Situationsbedingt musste ein stilles Gedenken die sonst von Bürgern und der Stadt durchgeführte Gedenkfeier für die Opfer der Pogromnacht am Seelhausplatz ersetzen. Hier, wo einst die Synagoge der Saalestadt stand, widmeten der Bürgermeister und die Geistlichen beider Konfessionen sowie ein kleiner repräsentativer Kreis den Opfern dieses unfassbaren Geschehens eine Erinnerung.

"Es ist bedauerlich, dass wir nicht wie in vergangenen Jahren mit weit über 100 Menschen gemeinsam gedenken können. Ich bin trotzdem dankbar, dass wir - unter gegebenen Umständen - ein würdevolles, offizielles Gedenken vornehmen können", so Bürgermeister Armin Warmuth im Beisein seiner Stellvertreter Elisabeth Assmann und Christian Fenn.

Aus einem Augenzeugenbericht verlas Warmuth die Geschehnisse des 9. Novembers 1938, als auswärtige NSDAP-Gruppen die Wohnungen jüdischer Mitbürger verwüsteten und die Nachbarn mit Drohungen einschüchterten, die mit Entsetzen hinter Gardinen zusahen. Mit Bitterkeit mussten sie mit ansehen, wie selbst der fast blinde, alte Samuel Sichel ins Gefängnis abgeführt wurde. Am darauffolgenden Tag warfen die Horden Kultgegenstände der Hammelburger Synagoge in den Hof und zerschlugen die Gesetzestafel mit den Zehn Geboten.

Als "spontanen Volkszorn" von der NS-Propaganda betitelt, kam den Schergen das Attentat eines jüdischen Jugendlichen auf einen deutschen Diplomaten in Paris wie gerufen. Die systematische Entrechtung der Juden in Deutschland vorantreibend, mussten diese ihr gesamtes Vermögen abgeben, jüdischen Ärzten wurde die Approbation entzogen. Die Tat eines Einzelnen stellte der "Völkische Beobachter" wie folgt dar: "Jeder Jude werde von Stand an ohne Gnade behandelt." Dies war das Signal für den schlimmsten Völkermord der Menschheitsgeschichte.

"Wir sind heute zusammengekommen um zu verhindern, dass sich die Augen vor dieser barbarischen Wahrheit jemals verschließen vor dem, was ideologisch verblendete Menschen anrichten können. Die Gedenk-Stunde möge bekunden, dass wir uns daran erinnern, wie alles begann und wohin es führte", so der Bürgermeister mit Blick auf die jüngsten Anschläge in Paris, Nizza und Wien und in Halle und Hanau.

Anlehnend an die Worte von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, nannte er den rassistischen Terror "einen Angriff auf das Herz der Demokratie, den wir niemals hinnehmen". Jüngste Ereignisse in Deutschland, die die Pandemie zum Vorwand für Demonstrationen nahmen und Hass-Botschaften an Politiker und Wissenschaftler verschicken, rütteln die Menschen auf und mahnen zur Wachsamkeit - auch 75 Jahre nach Beendigung des Zweiten Weltkriegs. In Erinnerung an die ermordeten jüdischen Mitbürger, die in der Stadt, in Untererthal, Westheim und Bonnland lebten und als "sichtbares Zeichen der Mahnung" legte Warmuth einen Kranz mit der Aufschrift "Gegen das Vergessen" an der Gedenktafel nieder. Mit seinem Dank an Pfarrer Robert Augustin und Gemeindereferent Markus Waite, die begleitende Worte und den Segen sprachen, ging er zum Abschluss auf Arnold Samuels ein, der im August dieses Jahres verstarb.

Er lebte in der Kissinger Straße und verließ als Elfjähriger mit seinen Eltern die Heimatstadt. Die Familie emigrierte in die USA. Arnold kehrte - ab 1945 als US-Soldat - mehrmals nach Hammelburg zurück. Für seinen Großvater, Samuel Sichel, wurde 1995 ein Gedenkstein auf dem gleichnamigen Platz erstellt. Zuletzt 2013 in seiner ehemaligen Heimat, freute er sich vor Schülern des Frobenius-Gymnasiums über die Entwicklung in Deutschland. In seinem Eintrag ins Goldene Buch der Stadt ist vermerkt: "Nie vergessen was und wie es geschah - stets daran arbeiten, dass es nie wieder geschehen kann." Das Gedenken begleitete Friedbert Heckmann mit passender Musik. Bereits am Vorabend hatten die Bürger Gelegenheit, Kerzen auf dem Seelhausplatz zu entzünden und ein stilles Gebet zu entrichten. Markus Waite und Maria Heckmann verlasen dabei die Namen der Opfer, Stefan Eideloth rahmte die Gedenkstunde musikalisch ein.