Erna Buscham hat keine Zeit für Notizen. "Ich kann mir viel merken. Noch. Zum Glück", sagt sie und lacht. Sie ist im Stress, damit andere keinen haben. Die anderen, das sind viele Dutzend Musiker, die in den nächsten vier Wochen aus der ganzen Welt nach Bad Kissingen reisen. Wenn die Münchner Philharmoniker morgen um 20 Uhr das Eröffnungskonzert im Max-Littmann-Saal spielen, geht der Kissinger Sommer in die nächste Runde. Für Erna Buscham und den Rest des Organistionsteams beginnt die Arbeit schon viel früher.


30 Jahre Kissinger Sommer

Jemand mit rotem Lippenstift hat seinen Sekt nicht ausgetrunken. Auf den Stehtischen in der Empfangshalle reihen sich Gläser und Krüge. Ein paar Mädels huschen raus, wieder rein. Kichern, gackern, räumen die Reste zusammen: Die Bad Kissinger Abiturienten hatten ihren Abschlussball in dem prächtigen Regentenbau gefeiert. Im Max-Littmann-Saal werden Tische gestapelt und an Scheinwerfern geschraubt. In ein paar Stunden wird von der Party nichts mehr zu sehen sein. Die nächste Party dort wird länger dauern als eine Nacht. Eigentlich hat sie längst begonnen. Cecilia Bartoli hat bei einem Gala-Abend in dem imposanten Saal den Auftakt für "30 Jahre Kissinger Sommer" gegeben. Der ist ein besonderer und soll auch so gefeiert werden. Was das für Erna Buscham und das Organisationsteam des Festivals heißt? Email-Postfächer, die überlaufen, Handy-Akkus, die überhitzen und schlaflose Nächte.


Mission stressfrei

Zwei oder drei Konzerte will sie sich anschauen. "Mehr schaffe ich gar nicht", sagt Erna Buscham. Sie steckt sich ihre schmale Lesebrille in die rote Mähne. Ihre Arbeitstage beginnen früh und enden spät. Manchmal kommt sie am Wochenende ins Büro. Dann kann sie in Ruhe abarbeiten, was während des Trubels liegenbleibt, erzählt sie. Wie lange sie ihren Mann und die Kinder während der heißen Phase sieht? Sie schmunzelt und antwortet: "So hat man keine Zeit zum Streiten." An ihren Humor muss sie sich nicht mit einer To-Do-Liste erinnern. Die Frau mit den hellen Augen und dem rosa Nagellack hat ein Ziel: die Künstler ohne Hektik auf die Bühne bringen. Für diese Mission braucht jeder von ihnen eine andere Behandlung.


Lieblingskekse nach dem Konzert

"Das macht Bad Kissingen aus: Wir können den Musikern und Künstlern ein paar familiäre Stunden bieten." Abgesehen davon will jeder eine andere Art Fürsorge rund um das Festival. "Mancher mag es, wenn sich um ihn gekümmert wird, andere gar nicht." Dazu kommen Spezialwünsche mit Künstler-Kolorit: da muss nach dem Auftritt schon mal ein Cognac bereitstehen oder dunkle Schokolade griffbereit liegen. Die Lieblingskekse, Tee je nach Geschmack oder exotisches Obst - alles für das Wohlbefinden der Gäste. Selbstverständlich für Erna Buscham. Die kümmert sich außerdem um die Geschenke. Und da heißt es: aufgepasst.

"Man muss auf die Nationalität achten", sagt sie. Präsente für chinesische Musiker verpackt sie nicht in der Farbe Weiß. Die steht für Trauer, das gehöre sich nicht. Auch wichtig: kein Wein für Künstler unter 18. Und: bei den Damen sollte der Blumenstrauß am besten zum Kleid passen. Überhaupt Blumen - immer welche für alle Fälle vorhalten, falls jemand Wichtiges in Begleitung kommt, erzählt sie.


Noten vergessen? Notfallplan!

All das lässt sich planen und vorbereiten, doch was, wenn einem Orchester plötzlich das Notenmaterial abhanden gekommen ist? Notfall! In diesem Fall wird´s schon mal hektisch. Dann helfen alle zusammen, sagt Erna Buscham. Logistisch nicht zu unterschätzen: die Beförderung der Instrumente. "Das wäre, als würde man eine zweite Person transportieren." Die werden mitsamt ihren Besitzen von bis zu fünf Fahrern abgeholt. Die steuern meist die Bahnhöfe in Fulda und Würzburg, den Frankfurter Flughafen und in Ausnahmefällen die direkten Konzertspielorte auch außerhalb Deutschlands an. Manche Musiker bleiben fünf oder sechs Tage in Bad Kissingen, andere reisen noch am selben Abend weiter zum nächsten Konzert. Die Festival-Planer haben Puffer eingebaut, aber ein Streik wäre etwas, worauf Erna Buscham gerade gut verzichten könnte.

Über all den Planungsdetails steht für das Organisationsteam aus einem halben Dutzend Leuten die Herausforderung, heuer mit zwei Intendanten zusammenzuarbeiten. Kari Kahl-Wolfsjäger wird sich mit diesem Kissinger Sommer von der Stadt verabschieden, ihr Nachfolger Tilman Schlömp lernt die gerade erst kennen. "Jeder muss sich aufeinander einstellen", sagt Erna Buscham. Außerdem versucht das Festival gerade, sich ein frisches Images zu erarbeiten: Ein Kissinger Sommer nicht nur für einen "ausgewählten Kreis", sondern für alle.
Wenn Erna Buscham mal eine Pause braucht von Handy und PC, geht sie nach draußen. Walken, Gärtnern, Frisbee spielen - dabei fährt sie runter.Nach dem Festival macht sie erstmal Urlaub. Doch jetzt freut sich auf "den ein oder anderen Konzertmoment". Denn: "Es ist immer wieder erstaunlich, wie einen die Musik mitnehmen kann."

Karten:
Vorverkauf Eintrittskarten gibt es im Kurgarten an der Tourist-Information im Arkadenbau und per telefonischer Bestellung unter 0971/8048444.

Abendkasse Die Abendkasse öffnet 45 Minuten vor den Veranstaltungen.