Vor 26 Jahren kaufte sich der Hammelburger Hans-Josef Fell sein erstes Elektroauto. Das Thema lag ihm schon früh am Herzen. Im Gespräch mit der Redaktion erklärt Fell, der von 1998 bis 2013 für die Grünen im Bundestag saß, wie sich die E-Mobilität inzwischen entwickelt hat und warum man im Prinzip nicht günstiger fahren kann. Der 69-Jährige, der heute Präsident der von ihm initiierten Nichtregierungsorganisation (NGO) "Energy Watch Group" ist, verrät auch, ob er schon einmal mit leerem Akku liegen geblieben ist, und gibt Tipps für den E-Auto-Kauf.

Herr Fell, Sie haben sich bereits 1995 Ihr erstes Elektroauto angeschafft. Wo haben Sie das denn damals überhaupt herbekommen?

Hans-Josef Fell: Mein erstes Elektroauto war ein Einsitzer, der in Aub bei Würzburg produziert worden ist. Damals gab es ja noch keine Modelle von den großen Konzernen. Bei kleinen mittelständischen Firmen wurde man aber durchaus fündig. 1996 haben wir uns dann ein zweites Elektroauto geleistet. Das hatte neben dem elektrischen Antrieb auch einen Muskelantrieb.

Man musste das Auto also wie bei der Familie Feuerstein mit den Füßen antreiben?

Im Prinzip war das Ganze wie ein Liegefahrrad, nur mit zwei Sitzen und vollkarosseriert. Aber der Elektroantrieb war schon notwendig. Gerade wenn es bergauf ging. (lacht) Mit der eigenen Muskelkraft hat man vielleicht 10 bis 15 Prozent beigesteuert. Ich bin mit dem Twike, so hieß das Fahrzeug, immer von Hammelburg bis nach Schweinfurt zur Arbeit gefahren. Es war auch für die Autobahn zugelassen und hatte eine Reichweite von 90 Kilometern.

Wie haben damals Ihre Nachbarn auf Ihr ungewöhnliches Gefährt reagiert?

Das Fahrzeug hat natürlich erstmal große Aufmerksamkeit erregt. Die Reaktionen reichten von totaler Ablehnung bis zu bewundernder Zustimmung. Meine Schüler - ich war ja Lehrer am Schweinfurter Humboldt-Gymnasium - fanden das Ganze hochinteressant. Ich habe damals an der Schule extra eine Steckdose installieren lassen, sodass ich das Twike während des Unterrichts aufladen konnte. Meine Frau und ich, wir haben uns dann noch ein zweites, größeres Auto gekauft, dass mit Pflanzenöl getankt werden konnte. Deswegen kann ich sagen, dass ich seit 1996 klimaschonend und erdölfrei unterwegs bin.

Woher kommt Ihr Engagement für das Thema?

Das ist in meiner Jugend, vor allem in den 1970er-Jahren, entstanden. Nachhaltigkeit, Klimaschutz oder auch die Verknappung der Ressourcen, im Zuge der Ölkrisen, rückten damals in den Vordergrund. Ich wollte nicht einer der Verursacher sein und habe mich engagiert, wollte Lösungen mit auf den Weg bringen. Das zieht sich bis heute durch mein Leben.

Sind Sie jemals mit leerem Akku liegen geblieben?

Ich bin inzwischen sicher einige 100 000 Kilometer elektrisch gefahren. Einmal ist es mir passiert, dass die Batterie schneller zur Neige ging als erwartet. Da bin ich in Oberthulba von der Autobahn runter. Meine Frau hat mich dann dort abgeholt. Insgesamt aber lässt sich alles dank der Messsysteme im Auto exakt vorhersagen. Die Reichweiten sind inzwischen auch richtig beachtlich. Unser zweiter Renault Zoe, den wir uns 2018 gekauft haben, schafft bis zu 380 Kilometer. Wir waren auch schon öfter damit in Österreich im Urlaub, da sucht man sich halt zum Zwischenladen ein schönes Städtchen aus.

Wie war das mit dem Laden in den Anfangsjahren?

Anfang der 2000er gab es eine erste Welle für Elektrofahrzeuge und auch einzelne Tankstellen, zum Beispiel bei den Stadtwerken in Würzburg. Die Automobilindustrie hat sich damals aber noch geweigert, das Thema weiter auf den Weg zu bringen, sodass die Infrastruktur teilweise wieder abgebaut wurde. Es gab jedoch eine kleine Gruppe von Elektroantriebfans. Wir haben untereinander ein Netzwerk gegründet und uns gegenseitig Steckdosen, also Ladeplätze, zur Verfügung gestellt. Das wurde auch genutzt. Das Internet hat den Austausch untereinander wesentlich begünstigt.

Wie fühlt es sich an, ein E-Auto zu fahren?

Ich bin das Twike wirklich sehr gerne gefahren. Man darf auch die positive Wirkung, die der Muskelantrieb, also im Prinzip das Fahrradfahren, auf die Gesundheit hat, nicht vergessen. Mit dem Renault Zoe hatten wir 2013 dann eines der ersten Modelle, die optisch einem ,normalen‘ Auto ähneln. Das Fahrgefühl war sofort richtig toll. Es ist geräuschlos und ruhig. Das Fahren fühlt sich beinahe wie ein schwebender Zustand an. Auch wenn Freunde oder Bekannte bei uns mitfahren, ist es die Ruhe, die ihnen als Erstes auffällt. Wichtig ist aber, dass es auch nicht ganz ruhig ist. Denn viele Fußgänger verlassen sich nur auf ihr Gehör, deswegen haben sich die Entwickler bei niedriger Geschwindigkeit etwas einfallen lassen.

Wo tanken Sie Ihr E-Auto?

Wir haben seit 1991 eine Solaranlage auf dem Dach. Und im Keller steht ein Blockheizkraftwerk, das mit Pflanzenöl befeuert wird. So erzeugen wir das ganze Jahr über Strom. Mit dem Ende des ersten Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) gibt es kaum mehr eine Vergütung für meine alte Solarstromanlage. Einspeisen bringt nicht viel. Also mussten wir überlegen: Was machen wir? Jetzt haben wir eine zweite Solaranlage dazugebaut und große Batterien. Damit sind wir energieautark und vom Netz losgelöst.

Sie sind also komplett unabhängig vom Stromnetz?

Ja, seit Februar dieses Jahres erzeugen wir die gesamte Energie, die wir verbrauchen selbst. Der Anschluss zum Netz ist noch da, aber wird nicht gebraucht. Man muss dabei keineswegs auf Komfort verzichten, wir haben zum Beispiel eine Sauna im Haus und die E-Autos brauchen viel Strom. Das Ganze ist auch nicht wahnsinnig teuer, sondern refinanziert sich über einen Zeitraum von etwa zehn Jahren.

Wie hat sich die E-Mobilität mit den Jahren gewandelt?

Die technischen Möglichkeiten sind heute natürlich viel ausgereifter. Es gibt Modelle mit Reichweiten von über 500 Kilometern. 2013 kam der erste Fünfsitzer auf den Markt. Viele meinten damals, ihnen sei das zu unsicher mit der Reichweite. Diese lag bei 150 Kilometern. 2018 brachte Renault dann ein Modell mit größerer Reichweite auf den Markt. Aber plötzlich stellten die Händler eine Nachfrage nach gebrauchten Modellen fest. Viele hatten überlegt und gemerkt, dass man eine große Reichweite gar nicht braucht. Im Tagesdurchschnitt fährt man ja um die 20 Kilometer. Da reicht ein E-Auto immer. Durch gute Zuschüsse steigt die Kaufnachfrage aktuell. Aber das ist 20 Jahre zu spät. Andere Länder wie die USA und vor allem China sind schon viel weiter. Oder in Europa Norwegen. Dort machen E-Fahrzeuge schon mehr als die Hälfte der Autos aus.

Auch die Ladeinfrastruktur hat sich bestimmt verbessert, oder?

Die Ladeinfrastruktur hat sich deutlich verfeinert. Es gibt viel mehr Stationen. Das Ladenetz ist aber noch nicht ausgereift. Es gibt viele unterschiedliche Betreiber. Manchmal passiert es, dass meine App, mit der ich auch bezahlen kann, an der Ladesäule keine Verbindung herstellen kann. Es herrscht noch ein großer Bedarf nach Vereinheitlichung. Wenn man eine lange Reise macht, sollte man den Akku am besten nicht ganz leer fahren, damit man eine Station ansteuern kann, die auch sicher passt. Ich habe zudem immer ein Kabel dabei, mit dem ich das Auto an der Steckdose laden kann. Das dauert zwar länger, aber, wenn man am Urlaubsort angekommen ist, stört das nicht weiter.

Die E-Mobilität steht öfters auch mal in der Kritik. Was sagen Sie dazu?

Natürlich braucht man zum Beispiel die viel zitierten Seltenen Erden. Aber das sind Materialien, die andere auch verwenden. Kobalt zum Beispiel findet sich in jedem Verbrennungsmotor. Das Ganze ist im Grunde eine Kampagne der Autoindustrie, um saubere Technologien zu verunglimpfen. Dabei finden sich in jedem Handy, jedem Fernseher und jeder Waschmaschine diese Materialien. Nicht zuletzt, achten die E-Mobil-Hersteller sehr auf die Lieferketten. Ein großer Vorteil der E-Mobilität, der in der Diskussion oft vergessen wird, ist, dass sie komplett erdölfrei ist. Die Verbrennung von Erdöl trägt nicht nur zur Klimaerwärmung bei. Erdöl ist auch ein knapper Rohstoff, um den Kriege geführt werden oder über den sich Terror und fragwürdige Regime finanzieren. Auch die Luftverschmutzung ist ein wichtiger Aspekt. Daran sterben jährlich etwa 125 000 Menschen in Deutschland, über die spricht keiner. Mehr E-Mobilität könnte das alles verhindern.

Was muss noch passieren, um die E-Mobilität voranzubringen?

Es braucht eine stärkere Gesetzgebung. Die EU-Kommission hat schon mehrere Anläufe unternommen, um die Mengen an CO2 und anderen Luftschadstoffen zu reduzieren. Seit 1995 hat die Bundesregierung das jedoch weitestgehend verhindert und Vorstöße immer wieder abgewehrt. Im Prinzip müsste die gesamte Mobilität umgestellt werden. Ich habe in China schon elektrisch angetriebene Kanalreinigungsmaschinen gesehen. Auch für Traktoren gibt es erste Anbieter. Natürlich wird es im Bereich der Verbrenner teurer, wenn man die Grenzwerte verschärft. Im Vergleich sind E-Autos aber heute schon billiger. Und die Kundenvorteile sind massiv. Man tankt zuhause, macht seinen Strom selbst - und wenn sich die Investitionen ausgeglichen haben, ist das alles kostenlos. Im Grunde fallen auch kaum Werkstattkosten an. Denn alle Elemente, die bei den Verbrennern für die meisten Reparaturen sorgen, die gibt es beim E-Auto nicht. Man muss zum Beispiel auch keinen Ölwechsel machen.

Bis wann wird sich die E-Mobilität in Deutschland durchgesetzt haben?

Ich schätze, dass bis 2026 oder 2027 die Neukäufe bei den Automobilen nur noch elektrisch sein werden. Das wird sich sehr, sehr schnell entwickeln.

Haben Sie einen Tipp für jemanden, der sich ein E-Auto anschaffen will?

Man sollte genau prüfen und sich überlegen, welche Fahrwünsche man hat. Abhängig davon entscheidet sich, ob man eine große oder kleine Batterie braucht. Das ist eigentlich der größte Kostenpunkt, wobei die Batterien auch schon billiger geworden sind. Auch die Befürchtung, dass die Batterien nur eine recht kurze Lebensdauer haben, hat sich erübrigt. Meine Frau und ich zum Beispiel, wir haben 2013 die Batterie für unser E-Auto gemietet, weil wir dachten, dass wir sie dann zurückgeben, wenn die Effizienz unter 75 Prozent fällt. Das ist aber bis heute nicht passiert. Es gibt keinen Verlust, die Batterie ist wie neu. Wer ein E-Auto kauft, sollte sich zuhause auch eine eigene Lademöglichkeit schaffen. Das ist im Eigenheim natürlich leichter, da kann man eine Solaranlage und Batterien installieren, und den Strom vom eigenen Dach holen. Für Mieter ist es schwerer, da muss man mit dem Vermieter sprechen und eine Lösung suchen. Bei Neubauten sind Ladestationen übrigens inzwischen vorgeschrieben. Unter dem Strich kann ich sagen: Mit einem E-Auto fährt man billiger, umweltfreundlicher - und es macht auch richtig Spaß.

E-Autos und Verbrenner im Vergleich: Eine Einschätzung der Verbraucherzentrale

Kostencheck Was die Kosten betrifft, verweist die Verbraucherzentrale auf einen Vergleich, den der ADAC durchgeführt hat. Nahezu alle am Markt erhältlichen E-Autos und Plug-In-Hybride wurden hierbei hinsichtlich der Gesamthaltungskosten mit konventionellen Autos verglichen, die für die E-Autos erhältlichen Fördergelder von bis zu 9000 Euro bereits eingerechnet. Das Ergebnis: In den meisten Fällen schnitten E-Autos günstiger als vergleichbare Benziner oder Diesel ab. Abrufbar ist das Dokument im Internet unter: assets.adac.de/image/upload/v1617875633/ADAC-eV/KOR/Text/PDF/E-AutosVergleich_zh4t1e.pdf

Ladenetz Derzeit gibt es laut Verbraucherzentrale rund 40 000 öffentlich und teilöffentlich zugängliche Ladepunkte in Deutschland. "Zu beachten ist dabei, dass die alleinige Anzahl nicht ausschlaggebend ist, sondern auch die räumliche Verteilung eine wichtige Rolle spielt", erklärt Gregor Kolbe, Referent Verkehrsmärkte bei der Verbraucherzentrale. In ländlichen Gebieten oder entlang von Autobahnen sehe es teilweise noch mau aus.

CO2-Bilanz Das E-Auto starte momentan mit einem CO2-Rucksack - bedingt durch den im Vergleich zu Benzinern und Dieseln hohen Energie- und Ressourcenaufwand bei der Produktion. "Jedoch sinkt der CO2-Nachteil im Betrieb beträchtlich, wenn regenerativ erzeugter Strom fürs Laden verwendet wird", so Kolbe.

Lebensdauer Da in E-Fahrzeugen weniger bewegliche und potentiell verschleißbare Teile verbaut sind, geht man allgemein von einer längeren Lebensdauer aus, wie die Verbraucherzentrale berichtet. Offen sei noch die Frage nach der Lebensdauer der Batterie. Erste Erkenntnisse von alten E-Autos würden jedoch zeigen, dass die Batterien auch ein ganzes Fahrzeugleben halten und anschließend zum Beispiel anderweitig verwendet oder recycelt werden können.