Sieglinde und Heribert Schilling haben es nachgeschlagen: In der ersten Stadt-Chronik von Notar Philipp Josef Doell ist die Gründung des Bürgerspitals auf das Jahr 1343 datiert. Deshalb steht auf dem Transparent, das die beiden 84-Jährigen mit zur Kundgebung auf den Viehmarkt gebracht haben: "Finger weg vom Bürgerspital, besteht seit 1343!" Heriberts Vater war viele Jahre als Stadtrat fürs Bürgerspital zuständig, für die Senioren ist das Pflegeheim aus der Stadt nicht wegzudenken. Und so geht es allen mehr als 100 Bürgern, die ebenfalls zu der von SPD und CBB organisierten Kundgebung auf den Viehmarkt kamen.

"Soziale Seele und Herz"

Als "soziale Seele und Herz" im Zentrum Hammelburgs bezeichnete SPD-Stadtrat Norbert Schaub die Einrichtung. "Es bietet 38 pflegebedürftigen Menschen Geborgenheit und eine familiäre Atmosphäre." Wie alle anderen Redner auch betonte er die Integration der Einrichtung in die Altstadt. Schaub verwies zudem darauf, dass das Bürgerspital unter anderem mit der Genehmigung des Landratsamtes 2004 generalsaniert wurde. Umso größer ist die Kritik an der im Landratsamt angesiedelten "Fachstelle für Pflege und Behinderteneinrichtungen, Qualitätsentwicklung und Aufsicht" (FQA). Dass die Behörde die Frist für die Umsetzung gesetzlicher Vorgaben nur bis 2021 verlängert habe, sieht Schaub als "Einstieg in eine Schließung oder andere Nutzung des Bürgerspitals".

Gleich mehrere Redner berichteten über eigene Erfahrungen mit dem Bürgerspital: Die Mutter von CBB-Stadtrat Reimar Glückler zum Beispiel habe fünf Jahre dort gewohnt, der Vater von Anni Misch, Sprecherin des Seniorenbeirates, zwei Jahre. "Meine Mutter hat sich im Bürgerspital wohl gefühlt, sie hat gewusst, dass dort nicht jedes Zimmer eine Nasszelle hat", sagte Glückler. "Jeder kennt die Situation dort und zieht trotzdem ein, weil es ganz andere Kriterien für Lebensqualität gibt", ergänzte Anni Misch.

Stiftung hat kaum Rücklagen

Glückler verwies darauf, dass die Stadt Hammelburg das Bürgerspital bisher nie finanziell unterstützen musste, im Gegenteil gebe es sogar eine Erstattung für Arbeiten der Stadtverwaltung. Viel Spielraum habe die Stiftung allerdings nicht: "Das Guthaben ist in etwa so hoch wie die Verbindlichkeiten", berichtete Glückler. Umso wichtiger sei, dass die Zahl der Pflegeplätze nicht von 38 auf 25 reduziert werden muss, wie es ein Konzept vorsehe: "Das würde dazu führen, dass das Haus nicht mehr wirtschaftlich zu führen ist", betonte Glückler. Wie mehrere Redner vertrat er die Meinung, dass eine Frist-Verlängerung bis 2036 im Rahmen des Gesetzes möglich sei.

CBB-Stadtrat Dr. Reinhard Schaupp ging unter anderem auf die historische Bedeutung ein: Das Bürgerspital sei eine "über Generationen hinweg identitätsstiftende Einrichtung". Schaupp griff auch Stadträte anderer Fraktionen an, die ein "ergebnisoffenes Verfahren" gefordert hätten. Schaupps Antwort: "Wir wollen kein ergebnisoffenes Verfahren. Wir wollen vielmehr ein Verfahren, das den Fortbestand des Pflegeheims sichert." Von Landrat Thomas Bold forderte er eine "Bestandsgarantie für das Bürgerspital". SPD-Stadträtin Rita Schaupp verlangte zudem vom Bürgermeister eine Information über den Stand der Klage der Stadt.

Warmuth: "Ganz viel getan"

Bürgermeister Armin Warmuth war als Gast auf der Kundgebung, sei aber nach eigenen Worten nicht auf der Rednerliste vorgesehen gewesen. "Wir haben ganz viel getan", verwies er darauf, dass auch der Stadtverwaltung die Erhaltung des Bürgerspitals wichtig sei. Aktuell würden zwei Fachbüros parallel in Absprache mit der FQA nach Lösungen suchen. Ergebnisse sollen bis Ende Oktober vorliegen. Zum Stand der Klage will Bürgermeister Warmuth am Montag in der Stadtratssitzung Stellung nehmen.

Ebenfalls vor Ort war der stellvertretende Landrat Gotthard Schlereth, der für Freie Wähler und CBB im Kreistag sitzt. Deshalb schlug er auch versöhnliche Töne an und lobte vor allem die sachliche Diskussion bei der Kundgebung. "Ich bin mir ziemlich sicher, dass es Lösungen geben wird", zeigte sich Schlereth optimistisch. Aktuell werde über die Voraussetzungen für eine Frist-Verlängerung verhandelt, aber: "Ob das gleich bis 2036 sein wird, weiß ich nicht."

Noch kein Konzept vorgelegt

Landrat Bold (CSU) ist aktuell noch im Urlaub, trotzdem gab er auf Nachfrage gestern eine kurze Stellungnahme zum Bürgerspital ab: "Die Frist zur Vorlage eines Konzeptes bis zum Jahr 2016 wurde seitens des Landratsamtes bereits im Jahr 2016 um fünf Jahre verlängert bis 2021", heißt es darin. Erst wenn die Betreiber dem Landratsamt ein Konzept zur baulichen Anpassung des Gebäudes an die gesetzlichen Vorschriften vorlegen, könne das weitere Vorgehen besprochen werden. "Bislang wurde bei der FQA des Landratsamtes kein Konzept eingereicht", stellt Bold klar.