Elvira Raum* ist eine kluge, rationale Frau. Die 81-Jährige hat am Telefon schon zweimal Enkeltrick-Betrüger erkannt und auflaufen lassen. Nie hätte die Frau aus Unterfranken gedacht, dass ausgerechnet sie übers Ohr gehauen wird. Und es ist doch passiert. Weil die Telefonbetrüger ihr die größte Angst machten, die eine Mutter haben kann - dass ihrem Kind etwas passiert ist.

Als Elvira Raum das Telefonat entgegennahm, verstand sie erst nichts. Zu laut schluchzte und weinte die Frau am anderen Ende. Gerade, dass sie "Mama" entschlüsseln konnte. Mit klopfendem Herzen und weichen Knien sagte Elvira Raum "Sabine*, bis du's? Was ist denn passiert?" - doch jetzt wurde der vermeintlichen Tochter der Telefonhörer abgenommen. Eine Kommissarin meldete sich mit Namen, sagte: "Ihre Tochter Sabine hat einen schweren Autounfall verursacht. Der Unfallgegner ist gerade verstorben. Bitte bleiben Sie in der Leitung."

Perfides Vorgehen

Was dann folgte, ist an Perfidie kaum zu überbieten. Eine ganze Armee an Betrügern sorgte dafür, dass die Rentnerin im Glauben blieb, ihrer Tochter sei schreckliches passiert und sie bräuchte jetzt, sofort, eine hohe Summe als Kaution. Da wird ein Staatsanwalt aufgefahren, der mit sonorer Stimme sagt, er warte auf ein Fax des Ermittlungsrichters. Da kommt ein zweiter Polizist hinzu, der weitere Fragen stellt - und immer mit dem Befehl verbunden, bloß nicht aufzulegen. Zweieinhalb Stunden später ist Elvira Raum ein Nervenbündel, das zur Bank geht, mehrere Tausend Euro abhebt und sie einem "Zivilpolizisten", dem Kurier der Bande, übergibt.

Noch auf dem Heimweg nötigen sie die Betrüger, unbedingt am Handy zu bleiben. Zuhause ruft sie sofort ihre Tochter an. Die meldet sich entspannt, fragt, was es denn gäbe. Das ist der Moment, in dem die Mutter voller Erleichterung ist - und ihr eiskalt wird, durchdrungen vom Wissen, einer gemeinen Bande in die Hände gefallen zu sein. Die Scham darüber wiegt oft schwerer als der Verlust des Geldes.

Mafiöse Struturen

Geschichten wie diese können überall in Franken erzählt werden. Organisierte Kriminalität, so beschreiben es Ermittler. Die Kriminalpolizei in Würzburg arbeiten daran, den Betrügern das Handwerk zu legen - doch oft scheint es wie eine Hydra: Sie schlagen einen Kopf ab - und an anderer Stelle wächst ein neuer nach.

Was Elvira raum nicht weiß: Sie hat vermutlich mit einem Callcenter telefoniert, der nicht einmal in Deutschland stehen muss. Elvira Raum ist nicht allein - viele alte Menschen werden derzeit Opfer dieser Banden. So verlor ein Rentner in Weiden einen hohen sechsstelligen Betrag. Erst vor fünf Tagen wurde ein Frau im Landkreis Haßberge zum Opfer, sie übergab mehrere tausend Euro an die Betrüger die auch ihr vorgaukelten, ihr Sohn habe einen schweren, tödlichen Unfall verursacht.

Die Ermittler

Im Polizeipräsidium Unterfranken in Würzburg ist eine Abteilung spezialisiert auf die sogenannten Schock-Anrufer. Darunter die Ermittler Karl Bauer* und Manfred Schrenk*. Beide wollen ihre Namen nicht in der Zeitung lesen. Die Betrüger würden die echten Namen der beiden Polizisten eventuell für den nächsten Schock-Anruf nutzen - ein weiteres perfides Detail, um die Opfer im Glauben zu lassen, sie würden mit echten Polizisten telefonieren.

Es gibt nicht die eine Betrügerbande, "es sind mehrere", sagen sie. Oft würde aus Polen operiert werden, auch die Mitglieder, die das Geld abholten, seien oft Osteuropäer. Dass momentan so viele Fälle in ganz Franken aufkommen, sei nicht ungewöhnlich. "Das geht oft in Wellen", sagen sie. Zwei Wochen lang sei es ruhig, "dann kommen auf einmal 50 bis 60 Anrufe am Tag bei uns an". Jedoch: Die Dunkelziffer sei wesentlich höher. "Es gibt ja viele Betroffene, die den Betrug bemerken und gleich auflegen. Von diesen Fällen wissen wir oft nichts, dabei wäre es wichtig für uns."

Sogar mit falscher Notrufnummer

Jedoch: Die Masche ist oft psychologisch zu gut durchdacht, um sofort aufzufliegen. "Und wenn jemand einen Rest Zweifel hat, dann wird ihm der auch noch ausgeredet." Zum Beispiel so: Die Betrüger fordern das Opfer auf, doch während des Telefonats die 110 oder die 112 zu wählen - hierzu simulieren die Betrüger ein Amtsfreizeichen und fordern das Opfer gleichzeitig auf, nicht aufzulegen. Sobald die Opfer die 110 tippen, hören sie das Freizeichen. Am anderen Ende aber tun die Betrüger nun so, als ob die Opfer mit einer Einsatzzentrale verbunden wären. Dort wird der "Fall" angeblich aufgenommen - und es wird zurück zum "Kollegen" verbunden. Viele gerade ältere Opfer, die technisch nicht so versiert sind, fallen darauf herein und sind sich nun sicher, dass das Lügenmärchen von der verunglückten Tochter stimmen muss. Entscheidend ist es, potenziellen Opfern klarzumachen, dass sie immer den Hörer auflegen oder die rote Auflegetaste drücken, bevor sie sich bei der "echten" 110 melden. Die Täter können mit entsprechender Technik jede beliebige Rufnummer (Polizei, Hausbank, Staatsanwaltschaft) im Display des Opfers anzeigen lassen.

Abholer, Logistiker, Keiler

Die Betrüger werden von der Polizei in drei Gruppen unterteilt: in Abholer, Logistiker und "Keiler", die Keiler sind dann die angeblichen Polizisten oder Staatsanwälte. Die Logistiker bringen das Geld außer Landes, oft in 10 000 -Euro-Margen, denn nur, was über dieser Summe liegt, muss beim Zoll angemeldet werden. Kürzlich gab es einen schönen Erfolg, der federführend von Münchner Kollegen geleitet wurde. So konnte ein Callcenter in der Türkei ausgehoben werden. Die Bandenstruktur dieses Callcenters agierte von der Türkei aus nach Deutschland und auch der unterfränkische Bereich war betroffen. Im Rahmen der Ermittlungen kam es zu Durchsuchungen und zahlreichen Festnahmen in der Türkei. In diesem Zusammenhang wurden in der Türkei über 100 Millionen Euro Vermögen beschlagnahmt. Darunter befand sich auch Immobilienbesitz, wie Luxuswohnungen und Büroräume, sowie Gold und Luxus-Autos. Im Rahmen der bundesweiten Zusammenarbeit konnte diesem Verfahren auch ein Fall aus Unterfranken zugeordnet werden, bei dem das Opfer fast eine Million Euro übergeben hatte. Nunmehr wird geprüft, in wie weit dem Mann sein Schaden aus dem in der Türkei beschlagnahmten Wertgegenständen ersetzt werden kann.

Wichtig: Zusammenarbeit

Gerade in diesem Fall, sagen die Polizisten, ist zu erkennen, welch wichtigen Stellenwert eine bundesweite - aber auch die internationale Zusammenarbeit - der Ermittler hat.

Was die Beamten in Unterfranken sofort nach der Zerschlagung des Rings gemerkt haben: Die Fälle von falschen Polizisten gingen schlagartig zurück - es war ein Wespennest, was sie zerstört hatten.

Braucht die Ermittlungsgruppe mehr Personal? Beide lachen. "Wir brauchen immer Personal." Was sie aber auch brauchen, ist mehr Prävention. "Wenn Sie jemand auffordert, ihm Geld zu übergeben - das kann ein Enkel sein, ein Polizist oder ein Kurier für eine vermeintliche Kaution: Holen Sie sich eine Person Ihres Vertrauens dazu." Denn nüchtern betrachtet, ohne Schock und Einlullerei, ist den Opfern schnell klar, was hier gerade passiert - dass sie übers Ohr gehauen werden.

Der Weisse Ring

Martin Koch war bis 1996 der Leiter der Würzburger Kriminalpolizei. Seit dem ersten Jahr in Pension engagiert er sich für die Opferschutz-Organisation "Weisser Ring", jetzt ist er Außenstellenleiter in Würzburg. In seiner Laufbahn hat er oft Menschen betreut, die dem Schock-Anruf oder dem Einkeltrick aufgesessen sind. "Vor allem der Enkeltrick ist für die Betroffenen schwer zu verdauen." Die Opfer seien meist alt und einsam. "Wenn dann ein vermeintlicher Familienangehöriger sich meldet, sind diese Menschen erst einmal glücklich." Und wenn der Enkel dann fragt, ob er Geld haben könne und die Oma noch dazu bittet, der Mama nichts zu sagen - dann ist der Weg zur Bank oft die Folge.

Wie kann der Weisse Ring helfen? "In erster Linie reden wir mit den Menschen und versuchen, sie zu trösten." Allein das Wissen, dass viele Menschen auf dieselbe Art und Weise betrogen wurden, helfe. "Und wenn jemand nach dem Betrug kein Geld mehr hat, dann helfen wir auch mit einer gewissen Summe, damit er wieder unbesorgt leben kann." Laut der Statuten des Weissen Rings kommt diese Unterstützung aber für betuchte Menschen leider nicht infrage. "Aber die meisten freuen sich, dass sie erst einmal jemanden zum Reden haben und dass sich jemand um sie kümmert."

Tipps der Polizei

"Leg auf", so heißt die aktuelle Präventionskampagne der Polizei Unterfranken. Die Tipps, die die Beamten darin geben:

Gesundes Misstrauen ist keine Unhöflichkeit

Der Anrufer macht Druck? Das ist Teil der Masche. Legen Sie einfach auf.

Die echte Polizei fordert niemals vermögen von Ihnen, um eine Ermittlung durchzuführen

Verwandte fordern sofortige finanzielle Hilfe? Seien Sie misstrauisch!

Übergeben Sie nie Geld oder Schmuck an Unbekannte.

Die Polizei-Beratungsstelle ist unter der 09721/202-1835 zu erreichen. Die Beamten geben Ihnen weitere wertvolle Tipps

*Name geändert