflege.


Die einzelnen Räumen entdecken

Deshalb waren die Pädagoginnen dankbar, dass es die städtische Bücherei ermöglichte, die Asylbewerber über die Möglichkeiten der Bibliothek zu informieren. Büchereileiterin Gabriele Reichert nimmt sich viel Zeit für die Jugendlichen und die hören aufmerksam zu, wie das so funktioniert mit dem Ausleihen, mit den Fristen, der Leserkarte und mit dem Zurückbringen. Noch spannender ist es natürlich, als Frau Reichert die Schüler auffordert, die einzelnen Räume zu entdecken und die Bücher in die Hand zu nehmen. Sie weist auf Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur hin und schon wird im "Räuber Hotzenplotz" und der "Kleinen Raupe Nimmersatt" geblättert.


Buch über Merkel begeistert

Als ein Mädchen ein Buch über Angela Merkel entdeckt, strahlen die Augen, denn die Kanzlerin kennt jeder. Schnell geht der Band von Hand zu Hand. Aber die Bücherei hat noch viel mehr zu bieten. Zeitschriften und Zeitungen können vor Ort gelesen, Spiele, Hörbücher, Filme und CDs ausgeliehen werden. Wie das geht, begreifen die Teenager schnell. Otman Almusa strahlt, als er eine CD mit Lionel Messi auf dem Cover entdeckt. Der Syrer erzählt in verständlichem Deutsch, dass er für den Fussballzauberer schwärmt und dass er selbst beim TSV Stangenroth kickt.
Auch Najeeb Kakar wohnt in Stangenroth. Er hat sich mit dem Ägypter Elgude Ahmed und dem Afghanen Nasdullah Baber - beide wohnen in Bad Bocklet - um den PC geschart, nachdem Frau Reichert ihnen erklärt, dass man in der Bücherei auch ins Internet gehen und sogar drucken kann. Dass die Jugendlichen so aufmerksam und lernwillig sind, freut die Herrin über 25 000 Medien: "Die dürfen alle gern wiederkommen".


Chance für die Jugendlichen

Im 3. Stock finden Kinderbücher und Spiele das Interesse von Aster Basoje. Ihre Deutschlehrerin Michaela Werthmann erklärt, dass man sich beim Memory Spiel die Lage der einzelnen Kärtchen merken soll. Als sie das Brandenburger Tor aufdeckt, lächelt die junge Frau aus Äthiopien, die in Bad Brückenau wohnt: "Berlin" meint sie stolz.
Sozialpädagogin Rita Weiß betreut die Klasse stundenweise, hilft beim "Formularkrieg" und ist Ansprechpartnerin für die Dinge des Alltags. "Super, super Lehrerin", ruft Nasdulla Baber und die Kumpels nicken.
Den Büchereibesuch sieht sie als wertvolle Möglichkeit den Prozess der Integration zu fördern. Das ist eine Chance für die Jugendlichen, nach der Schule nicht irgendwo rumzuhängen, sondern die oft lange Zeit bis der Bus in die Wohnorte fährt, sinnvoll zu nutzen.
"Sie haben Frau Reichert erlebt und wissen, dass sie willkommen sind".