"Erinnerungen" - das war ein Konzertabend mit drei musikalischen Gesichtern. Und man konnte mal wieder die Beobachtung machen, dass ein Streichquartett auch nach elf Jahren des intensiven Zusammenspiels nicht behaupten kann, an seinem Ziel angekommen zu sein. Das wäre freilich auch nicht gut, wenn dem so wäre, denn was sollte danach noch kommen? Aber im Live-Konzertbetrieb zählt halt der Augenblick.

Das erste Gesicht: Bei Giacomo Puccinis "Crisantemi" fragt man sich eigentlich jedes Mal, wenn man es hört - und man kann es relativ oft hören - warum dieses Werk überhaupt noch gespielt wird. Natürlich hat es den Reiz des Besonderen, des geradezu Exotischen. Denn Puccini hat jenseits der Vokalmusik - was vor allem Oper meint - so gut wie gar nichts komponiert, und offen gestanden ist das auch gut so. Denn die "Crisantemi", dieses einsätzige, dreiteilige Werk von gerade mal sieben Minuten Dauer, war von ihm nicht als eigenständiges Kammermusikwerk gedacht, sondern war Arbeitsmaterial: eine Vorstudie zu seiner Oper "Manon Lescaut", die im 4. Akt des Bühnenwerkes eine gute Verwertung gefunden hat.

Die "Goldmünder" Florian Schötz und Pinchas Adt (Violine), Christoph Vandory (Viola) und Raphael Paratore (Violoncello) nutzten die Chance und machten das Beste daraus: ein Stück zum Einspielen. Denn die langen, ruhigen Akkorde - allzu viel passiert nicht in der Musik - bieten eine gute Gelegenheit, sich aufeinander einzuspielen und einzuhören. So konnte die Präzision zum Objekt der Bewunderung werden. Und man merkte auch schon ein bisschen, wie in dieser Vierergruppe die Gewichte verteilt sind.

Das zweite Gesicht: Ludwig van Beethovens Streichquartett B-dur op. 18/6, das sechste und letzte aus dem berühmten "Sixpack" seiner ersten Beschäftigung mit dieser Gattung. Das ist ein Werk mit erstaunlich viel musikalischem Humor, einer Tugend, die dem Wahl-Wiener schon aus Gründen der Tradition gerne abgesprochen wird. Vor allem die beiden Ecksätze liefern zündendes Material zum Lachen, wenn man es erkennbar macht - beim Publikum sieht man's halt nicht, der Masken wegen.

Und die Goldmunds lieferten, mit lockerem Bogen und Lust an witzigen Verzierungen und federnden, mitreißenden Rhythmen. Wobei das vor allem ein Verdienst von Primarius Florian Schötz - der ein veritables, sehr virtuoses Violinkonzert ablieferte - und Raphael Paratore mit seinem prägnanten Fundament lieferte. Die beiden Mittelstimmen hielten sich zurück: Pinchas Adt, der sich ein bisschen als Butler der 1. Violine verstand, und Christoph Vandory, der mitunter den Eindruck erweckte, als würde er zuerst für sich spielen, der nicht den Kontakt zu den Mitspielern suchte - obwohl er ihn durchaus hatte - und der manchmal ganz einfach zu leise war. Manchmal sah man ihn zwar spielen, hörte ihn aber nicht.

Das war bei Beethoven nicht weiter schlimm, denn es passierte ja an allen Ecken und Enden genug. Trotzdem wurde man das Gefühl nicht los, dass die Goldmunds bei diesem Quartett noch nicht ganz angekommen sind. Denn im Moment profitiert das Werk von ihrer Virtuosität, von ihrer vorbehaltlosen Umsetzung des Notentextes. Aber die wirkt halt auch etwas wie an den Noten entlanggespielt. In der Gestaltung wäre noch ein bisschen Luft nach oben. Die eine oder andere Zäsur an der richtigen Stelle oder die eine oder andere Klangvariante könnte dem Hören spannende Impulse geben.

Das dritte Gesicht: Franz Schuberts Streichquartett d-moll D 810, das vor allem durch seinen Beinamen berühmt geworden ist: "Der Tod und das Mädchen". Da musste man den vier (noch) jungen Leuten ein Riesenkompliment machen. Denn das war von Anfang bis Ende durchdachte Musik. Sie machten deutlich, warum dieses Quartett nicht nur Schuberts Bestes ist, sondern dass es zu Recht eine herausragende Stellung in der Quartettliteratur einnimmt. Das war nicht nur perfekt musiziert, sondern auch tief- und ergreifend gestaltet. Man denke nur an die morbide Süßlichkeit mit ihrem leicht nervösen Untergrund, die den zweiten Satz - und Namensgeber für das Quartett - ungewöhnlich klar und schlüssig vorbereitet, an die starke emotionale Agogik, die die Musik zum Erzählen bringt, die auch den Komponisten hervortreten lässt.

So war der Übergang in den berühmten zweiten Satz absolut konsequent. Und der hatte es in sich. Denn die vier Musiker zeigten, dass das Quartett als absolute Musik nichts mit dem Beinamen zu tun hat, dass die Wahl des Themas aus Schuberts gleichnamigem Kunstlied aber durchaus grundlegende Impulse für die Gestaltung geben kann. Und so brachte auch der Umgang mit dem Thema und den fünf Variationen ein höchst eindrucksvolles Spektrum des gefühlsmäßigen Umgangs mit dem empfindlichen Thema "Tod" zwischen introvertierter Verzweiflung und geradezu explodierendem Trotz. Da geriet man beim Zuhören schon ein bisschen außer Atem.

Verdienstvoll war auch der Fortgang. Denn die Sätze drei und vier werden ganz gerne etwas unterbelichtet betrachtet, weil im zweiten Satz schon alles gesagt ist. Das passiert, wenn man das Quartett auf seinen Titel reduziert. Aber für Schubert spiegelte seine Musik sozusagen eine Grundhaltung. Und so waren auch die zwei letzten Sätze mit packendem Zugriff musiziert, der die Auseinandersetzung fortschrieb. In dem sehr pointierten, ziemlich gepfefferten Scherzo, dessen krassen Kontrast im Trio ein kleines Lied, gesungen von Viola und Violoncello, bildete. Und in dem unnachgiebig galoppierenden Finale, das in eine aufgetürmte Prestissimo-Stretta mündete und so tatsächlich den Ziel- und Gipfelpunkt des Werkes bildete. Ein großartiger Schluss. Und jetzt konnte sich, wenn auch langsam, die Spannung lösen.