Aus dem Thulbatal nach Texas:Die Oberthulbaerin Kerstin Vaessen arbeitet als Kanzlerin im Deutschen Generalkonsulat in Houston. In deutschen Ämtern würde man sie Verwaltungsleiterin nennen. Die 50-Jährige trat 2018 die Stelle an und unterstützt seitdem als rechte Hand den Generalkonsul. "Ich bin jetzt im vierten Jahr in Houston und habe noch ein Jahr verlängert", berichtet sie. Bis Sommer 2023 bleibt sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern im Süden der USA. Dann steht die nächste Versetzung an: Alle vier, spätestens fünf Jahre wechseln vom Auswärtigen Amt entsandte Botschafts- und Konsulatsmitarbeiter den Dienstort.

Vaessen ist als Verwaltungsleiterin für die Personalangelegenheiten im Generalkonsulat zuständig, und dafür dass der Dienstbetrieb läuft. Im Gegensatz zu einer Botschaft liegt der Fokus eines Konsulats auf konsularischen Aufgaben für deutsche Staatsangehörige. Das sind vor allem das Ausstellen von Pässen und Hilfe in Notsituationen. Ein Konsulat erteilt aber auch Visa an ausländische Staatsangehörige, die nach Deutschland reisen möchten.

Am Generalkonsulat Houston ist Vaessen zugleich Sachbearbeiterin in der Wirtschaftsabteilung. "Wir beobachten den Markt, besuchen Messen, begleiten Messeauftritte deutscher Firmen, berichten dem Bundeswirtschaftsministerium und schauen nach Zugängen für kleinere und mittelständische Unternehmen", erklärt sie.

Das Generalkonsulat in Houston ist nicht nur für Texas zuständig, sondern noch für vier weitere Bundesstaaten im zentralen Süden. Das Weltraumkontrollzentrum der NASA liegt im Zuständigkeitsbereich, das Texas Medical Center (größter medizinischer Komplex der Welt mit 54 medizinbezogenen Einrichtungen) und vor allem das Zentrum der amerikanischen Energiewirtschaft.

"Houston nennt sich die Energiehauptstadt der Welt und will demnächst die Energiewende-Hauptstadt der Welt werden", sagt Vaessen. Ölfirmen seien zwar nach wie vor präsent, aber Texas produziere schon jetzt die meiste Windenergie in den USA - vor allem mit onshore Windparks, also Anlagen an Land. Im sturmanfälligen Golf von Mexiko finden sich bislang dagegen keine offshore-Windkraftanlagen.

Sie habe den Eindruck, dass die Energiewende von amerikanischen Großkonzernen inzwischen sehr ernst vorangetrieben wird. "Der Zug rollt, da gibt es kein zurück mehr", sagt sie. Viele Unternehmer seien zu der Überzeugung gekommen, dass an der Energiewende viele Jobs und viele Gewinne hängen. "Profit und Arbeitsplätze ziehen da als Argument", berichtet die Diplomatin.

Karriere im Auswärtigen Amt

Als sie 1990 ihr Abitur am Gymnasium in Bad Kissingen in der Tasche hatte, entschloss sie sich, eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin zu beginnen. Damals hätte sie nie gedacht, später einmal Karriere beim Auswärtigen Amt zu machen und mitunter ihr Leben im Dienst für die Bundesrepublik in Gefahr zu bringen. "Wenn es nach meinem Vater gegangen wäre, hätte ich das auch nicht", sagt Vaessen. Dann wäre sie in Oberthulba geblieben und hätte den elterlichen Betrieb übernommen.

Sie war jedoch von klein auf ein weltoffener, neugieriger Mensch, den es nicht im ländlichen Bayern gehalten hat. Andere Kulturen, die Anonymität von Großstädten - das reizt sie bis heute. "Für mich war klar, dass ich etwas mit Sprachen machen und unabhängig sein wollte", sagt sie. Nach der Ausbildung begann sie als Fremdsprachenkorrespondentin beim Auswärtigen Amt in Bonn - und landete im Protokoll. Das heißt, sie wurde bei der Organisation von Staatsbesuchen eingesetzt. Vaessen half beispielsweise, den Besuch von Queen Elizabeth 1992 in Deutschland vorzubereiten. Ein Jahr später reiste sie mit 22 Jahren als Teil einer Delegation von Bundeskanzler Helmut Kohl durch Asien.

Nächte im Schutzraum bis Evakuierung

Eine Arbeitsstelle wie die jetzige in den USA ist im Auswärtigen Dienst nicht selbstverständlich. Vaessen war in ihrer Karriere auch in Kriegsgebieten im Einsatz. Das erste prägende und lebensgefährliche Abenteuer begann 1997, als sie auf eine Stelle in der Deutschen Botschaft in Bujumbura in Burundi (Ostafrika) kam. Gegen das Land war damals ein internationales Embargo verhängt, es gab noch kein Internet und keinen regulären Flugverkehr. "Es war nicht einfach den Umzug dorthin zu organisieren", erinnert sich Vaessen. Angst davor, in eine von Völkermord, Krieg und Gewalt gebeutelte Krisenregion zu kommen, hatte sie jedoch nicht. Sie sei damals recht naiv und abenteuerlustig gewesen.

Die junge Frau erlebte jedoch mit, wie der Bürgerkrieg immer schlimmer wurde, wie sich Bujumbura nach und nach zum Kriegsschauplatz verwandelte. Ausgangssperren waren an der Tagesordnung, sich frei in der Stadt zu Bewegen war am Ende unmöglich. "Ich habe manche Nacht unterm Bett oder im Sicherheitsraum miterlebt." Wenn sie mit ihrer Mutter in Oberthulba telefonierte, versuchte sie diese stets zu beschwichtigen: Nein Mama, da sind keine Explosionen.Aber das stimmte nicht: "Der Tod war am Ende ganz nah dran." Vaessen vertrat Deutschland auf den lokalen UN-Krisensitzungen, 1999 wurde die Botschaft dann geschlossen und die Mitarbeiter evakuiert.

Zeit für Familienglück

Als Ausgleich für die überstandenen Strapazen versetzte das Auswärtige Amt Vaessen an ein ruhigeres Pflaster: Sie kam an das Generalkonsulat nach Vancouver in Kanada. Sie genoss die Freiheit nach dem Bürgerkrieg und lernte dort ihren Mann kennen, kein Kanadier, sondern ebenfalls ein Deutscher. Sie blieb nicht die vollen vier Jahre in Kanada, sondern kehrte vorher nach Deutschland zurück, um noch einmal die Schulbank zu drücken und ein Verwaltungsstudium für den Auswärtigen Dienst zu absolvieren.

Von dort ging es 2005 an die Botschaft nach Tallinn weiter. Aus Sicht der Familie erwies sich die Zeit in Estland als Glücksfall. Vaessen war häufig zu Besuch bei ihren Eltern, bekam in dieser Zeit ihre beiden Kinder, die jeweils im ersten Lebensjahr auch einige Monate in Oberthulba aufwuchsen und dort den Kindergarten besuchten. "Meine Mutter hat es immer bedauert, dass ich weggezogen bin. Das war eine sehr schöne Zeit für meine Eltern und meine Kinder", erzählt sie. Noch heute verbinden ihre Kinder den Gedanken an Deutschland vor allem mit Oberthulba, viel mehr haben sie von Deutschland bislang noch nicht kennengelernt. "Oberthulba ist die Basis."

2010 stand der erste Umzug als Familie an, als Kerstin Vaessen an die Deutsche Botschaft nach Amman in Jordanien (Arabische Halbinsel) versetzt wurde. Ein neues Land mit neuer Sprache, neue Schulen für die Kinder, dazu eine neue Stelle. "Ein Umzug ist immer eine doppelte Herausforderung", sagt sie. Ein halbes Jahr ist für die Umzugsvor- und nachbereitung nötig. Aber es lohnte sich: Jordanien ist ein Mekka für Archäologen, entsprechend begleitete die Botschaft viele Grabungsprojekte.

Terror erreicht Familie in Ouagadougou

Vier Jahre später ging es nach Burkina Faso weiter. "Damals war das noch eine friedliche Oase in Westafrika, aber wir sind in eine unruhige Zeit gekommen", erzählt die Oberthulbaerin. Sie wurde als Sachbearbeiterin für wirtschaftliche Zusammenarbeit in die Hauptstadt Ouagadougou beordert. Dort stieg sie nach zwei Jahren zur Verwaltungsleiterin und stellvertretenden Botschafterin auf.

2014 kam es zunächst zu einem Militärputsch, in den Jahren danach überzogen islamistische Terrorgruppen das Land mit Gewalt, plünderten Dörfer, attackierten Schulen. Vaessen sagt: "Wir mussten beobachten, wie immer mehr Landesteile zu No-Go-Zonen erklärt wurden. Letztlich gewöhnt man sich an vieles, aber es wurde nicht besser." Ausländer, gleich ob Franzosen, Amerikaner, Briten oder Deutsche, führten in der Hauptstadt noch ein vergleichsweise sicheres Leben. Deshalb sei sie auch mit der Familie in dem Land geblieben.

Aber auch in Ouagadougou wurde es gefährlicher. Höhepunkt war ein Terrorangriff auf die französische Botschaft mit 90 Verletzten und mehreren Toten im März 2018. Die Lage war extrem unübersichtlich, Vaessen hatte in Vertretung des Botschafters das Krisenmanagement für die Deutschen zu koordinieren. Das hieß: Die eigenen Leute in Sicherheit bringen und abtauchen, bis die unmittelbare Gefahr überstanden war. "Für die Kinder war die Situation dramatisch. Sie konnten schließlich aus der Schule abgeholt und - wenn auch teilweise ohne ihre Eltern - an sichere Orte gebracht werden." Deutsche wurden bei dem Anschlag keine getötet oder verletzt.Trotz der Vorkommnisse blieb Vaessen die restlichen Monate bis zur Versetzung nach Houston in Burkina Faso.

Die Erfahrungen in den Krisengebieten in Afrika haben sie psychisch widerstandsfähiger werden lassen, sagt sie. Den Job beim Auswärtigen Amt finde sie trotz allem toll, weil er so vielseitig ist. An dem Umgang mit Krisen ist sie gewachsen. "Was ich aus den Krisen gelernt habe: Es ist niemandem gedient, wenn ich in Panik verfalle. Wenn ich realistisch einschätze, dass ich nichts machen kann, muss ich sehen, dass ich an eine Stelle komme, an der ich etwas bewegen kann." Das gelte für eigentlich alle schwierigen Situationen im Leben.

Der Kontakt zu Eltern und zur Heimat

"Solange meine Mutter gelebt hat, war ich immer sehr gut über die Heimat informiert", sagt Vaessen. Ihre Mutter hob ihr wichtige Artikel aus der Saale-Zeitung bis zum nächsten Besuch zum Durchlesen auf, oder schickte ihr die Ausschnitte zu. "Für meine Mutter war es wichtig, dass sie mit mir über solche Dinge reden konnte." Ist sie auf Heimatbesuch in Oberthulba , genießt sie es, zu ihrem Friseur von früher und in Bad Kissingen in vertrauten Läden einkaufen zu gehen. "Auch nach 18 Jahren im Ausland hänge ich noch an vielen deutschen Produkten", meint sie und lacht.

Heimatbesuche könnten in Zukunft wieder öfter anfallen, denn als nächste Station ist Deutschland im Gespräch. Auch, weil die im Ausland aufgewachsenen Kinder dann in Deutschland studieren könnten. Auf lange Sicht würde sich Vaessen gern nach Kapstadt (Südafrika) versetzen lassen. "In den afrikanischen Ländern, in denen ich bisher war, war Reisen leider kaum möglich", erklärt sie. Die Konflikte würde sie das nächste Mal lieber gegen eine Safari eintauschen.