Sie sind nützlich, vielseitig einsetzbar und äußerst bequem. Die Rede ist von den Feuchttüchern. Es gibt eine riesige Auswahl, unter anderem zur Desinfektion von Toiletten, zur Reinigung von Fußböden und Möbeln, um Mund und Hände von kleinen Dreckspatzen zu säubern und auch für den Po.
Häufig landen letztere dann in der Kanalisation, weil es auf der Verpackung auch so draufsteht. "Feuchtes Toilettenpapier" nennt sich beispielsweise ein Produkt eines Baby-Produkte-Herstellers. "Die Tücher können problemlos die Toilette hinuntergespült werden, weil sie sich im Wasser wirklich auflösen", steht auf der Rückseite der Packung. Und nicht nur da. Auch andere Hersteller von feuchten Toilettentüchern werben damit, dass ihre Produkte biologisch abbaubar seien und somit über die Toilette entsorgt werden könnten. "Nur gibt es keine Angaben darüber, wie lange deren Abbau dauert", sagt Franz Wehner dazu, seines Zeichens Abwassermeister beim Abwasserzweckverband (AZV) Aschach-Saale.
Etwa zweieinhalb Stunden braucht es, bis so ein Feuchttuch beispielsweise die Kanalisation von Stangenroth bis zur Kläranlage nach Großenbrach passiert, erklärt er. Aber aufgelöst hat es sich innerhalb dieser Zeit nicht. Vielmehr trägt es dazu bei, dass die Pumpen in der Kläranlage oder in den Pumpstationen verstopfen. "In den letzten Jahren hat das extrem zugenommen, kommen die Verstopfungen immer öfter vor", sagt der 62-Jährige und zeigt entsprechende Fotografien von dem jüngsten Störfall.
Die Feuchttücher sind aus Vlies, einem Stoff aus zusammenhaftenden Fasern. Sie verbinden sich mit anderen Fremdkörpern in der Kanalisation, die dort auch nichts zu suchen haben, wie etwa Tampons, Zahnseide oder Strumpfhosen zu mehreren Zentimeter starken Zöpfen, die wiederum die Wellen und Klappen in den Pumpen lahmlegen. Bei den Rücklaufpumpen beispielsweise geschieht das mittlerweile etwa ein bis zwei Mal im Vierteljahr, sagt Wehner.


Allerhand Unrat

Der Blick auf den Grobrechen in der Kläranlage bestätigt Wehners Aussage von den zahlreichen Fremdkörpern in der Kanalisation. Allerhand Unrat befindet sich darauf, auch Feuchttücher sind darunter. "Das ist das Ergebnis der Hopp-und-Weg-Mentalität", so der Fachmann. Dass diese Einwegprodukte beispielsweise nicht nur die Umwelt, sondern auch die Allgemeinheit belasten, wissen nur wenige. Denn die Reparaturkosten und Sondereinsätze, um beispielsweise die Verstopfungen zu beseitigen, werden auf die Abwassergebühren umgelegt.
Nehmen die Störfälle weiter zu, könnten die Gebühren schon bald steigen. Ein Problem, das nicht nur der AZV Aschach-Saale hat, sondern die Betreiber von Kläranlagen deutschlandweit. "Durch Verstopfungen oder lahmgelegte Pumpwerke entstehen jedes Jahr Schäden in Millionenhöhe an unseren Abwassersystemen", schreibt das Umweltbundesamt in einer Pressemitteilung vom September vergangenen Jahres.
Ein weiteres, nicht zu unterschätzendes Problem sind Chemikalien und Fette. "Noch immer werden zahlreiche Speisereste über die Toilette entsorgt. Manchmal wird sogar das Fett von Fritteusen hineingegossen", weiß der Abwassermeister. Entsprechend hat der Fettabscheider in der Kläranlage gut zu tun. Eine grün-braune, übelriechende und körnige Masse schwimmt auf dem Abwasser. "Ganz vermeiden lässt sich Fett im Abwasser jedoch nicht", ist sich Wehner bewusst. Schließlich waschen wir es beim Duschen oder Baden auch von unserer Haut, allerdings nicht in dieser Dimension.


Resistente Chemie

Und was passiert mit der Chemie, aus der das Duschgel, der Badezusatz und das Waschmittel bestehen? Auch diese Stoffe werden in Großenbrach aus dem Abwasser geklärt. "Stickstoff, Kohlenstoff und Phosphate werden biologisch von den Bakterien abgebaut", erklärt der Fachmann. Weitere Zusätze werden in speziellen Behältern auf chemischem Weg gelöst.
Aber nicht alles kann die Kläranlage aus dem Abwasser filtern. So verbleiben beispielsweise verschiedene Salze, Hormone, Drogen oder Medikamente in dem geklärten Wasser und werden in die Flüsse und Bäche, in Großenbrach ist es die Fränkische Saale, eingeleitet. "Ein Ergebnis ist, dass beispielsweise Fische vermännlichen", weiß Abwassermeister Wehner, der sich regelmäßig mit seinen Kollegen in ganz Deutschland über Probleme in Klärwerken austauscht.


Jeder sollte sich dran halten

Dabei gebe es für viele der angesprochenen Probleme einfache Lösungen. "Es müsste sich nur jeder daran halten, Speisereste und Fette, Hygieneartikel sowie die feuchten Toilettentücher über den Hausmüll entsorgen", sagt er. Zudem empfiehlt der Abwassermeister einen sparsamen Umgang mit Wasch- und Reinigungsmitteln und keine Klosteine. "Denn damit entsorgt die Industrie schon seit über 20 Jahren hochgiftige Reststoffe."

Daten Die Kläranlage in Großenbrach wurde 1978 in Betrieb genommen, von 2007 bis 2008 saniert und erweitert. Aktuell sind rund 8500 Einwohner aus Burkardroth und Bad Bocklet angeschlossen sowie Gewerbebetriebe, somit wird eine Leistung zwischen 10 000 und 12 000 Einwohnergleichwerten (EW) erreicht. Bis zu 19 500 EW können über die Anlage maximal versorgt werden. Durchschnittlich werden zwischen 2000 und 2500 Kubikmeter Abwasser pro Tag in Großenbrach geklärt, bei Regen bis zu vier Mal so viel.